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Potsdamer Stiftung wird herausgefordert

Mit Plattform »Lernort Garnisonkirche« gewinnt kritische Auseinandersetzung um den Wiederaufbau klares Profil

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit einem Paukenschlag hat eine neue kritische Stimme in der Debatte um den Wiederaufbau und vor allem die künftige Nutzbarmachung der Potsdamer Garnisonkirche das Wort ergriffen. Seit Freitag ist das von der Martin-Niemöller-Stiftung getragene Portal »Lernort Garnisonkirche« (www.lernort-garnisonkirche.de) online. Die Initiatoren selbst sehen darin eine Einladung zur Auseinandersetzung, wie Gerd Bauz vom Vorstand der Stiftung erklärte. Eine Herausforderung sei es, ja vor allem »ein Affront an die Stiftung Garnisonkirche«, die seit 2017 in einem ersten Schritt den in der Landeshauptstadt höchst umstrittenen Wiederaufbau des Kirchturms vorantreibt.

Die Vorstellung der Plattform und des dazugehörigen wissenschaftlichen Beirates erfolgte in Berlin und nicht, wie geplant, im früheren DDR-Rechenzentrum, das nach der 1968 erfolgten Sprengung der Ruine der Garnisonkirche auf dem historischen Standort erbaut wurde. Weil in Potsdam am Freitag eine Weltkriegsbombe entschärft wurde, mussten die Organisatoren kurzfristig umdisponieren und nach Berlin einladen. Träger, Redaktion und Beitrag des vorerst also virtuellen »Lernortes« stehen dem Wiederaufbau, der Kopie der 1735 fertiggestellten und 1968 als Symbolbau des preußischen Militarismus abgerissenen Hof- und Garnisonkirche ablehnend bis kritisch gegenüber.

»In der ambivalenten Geschichte Preußens repräsentiert sie dessen problematische Seite: Sie steht nicht für Aufklärung, Emanzipation und Liberalität, sondern für Dynastie und Gehorsam, sie steht nicht für Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, sondern für Expansionsstreben und Machtanspruch«, betonen die Autoren. »Sie steht nicht für Bildung und Wissenschaft, sondern für Militär und Staatskirche, sie steht nicht für den demokratischen Freistaat Preußen der Weimarer Epoche, sondern für die antidemokratischen Kräfte des Deutschen Reichs.«

Die Plattform »Lernort Garnisonkirche« will aufklären über die Geschichte des Ortes und eine vertiefte Forschung initiieren. Sie ist so gesehen ein im besten Sinne textlastiges, stetig wachsendes Projekt und zugleich Archiv für einen späteren realen Lernort. Schon zum Start der Website sind mehr als 30 Beiträge von rund 20 Autoren abrufbar, wie der Publizist Philipp Oswalt informierte, der der ehrenamtlichen Redaktion angehört. Dem zehnköpfigen wissenschaftlichen Beirat, der sich vor gut zwei Wochen konstituiert hat, gehören zum Teil ausgewiesene Experten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts an. Zur Vorsitzenden wurde die Ostberliner Historikerin Annette Leo, zum Stellvertreter der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik gewählt.

»Ich möchte darauf hinwirken, dass insbesondere Schülerinnen und Schüler, auch Studenten nahegebracht wird, was diese Garnisonkirche in Deutschland für die deutsche Geschichte, für den Weg ins nationalsozialistische Unheil im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik erbracht hat«, erklärte Brumlik. »Es geht darum, was in dieser Garnisonkirche an antidemokratischen Inhalten unter dem Deckmantel des Kirchenglaubens verbreitet wurde.« Wichtig sei das gerade in einer Zeit, in der europaweit autoritäre und rechtspopulistische Strömungen zunähmen.

Die 2001 in der Debatte um den Wiederaufbau der Kirche entstandene Idee eines Lernorts deutscher Geschichte sei von der Stiftung Garnisonkirche zwar stets proklamiert, aber bis heute nicht mit Inhalt erfüllt worden, sagte Gerd Bauz. Das übernehme man nun selbst. Hauptinhalte seien die Geschichte der historischen Garnisonkirche, der Heilig-Kreuz-Gemeinde von 1949 bis heute, des Potsdamer Rechenzentrums von 1971 bis heute sowie die des Rekonstruktionsprojektes seit 1984.

»Der ganze Ort kann die Widersprüchlichkeit der deutschen Geschichte deutlich machen«, sagte der Potsdamer Aktivist Carsten Linke. Auch das Rechenzentrum will er erhalten. »Wollen wir wirklich nur eine Ausstellung im Tourismustempel Garnisonkirche, zwischen Café und Aussichtsturm, an der man mit dem auch Aufzug vorbeifahren kann«, fragte er. »Oder wollen wir dort einen Lernort gestalten, der sich mit der deutschen Geschichte, mit dem Militarismus und mit dieser Stadt beschäftigt?«

Die bei Blindgängersuche in der Havel entdeckte Fünfzentnerbombe musste am Ende gesprengt werden. Sie war offenbar bei dem alliierten Luftangriff auf Potsdam am 14. April 1945 abgeworfen worden, dem auch die Garnisonkirche zum Opfer fiel.

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