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Wegmarke des Niedergangs

Viele radikale Ost-Linke verbinden mit der Währungsunion 1990 vor allem Fremdscham

  • Von Mischa Pfisterer und Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.
Ostberlin von seiner schönsten Seite: Besetztes Haus in der Kastanienallee 86 in Prenzlauer Berg, Ende Mai 1990
Ostberlin von seiner schönsten Seite: Besetztes Haus in der Kastanienallee 86 in Prenzlauer Berg, Ende Mai 1990

»Viele Bilder, die ich heute im Kopf habe, sind eher Medienbilder«, sagt Andrej Holm. Eines steht für den Berliner Stadtsoziologen aber auch in der Rückschau außer Frage: »Die Einführung der Westwährung habe ich nach dem CDU-Sieg bei der Volkskammerwahl am 18. März als eine weitere Wegmarke des Niedergangs wahrgenommen, als Symbol für die kommende Übernahme und das Ende der gerade erst gewonnenen Eigenständigkeit.« Die Bilder von euphorisierten Massen, die am 1. Juli 1990 wie irre D-Mark-Scheine in die Fernsehkameras hielten, lösten bei dem damals 19-jährigen Ostberliner Antifaschisten vor allem eines aus: eine »Form der Fremdscham«.

»Was mich vor allem erschreckt hat, war, dass von einem Tag auf den anderen alle Ostprodukte einfach so aus den Läden verschwunden sind«, erinnert sich Freke Over, damals 22. Over war kurz zuvor aus Westdeutschland nach Berlin gezogen und gehörte zu diesem Zeitpunkt zu den Hausbesetzern in der Mainzer Straße in Friedrichshain. Und die machten aus der Not eine Tugend. »Wir haben vor dem 1. Juli alles uns zur Verfügung stehende Ostgeld eingesammelt und in Berliner Pilsener investiert.«

Ein Teil der so für einen überschaubaren DDR-Mark-Betrag erworbenen unzähligen Bierkisten wurde in dem von Over und anderen Besetzern betriebenen Kiosk in der Mainzer Straße danach für hartes Westgeld weiterverkauft. »Das war ein gutes Geschäft und wohlkalkuliert. Wenn man es genau nimmt, hat sich unser Besetzerkiosk mit der Währungsunion gesund gestoßen.«

In Ostberlin gibt es im Sommer 1990 fast 130 besetzte Häuser, die meisten davon in Friedrichshain. Die ab Ende April nahezu komplett besetzte Mainzer Straße ist dabei von Beginn an fest in den Händen von West-Autonomen wie Over. Für den Ostberliner SPD-CDU-Magistrat ein Ärgernis. »Es kann nicht sein, dass Ostberlin zum Mekka für Pseudolinke und andere Desperados wird«, empörte sich der Innenstadtrat des Magistrats, Thomas Krüger von der SPD. Ostberlin gilt ihm als »die am leichtesten besetzbare Stadt Europas«.

»In dem Sommer waren wir im Grunde jeden Tag unterwegs und haben uns nach leerstehenden Wohnungen umgeschaut«, sagt Andrej Holm, der seinerzeit noch bei seinen Eltern in Hohenschönhausen lebt. Mit Freunden aus der Großwohnsiedlung zieht Holm durch die Innenstadt, speziell durch Prenzlauer Berg. Um auf Dächern zu feiern und um endlich eine eigene Wohnung zu finden.

Wohnungen zu mieten, ist keine Option - die im Osten der Stadt zuvor nicht unübliche nachträgliche Halblegalisierung von »stillen« Wohnungsbesetzungen mittlerweile aber ebenso wenig. »Viele Häuser waren komplett leer und es gab gar keine Nachbarinnen und Nachbarn, die wir nach der zuständigen Mitarbeiterin bei der Kommunalen Wohnungsverwaltung hätten fragen können.«

Über die »Desperados« aus dem Westen sagt Holm heute, dass er »am Anfang auch einfach neugierig auf die Westberliner Polit-Szene« gewesen sei. »Aber irgendwann registrierte ich merkwürdige Rituale und Verhaltensweisen gegenüber uns Ostdeutschen, die ich ähnlich übergriffig empfand wie den gesamtpolitischen Kontext.«

»Die Ostler haben uns für sehr arrogant gehalten, und das waren wir vielleicht auch«, sagt Freke Over. »Wir haben aber auch diesen sanften Weg der vielen Ostbesetzer nicht verstanden, diesen Umgang mit den Volkspolizisten.« Dass man mit überforderten Ostpolizisten reden, gar »Sicherheitspartnerschaften« eingehen könne, um sich vor den zahlreichen alltäglichen Neonazi-Angriffen zu schützen - »das war für uns ein schwieriger Ansatz«.

Tatsächlich herrschte in der Besetzerszene intern keineswegs eitel Sonnenschein. Der Graben verlief jedoch nicht nur zwischen Ost- und Westradikalen. Herkunft und Sozialisation hin oder her: Ein Dorn im Auge war so manchem auch die Geschäftstüchtigkeit der Punk-Genossen. Noch Jahre später klagte die aus der linksradikalen DDR-Opposition hervorgegangene Zeitschrift »telegraph« über »Dekadenz, Geldgier und Arroganz«. Festgemacht wurde dies an den mit Möbeln vom Sperrmüll bestückten Besetzerbars, -cafés und -kiosken - und ganz konkret an den dortigen Bierpreisen. Schamlos überteuert, meinte der »telegraph«: »So wurden die Preise für ein 0,33-Liter-Bier allgemein auf 1,50 M festgelegt, später schnell auf 2,00 M und kurz vor der Währungsunion noch einmal auf 3,00 M angehoben.« Beim Bierpreis hört der Spaß auf.

Überhaupt war bald Schluss mit lustig. »Die Wiedervereinigung Anfang Oktober war das Ende des Sommers der Anarchie«, sagt Over. Einen Monat später - die Volkspolizei ist Geschichte - wird die Mainzer Straße brutal geräumt. Andere Besetzungen wurden unterdessen legalisiert, wieder andere weiter geduldet. Doch auch viele hiervon werden bis Ende der 90er Jahre geräumt. Was bleibt, ist eine auch kommerziell verwertbare Marke, die zum Teil bis heute die Clubkultur prägt: Berlin bleibt dreckig.

»Die Abwesenheit von ökonomischen Verwertungsinteressen und staatlicher Planung erwies sich damals als günstige Voraussetzung für die Etablierung von Subkulturen«, sagt Holm. Die Mechanismen aus der Zeit der Währungsunion würden sich dabei bis in die Gegenwart ziehen. »Ein Bretterclub kann so lange auf einer Brache Partys ausrichten, bis diese Brache für die Immobilienbranche oder den Staat interessant wird.«

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