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Die Kraft der Gelassenheit

Frank Schmidt und der 1. FC Heidenheim setzen ihre lange Erfolgsgeschichte mit der Relegation gegen Bremen fort

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

Ginge es nach der Heidenheimer Zeitrechnung, wäre es mal wieder so weit: Nach fünf Jahren in der dritten Liga stieg der 1. Fußballclub aus der 50 000-Einwohner-Stadt 2014 in die 2. Bundesliga auf. Nun, sechs Jahre später, spielt der 1. FC Heidenheim um den Aufstieg in die Erstklassigkeit. Immer mit dabei: Frank Schmidt. Und noch viel länger, eigentlich schon immer. Nur 200 Meter vom Stadion des Vereins entfernt, wurde der heute 46-Jährige geboren. Im Jahr 2003 kehrte er als Spieler zurück. Nach etwas mehr als 100 Partien als Abwehrchef wurde er vier Jahre später, direkt nach dem Ende seiner aktiven Karriere, Trainer in Heidenheim - und ist es immer noch. Natürlich ist Schmidt der dienstälteste Coach im deutschen Profifußball.

Am kommenden Donnerstag und dem darauffolgenden Montag spielt der 1. FC Heidenheim in der Relegation gegen den SV Werder Bremen. Frank Schmidt wird auch das nicht aus der Ruhe bringen. »Ich schlafe immer gut«, bekannte er jüngst - mitten im hektischen Saisonfinale. Der Blick auf die gerade beendete Spielzeit in der zweiten Liga zeigt, warum an der langen fußballerischen Erfolgsgeschichte im mittleren Westen Baden-Württembergs immer noch weiter geschrieben werden kann.

Die Möglichkeit, um den Aufstieg in die erste Liga zu spielen, ist der bislang größte Erfolg in der Vereinsgeschichte. Klubchef Holger Sanwald aber erklärt: »Die Zielsetzung Bundesliga kann es in Heidenheim nicht geben, dafür sind wir nicht aufgestellt.« Was ein Scheitern an überhöhten Erwartungen und der damit oft verbundenen finanziellen Fehlplanung anrichten kann, beweisen Heidenheims Zweitligagegner. Der neunmalige deutsche Meister und viermalige Pokalsieger 1. FC Nürnberg beispielsweise. Auch die Franken spielen eine Relegation - aber als Drittletzter gegen den Abstieg aus der zweiten Liga. Der Druck beim Club ist so groß, dass am Montag, noch vor den Partien gegen den Drittplatzierten aus Liga drei, der erst im November geholte Trainer Jens Keller gehen musste.

Ein anderer Vergleich veranschaulicht die gute Arbeit in Heidenheim noch besser. Mit einem viel umjubelten Sieg am vorletzten Spieltag der Zweitligasaison gegen den Hamburger SV verdrängte Schmidts Mannschaft den Gegner vom Relegationsplatz. Angesichts der folgenden Heidenheimer Niederlage bei Arminia Bielefeld hätte dem HSV am letzten Spieltag ein Remis gereicht, um im reizvollen Nordduell gegen Bremen antreten zu dürfen. Die Hamburger scheiterten grandios - mit einem 1:5 im Heimspiel gegen den SV Sandhausen. Die Nerven spielten nicht mit, der Druck war anscheinend zu hoch.

Das allein reicht aber nicht als Erklärung für das Scheitern des Hamburger SV. Zum zweiten Mal in Folge verpasste die jeweils mit großem Abstand zweitteuerste Mannschaft der zweiten Liga den Aufstieg. Der Marktwert des Teams vom HSV ist mit knapp 50 Millionen Euro dreimal so hoch wie beim 1. FC Heidenheim. Seit Frank Schmidt im Jahr 2007 den Klub in der Oberliga übernahm, gaben sich in Hamburg 16 Trainer die Klinke in die Hand. Das strukturelle Versagen beim HSV ist bestimmt vom Führungschaos, ausgehend von der Abhängigkeit vom launigen Mäzen Klaus-Michael Kühne, der sich Entscheidungsgewalt erkauft hat.

Man könnte den 1. FC Heidenheim als erfolgreichen Gegenentwurf zum gängigen Bild im Profifußball beschreiben. Kontinuität als Schlüssel zum Erfolg? Wenn Vereinsverantwortliche davon sprechen, handeln sie oft nur wenig später genau gegen das Prinzip. In Heidenheim, so heißt es, kann sich Frank Schmidt nur selbst entlassen. Auf jeden Fall lebt er Identifikation vor. Und erklärt den Erfolg so: »Diese Mannschaft hält extrem zusammen, jeder kennt seine Aufgabe. Das war zwar immer so, aber dieses Jahr ist es noch mal ausgeprägter.«

Auch Eitelkeit, eine weit verbreitete Erfolgsbremse im Profifußball, kann man den Heidenheimern um Frank Schmidt nicht vorwerfen. Er will nicht gefallen. Er ist Trainer, also trägt er immer eine Trainingshose. Und wenn beim Jubeln das Shirt mal den über Jahre gewachsenen Bauch freigibt, dann ist das eben so. Mit dieser Kraft der Gelassenheit geht es nun in die beiden Duelle mit Werder Bremen. Und wenn es nichts wird mit dem Aufstieg? »Dann werden wir wieder demütig in die neue Runde gehen«, erklärt Klubchef Sanwald.

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