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Impfstoffsuche geht in Phase drei

Der Konflikt zwischen den Weltmächten steht der Entwicklung von einem Covid-19-Impfstoff im Weg

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.
In China werden massive Anstrengungen bei der Impfstoffsuche gegen Covid-19 unternommen.
In China werden massive Anstrengungen bei der Impfstoffsuche gegen Covid-19 unternommen.

Nachdem chinesische Wissenschaftler am 10. Januar erstmals die Genomsequenz des Coronavirus mit der Welt teilten, begann über Nacht das globale Wettrennen nach einem Impfstoff. Die Kandidaten aus der Volksrepublik gelten als durchaus vielversprechend: Laut Angaben der Nationalen Gesundheitsbehörde haben fünf potenzielle Impfstoffe Testreihen am Menschen begonnen - und drei Arzneimittel bereits die zweite von drei Phasen abgeschlossen.

Nun stehen die Pharmaunternehmen vor einem ungewöhnlichem Problem: Ausgerechnet der eigene epidemiologische Erfolg bremst die Suche nach einem Impfstoff aus. Für die dritte Phase an klinischen Tests benötigt man möglichst viele Probanden, die dem Virus ausgesetzt sind. In China jedoch ist die Epidemie derzeit unter Kontrolle: Laut den staatlichen Zahlen gibt es im gesamten Land aktuell 485 Infizierte, wobei allein 270 auf die Hauptstadt Peking entfallen, die in den letzten zwei Wochen von einer erneuten Viruswelle heimgesucht wurde.

Die Lösung liegt im Ausland: Die »China National Biotec Group« hat einen Vertrag mit den Vereinigten Arabischen Emiraten unterschrieben, das Pharmaunternehmen Sinovac geht eine Kooperation mit dem Coronavirus-Hotspot Brasilien ein, um dort die letzte Phase der menschlichen Tests mit 9000 Freiwilligen durchzuführen.

Als ersten Schritt forschen Wissenschaftler nach vielversprechenden Impfstoffstämmen, die zunächst an Tieren auf die Bildung von Antikörpern hin getestet werden. Dann folgen drei Phasen klinischer Testreihen am Menschen: In der ersten Phase wird an wenigen Probanden die Sicherheit des Arzneimittels eruiert, in der Zweiten dessen Wirksamkeit an mehreren hundert Menschen getestet. Für die letzte Phase muss der mögliche Impfstoff über mehrere Monate an einige tausend Freiwillige verabreicht werden. Erst dann kann der Arzneistoff registriert, produziert und vertrieben werden.

In China werden massive Anstrengungen bei der Impfstoffsuche unternommen. Die Pandemie brach schließlich erstmals in Wuhan aus, viele Staaten fordern eine unabhängige Untersuchung über Behördenversagen und Vertuschungsversuche während der ersten kritischen Wochen der Epidemie. Als Impfstoffhersteller könnte Peking solch kritische Stimmen zum Verstummen bringen. Gleichzeitig scheint sich das autoritäre System bei der Suche nach einem Covid-Heilmittel als effizient herauszustellen: Die Regierung verkürzt etwa die gesetzlichen Prozeduren, so dürfen beispielsweise vorklinischen Studien an Tieren und die - an sich erst später folgenden - Tests an Menschen gleichzeitig durchlaufen werden. Zudem stellt der Staat den Unternehmen Virusstämme bereit und fördert deren Arbeit nicht nur großzügig mit Geldzuschüssen, sondern entsendet auch die fähigsten Ärzte seiner Armee. Das Resultat kann sich sehen lassen: Von den elf Impfstoffen, die derzeit am Menschen erprobt werden, stammen fünf aus China.

Das Pekinger Unternehmen Sinovac Biotech hat bereits erste Erfolge proklamiert. Laut ersten Forschungsergebnissen soll deren Impfstoffkandidat »Coronavac« bislang wirksam und sicher für den Menschen sein. Dabei handelt es sich um eine »inaktivierte« Version des Virus, die dem Körper eine Infektion vortäuscht. Bis zum Herbst wolle man die letzte Phase der menschlichen Tests abschließen. Wann der Impfstoff jedoch für die Öffentlichkeit verfügbar wäre, darauf will man sich nicht festlegen. Nur so viel: Das Unternehmen sei in der Lage, 100 Millionen Dosen zu produzieren. Die staatlichen Gesundheitsbehörden hoffen, bis September kritische Zielgruppen wie Ärzte und Krankenpfleger impfen zu können.

Trotz der Erfolge blicken einige Wissenschaftler mit Skepsis auf die chinesischen Vorstöße, viele Unternehmen aus der Volksrepublik waren immer wieder in Medizinskandale verwickelt. Das Institut für Biotechnologie-Produkte in Wuhan, das auch an einem Covid-19-Impfstoff arbeitet, hat etwa in der Vergangenheit mehrere hunderttausend Dosen eines Impfstoffs gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten produziert, das potenziell Lähmungen verursachen konnte und den gesetzlichen Anforderungen nicht entsprach. US-Chefepidemiologe Anthony Fauci hat sich gegenüber dem Fernsehsender ABC News skeptisch über die chinesischen Impfstoffkandidaten geäußert: »Ich habe nicht so viel Zuversicht in das, was aus China kommt«. Von vergangener Erfahrung wisse er, dass das chinesische »Material« meist »nicht erstklassig« war.

Klar ist: Der geopolitische Konflikt zwischen den Weltmächten steht der Kooperation bei der Impfstoffsuche im Weg. Im Gegensatz zu US-Präsident Donald Trump, der aus seiner »America First«-Strategie bei der Impfstoffvergabe keinen Hehl gemacht hat, wählt China einen anderen Weg: Präsident Xi Jinping hat öffentlich erklärt, dass man einen Covid-19-Impfstoff als »globales öffentliches Gut« zur Verfügung stellen würde.

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