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Kannste dir echt nicht ausdenken

Wer betreibt hier »Identitätspolitik«: Staatsorgane, die racial profiling betreiben? Oder Linke, die das zum Thema machen?

  • Von Frédéric Valin
  • Lesedauer: 4 Min.
Schon wieder so eine unbewiesene Behauptung, mit der die Menschenwürde der Polizisten angegriffen wird: All cops are tanzunfähig.
Schon wieder so eine unbewiesene Behauptung, mit der die Menschenwürde der Polizisten angegriffen wird: All cops are tanzunfähig.

Es wird viel Nebensächliches besprochen, wenn über die umstrittene Taz-Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah geschrieben wird. Pflichtschuldig wird die geplante Anzeige des amtierenden Innenministers gegeißelt, dann wird herumrhabarbert: Aber! Aber der Stil; aber Satire; aber die intersektionale Linke, die so sektiererisch, kleinmütig, unpopulär, akademisch sei; aber die Menschenfeindlichkeit die nun staatliche Institutionen treffe! Als seien Bürgerrechte nicht gerade etwas, das Bürger*innen vor dem Staat schützen solle, sondern andersrum.

Die Kolumne erschien nicht im luftleeren Raum. Der ganz konkrete Anlass war: rassistisch motivierte Polizeigewalt in Deutschland, relative Straffreiheit und rechtsextreme Strukturen innerhalb der Staatsorgane. Also wer betreibt hier eigentlich Identitätspolitik: staatliche Organe, die offen zugeben, racial profiling zu betreiben? Oder Linke, die darauf beharren, das zum Thema zu machen?

Ist der Text unbedingt zu loben? Keine Ahnung, wer dieses Lob erzwingen sollte. Aber die Frage erübrigt sich ohnehin, wenn eine Regierungspartei sich erdreistet, Hengameh Yaghoobifarahs Foto nach Art der Rechtsextremen auf eine Kachel zu packen und sie namentlich unflätig anzuprangern; sie verbietet sich, wenn auch noch der Innenminister anfängt, mit Strafanträgen wild in der Gegend herumzufuchteln. Das ist kein Proseminar in Germanistik mehr.

Die ganz besondere Pointe an diesem Text ist, dass er den Rassismus nicht nur benennt und verarbeitet, sondern auch zum Vorschein bringt. Identität spielt in der Kolumne überhaupt keine Rolle. Es waren dann viele, viele Kritiker*innen, die das in die Diskussion eingebracht haben; mit genau dem Move, den sie selbst gleichzeitig geißeln. Satirischer als die Kolumne sind all die halbgaren Solidarisierungen, die keine sein wollen, von Leuten, die einst mit Inbrunst das französische Satireblatt »Charlie Hebdo« und die dänische Tageszeitung »Jyllands-Posten« (die 2005 die sogenannten Mohammed-Karikaturen publizierte) verteidigt haben. Sowas kannste dir echt nicht ausdenken.

Mehr kann man von einer Satire nicht verlangen, als dass sie die Lachhaftigkeit nicht nur der Regierung, sondern auch noch weiter Teile der Eliten offenlegt. Wer das dann für schlechte Satire hält, könnte anfangen, wenn er denn dächte, über seine verstaubten ästhetischen Kategorien nachzudenken. Und nein, das zu fordern, ist kein Sprechverbot.

Ja, aber ist das denn vernünftig, fragen einige; kommt man mit diesen Fragen an Macht? Lassen sich so Mehrheiten organisieren? Nein, jetzt ziemlich sicher nicht. Aber was einer Linken droht, die ihre eigenen Überzeugungen und ihr Gespür für Gerechtigkeit verliert, kann man recht gut an der Sozialdemokratie sehen, spätestens seit Gerhard Schröder da etwas zu sagen hatte. Deren opportunistische Dialogbereitschaft hat zu ihrem andauernden Abstieg in die Bedeutungslosigkeit geführt, und das zu Lasten jener Menschen, die sie zu schützen vorgab.

Der linke Opportunismus hat diese Gesellschaft nicht weitergebracht; währenddessen bewegt sich die Rechte weiter ins Autoritäre. Inzwischen sind sich CDU und AfD im Innenausschuss, der über eine Kolumne in einer Zeitung spricht, in ihrer Ablehnung weitgehend einig. Seehofer hat aus seinen Vorlieben für autoritäre Gestalten nie einen Hehl gemacht. Wenn jetzt niemand radikal wird, wird es irgendwann keine Gelegenheit mehr geben, radikal zu sein.

Hier »Kriegslogik« zu vermuten, heißt auch, Seehofer beizuspringen, der allen Ernstes die Ausschreitungen in Stuttgart auf einen Text in der Taz zurückführt und damit seine eigene Kriegslogik etabliert. Und wenn Innenministerium und Polizei Kriegslogik etablieren, sind hinterher Menschen tot. Wenn intersektionale BIPoCs oder trans-Personen ein bisschen laut werden, sind weiße alte Männer beleidigt. Beides ist nur für eine der beiden Parteien gefährlich. Es ist nämlich völlig klar, dass die Mehrheitsgesellschaft ihren uneingestandenen Rassismus und Sexismus reaktivieren wird, sobald sie sich bedroht fühlt. Da steht die Mehrheit, und sie ist nicht organisierbar. Die Kolumne »All cops are berufsunfähig« hat das eindrucksvoll bewiesen.

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