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Banken profitieren von Corona

Finanzinstitute weiten dank gelockerter Auflagen ihr Kreditgeschäft aus - und schließen noch mehr Filialen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Coronakrise hat einen wahren Kreditboom in Deutschland ausgelöst. Obwohl der Lockdown eigentlich nur wenige Wochen im März betraf, hat er die Dynamik im ersten Quartal erheblich beflügelt: Nachdem sich das Wachstum des Kreditneugeschäfts mit heimischen Unternehmen und Selbstständigen jahrelang abschwächte, hat es sich nun auf 7,3 Prozent verdoppelt, wie die staatliche KfW jetzt errechnete.

Einer der Gewinner ist die Deutsche Bank, die das größte Kreditwachstum seit 20 Jahren mit der »beispiellosen Rezession« in der Wirtschaft begründet. Gerade die kurzfristigen Kredite schnellten in die Höhe, denn die Firmen brauchten in der Krise möglichst viel flüssiges Geld (»Liquidität«), um den Einnahmenverlust auszugleichen.

Wachstum im Kreditgeschäft ist Chance und Risiko zugleich. Das Geschäft der Banken wächst, ihre Gewinne im Kreditgeschäft legen trotz Niedrigstzinssätzen wieder zu. Eine Umfrage der Bundesbank unter 34 führenden Banken ergab, dass diese »in allen Bereichen die Margen ausweiten« konnten. Das gilt auch für das Privatkundengeschäft, hier vor allem durch erhöhte Gebühren beispielsweise für das Girokonto.

In der Praxis scheinen die Kreditinstitute nun wieder höhere Zinsen von ihren Firmenkunden zu verlangen als vor der Coronakrise. Gleichzeitig bekommt nicht jedes Unternehmen Geld geliehen. Die Institute verschärften nämlich ihre Kreditbedingungen, um sich für einen möglicherweise heißen Herbst zu wappnen. Wenn die corona-bedingte Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bundesweit endet, rechnen Ökonomen mit einer Flut aus Firmenpleiten. Der Internationale Währungsfonds warnt, dass die Verschuldung von Unternehmen und Haushalten in einigen Ländern unbeherrschbar werden könnte.

Solche sorgenvollen Erwartungen widersprechen nur auf dem ersten Blick der Lockerung der Spielregeln in Deutschland und Europa, etwa durch Aufsichtsbehörden und Zentralbanken. Mitte Juni nahm durch Zustimmung des Europäischen Parlaments ein sogenanntes Bankenpaket der EU die letzte gesetzgeberische Hürde. Es lockert die Vorgaben für die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte. Das kommt in der Finanzbranche natürlich gut an: »Der europäische Gesetzgeber hat mit der Verabschiedung dieses Maßnahmenpakets Handlungsfähigkeit und Augenmaß bewiesen«, lobte Gerhard Hofmann, Vorstand des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken, die Entscheidung. Im Kern laufen die Deregulierungen darauf hinaus, dass die Banken bei der Kreditvergabe weniger Eigenkapital vorhalten muss. Das bedeutet aber mehr Risiko, denn Eigenkapital wirkt in wirtschaftlichen Krisensituationen wie ein Airbag gegen die dann zunehmenden Kreditausfälle.

Allerdings hoffen die deutschen Banken, die Coronakrise ohne größere Blessuren zu überstehen. Das Desaster um den Zahlungsdienstleister Wirecard habe ja ganz andere Gründe. So lautete vor wenigen Tagen der Tenor der Bankenkonferenz »Frankfurt Finance Summit«. Der Unterschied zur weltweiten Finanzkrise 2008/09 sei, dass die Verwerfungen diesmal nicht im Bankensystem begonnen hätten, sondern in der Realwirtschaft, wie Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) bei der Veranstaltung sagte. Zudem hätten Hilfsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank und der Regierung dazu beigetragen, dass Banken nun vergleichsweise stabil dastünden.

Allerdings geht die seit Jahren anhaltende Ausdünnung des Filialnetzes weiter. So will die relativ kleine Hamburger Volksbank 10 ihrer 25 Filialen schließen. »Wir haben während der Corona-Pandemie gemerkt, dass die noch geöffneten Standorte ausreichend sind«, lässt sich Vorstandschef Reiner Brüggestrat zitieren. Andere Genossenschaftsbanken überlegen zusammen mit benachbarten Sparkassen, ob man sich Bankfilialen teilen könne.

Auch bei den Großen beschleunigt die Coronakrise die Filialschließungen: Bei der in der Finanzkrise teilverstaatlichten Commerzbank beispielsweise war acht Wochen lang jede fünfte der 1000 Filialen komplett geschlossen, viele liefen im Kurzarbeitsmodus. Deutschlands zweitgrößte Bank hat bereits deutlich gemacht, dass sie ihr Filialnetz perspektivisch stärker ausdünnen will, als vor Corona geplant. Wie in vielen anderen Bereichen war der Lockdown offenbar auch im Bankensektor ein erfolgreicher Feldversuch für Kürzungen.

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