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Entscheidung um Sirte - oder doch Tripolis?

Nachdem Truppen der Einheitsregierung General Haftar zum Rückzug zwangen, plant der nun den Gegenschlag

  • Von Mirco Keilberth, Tunis
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach dem Ende des Krieges um Tripolis schweigen die Waffen in Libyen. Viele der über 150 000 aus dem Kampfgebiet geflohenen Bewohner versuchen, in ihre Häuser zurückzukehren. Doch Minenfallen und nicht explodierte Munition kosteten nach Berichten von Krankenhäusern in der vergangenen Woche mehr als 60 Zivilisten das Leben.

Auch die Ruhe an der jetzt nach Zentrallibyen verschobenen Frontlinie ist trügerisch. Obwohl internationale Diplomaten wie Stephanie Williams, die Chefin der UN-Mission für Libyen (UNSMIL), einen Waffenstillstand fordern, bereiten sich die Armee von Khalifa Haftar und die Truppen der Einheitsregierung in Tripolis auf die Entscheidungsschlacht um die Stadt Sirte vor. Östlich der Hafenstadt liegt der sogenannte Ölhalbmond, ein von Fördertürmen und Pipelines durchzogenes Gebiet, in dem die größten Ölvorkommen Afrikas liegen.

Die Stellungen in Muammar Gaddafis Heimatstadt sind für die Truppen von Khalifa Haftar und russische Söldner die letzte Chance, ihre Gegner zu stoppen. Haftars «Libysch Arabische Armee» (LNA) hatte innerhalb weniger Wochen sämtliche westlibyschen Städte räumen müssen, die sie in dem 14-monatigen Krieg trotz einer 800 Kilometer langen Nachschubroute unter Kontrolle gebracht hatten. Obwohl Haftar angeblich bereits den Rückzugsbefehl aus Sirte gegeben hatte, griffen die mehrheitlich gegen die Einheitsregierung gestimmten Stämme in Sirte zu den Waffen und stoppten den Vormarsch der Anhänger von Premierminister Fayiz al-Sarradsch.

Ihnen zur Hilfe kamen russische MiG-29-Kampfjets, die Anfang Juni auf dem Militärflughafen in der Oase Jufra stationiert wurden. Nach Aussagen eines regierungstreuen Kommandeurs aus Misrata starben bei zwei Luftangriffen der MiGs 65 Kämpfer. Daraufhin zogen sich die Angreifer zurück. Von dem zentrallibyschen Jufra kann man den Luftraum von Sirte bis Bengasi kontrollieren. Woher die 14 Kampfjets ohne Landeskennung stammen und wer sie fliegt, ist umstritten. Der Sprecher der LNA, Ahmed Mismari, behauptet, es seien reparierte Flugzeuge der libyschen Luftwaffe. Das Afrika-Kommando der US-Luftwaffe in Stuttgart glaubt hingegen, dass es sich um Flugzeuge und Piloten der regulären russischen Armee handelt. Bei einem Besuch in dem Grenzort Zuwara legten Africom-Kommandeur Stephen Townsend, Sarradsch und Innenminister Fathi Bashaga Satellitenfotos vor, die die russische Militärpräsenz zeigen sollen.

Ostlibysche Politiker bestätigten «nd» am Telefon, dass Parlament und Armee der an Ägypten grenzenden Cyreneika-Provinz nun mit Russland einen strategischen Partner gefunden haben.

Das im November vergangenen Jahres geschlossene Wirtschafts- und Militärabkommen mit der Türkei hatte der Sarradsch-Regierung die militärische Wende gebracht. Neben Drohnen schickte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bis zu 12 000 syrische Söldner in die Häfen von Misrata und Tripolis.

Ein Krieg um das strategisch wichtige Sirte wäre nun auch ein türkisch-russischer Konflikt. Unklar ist, ob die Nato dem Mitgliedsland Türkei logistisch hilft. In dem Seegebiet vor Sirte liegen neben zwei türkischen Fregatten auch italienische und französische Kriegsschiffe.

Sirte ist als ehemalige Gaddafi-Hochburg mit dem revolutionären Misrata verfeindet. Viele Gaddafi-Anhänger aus Sirte saßen nach der Revolution in Misrata im Gefängnis. Ähnlich wie im Irak haben ehemalige Regierungseliten die Marke «IS» oder deren Kämpfer für sich genutzt. Dass der sogenannte Islamische Staat in Sirte war, hielt die Revolutionäre aus Misratis lange fern. Nach 2011 und 2016 wäre es der dritte Krieg um den 200 000-Einwohner-Ort, in dem Gaddafi 1999 die Regierungschefs der Afrikanischen Union versammelte.

In einer vom Staatsfernsehen übertragenen Rede machte Ägyptens Staatspräsident Sisi vergangene Woche klar, dass er einer Übernahme von Sirte durch die Sarradsch-Allianz nicht tatenlos zuschauen würde. «Nach einer Militärparade unweit der libyschen Grenze dankte er der ägyptischen Armee für ihre Einsatzbereitschaft »auch jenseits der ägyptischen Grenzen«.

Auch wenn die ägyptische Armeeführung die islamistischen Milizen unter den Sarradsch-Kämpfern als direkte Gefahr ansieht, ein Einmarsch in der Cyreneika auf der Seite Haftars scheint zur Zeit unwahrscheinlich. Das glaubt zumindest der politische Analyst Mohamed Eljahr. »Die Türkei hat es als einziges Land gewagt, offen gegen das Waffenembargo zu verstoßen. Die anderen Regierungen operieren mit materieller Unterstützung ihrer libyschen Partner, auch weil sie diese für nicht zuverlässig halten.«

Der Krieg um Sirte könnte derweil aus einem anderen Grund ausfallen: In Tripolis zeigen sich erste Risse in der Allianz der Sarradsch-Regierung und den vier großen Milizen, die Innenminister Fathi Bashaga in den Sicherheitsapparat integrieren will. Doch das Kartell der quasi zu Wirtschaftsunternehmen gewordenen Gruppen wie Nawasi, »Revolutionäre Wächter«, Gneiwa und Rada fürchten um ihre Machtposition. Unklar ist auch, was aus den syrischen Söldnern werden soll, die viele Hauptstadtbewohner fürchten. Vielleicht findet der nächste Konflikt nicht in Sirte, sondern wieder in Tripolis statt.

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