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Alle anderen waren wieder Tiere

Best of Menschheit, Teil 26: Identität

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Mensch will kein Tier sein. Zu diesem Zweck hat er sich einiges geschaffen. Religionen, die ihm erzählen, er sei mit göttlichem Auftrag Herr über die Erdennatur. Die Ritualisierung und Industrialisierung der Jagd weit über den Essenszweck und Verstand hinaus. Haustiere, die Reste an Nähe zur Natur vorgaukeln, obwohl sie nur Menschentand sind. Und jede Menge dem komplexeren Menschenhirn entsprungene Konzepte, die dem Menschen geben, was noch das klügste Tier nur für Momente wohl zu erhaschen vermag: das Gefühl von Individualität.

Damit der einzelne Mensch nicht nur irgendein weiteres Exemplar der Spezies ist, bedient er sich aller möglicher Gruppenmerkmale, die er so mischt, dass er sich und anderen als Einzelfall vorkommt. Schon im Mutterleib beginnen die Einordnungen. Welches Geschlecht? Ah, dann reden wir in dieser Stimme mit dem Bauch. Aber weil der Mensch ungern zwischen mehr als zwei Möglichkeiten wählt, muss es Junge oder Mädchen sein, ist das Kind Links- oder Rechtshänder, hetero- oder homosexuell - obwohl die Natur das deutlich flexibler angelegt hat. Zur Vereinfachung behauptete der Mensch irgendwann, diese Kombinationen aus Kategorienzugehörigkeiten bilde seine »Identität«, also so etwas wie eine kollektive Individualität, nach der sich das Menschenkind, das natürlich kein determiniertes Instinktbündel wie ein Tier ist, richten soll.

Doch eigentlich war der Homo sapiens die meiste Zeit schon von diesen Binaritäten restlos überfordert. Linkshänder wurden zu Rechtshändern umgedrillt, Homosexuelle bis auf wenige räumliche und zeitliche Ausnahmen totgeschwiegen und -geschlagen, die beiden Geschlechter brutal geordnet. In einigen angeblich weniger zivilisierten Menschenzivilisationen wurde immerhin ein drittes Zwischengeschlecht gestattet, wenn auch selten in voller Anerkennung.

Dann kam noch die biologisch bescheuerte Vorstellung von »Menschenrassen« hinzu, weil alles für die, die sich den gesamten Planeten krallen wollten, so unübersichtlich geworden war. Ab da war nur wirklich Individuum, wer in den dominanten Kategorien das Richtige mit- und zugeordnet bekommen hatte: »weiß«, heterosexuell, männlich, Rechtshänder; dazu mit der richtigen monetären Klasse und der besten Religion und »Nationalität«. Alle anderen waren wieder Tiere, »Wilde«, mindestens nicht ganz Menschen.

Als das dann zu offensichtlich grausam erschien, emanzipierten sich mühsam die Zugehörigen der vermeintlich schlechten Kategoriekombinationen, aber leider nur so erfolgreich, dass die Kategorienkönige ihre Herrschaftsstrategien verfeinern mussten. Ein Trick, bekannt auch aus der entfernt verwandten Terminologie »Ideologie«, betrifft besagte Identität. Ideologie und Identität haben nämlich immer nur die anderen - was den Kampf dieser um Anerkennung ihrer Individualität delegitimiert. Schau, sagt der unideologische Mensch, der aufgrund seiner Identitäten kaum oder wenige Nachteile zu befürchten hat, mach’s wie ich, scher dich nicht um Zuschreibungen. Würde ich ja gerne, antwortet der wegen seiner Zuschreibungen drangsalierte, aber lass uns erst mal meine Kategorisierungen gleichwertig zu deinen machen, indem wir feiern, was abgewertet wurde. Nein, sagt der Erste, damit zementiert ihr nur Unterschiede, und wir sind doch alle …

Nun ist das alles vielleicht nicht aussichtslos, ist Identität sogar ein akzeptables Vehikel zur Befreiung für den Menschen, der im Schnitt eh alle paar Jahre seines Lebens nicht mehr identisch mit sich selbst ist. Man könnte sich darauf einigen, dass die Kategorien Angebote zum fröhlichen Ausprobieren des Menschseins sind und keine Gefängnisse. Bis das geschieht, ist aber wohl leider der Planet zu heiß fürs Menschsein.

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