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Neues Geld und Dosenmais

Als die D-Mark kam, war der Job weg - und es war Urlaubszeit in einer sich auflösenden DDR

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 6 Min.
Denkmalgeschützt: Gästehäuser aus der Anfangszeit der Pionierrepublik in den frühen 1950er Jahren
Denkmalgeschützt: Gästehäuser aus der Anfangszeit der Pionierrepublik in den frühen 1950er Jahren

Der Zugang zu »richtigem« Geld war neben der Reisefreiheit eine der Kernforderungen vieler DDR-Bürger aus dem Wendeherbst. Die harte D-Mark sollte es sein. Als das »neue Geld« dann am 1. Juli 1990 kam, hatte manch einer sein erstes blaues Wunder bereits erlebt und war plötzlich knapp bei Kasse. Viele Tausend DDR-Bürger hatten da bereits ihre Kündigung erhalten - wie auch der Autor dieses Beitrages. Wobei, so ganz neu war das Geld nun nicht. Manchem ist es vielleicht gar nicht bekannt, dass auch hierzulande vom 24. Juli 1948 bis zum 31. Juli 1964 mit der Deutschen Mark (DM) der Deutschen Notenbank gezahlt wurde. Einige der damals herausgegebenen Alu-Markstücke haben als gültiges Zahlungsmittel sogar das Ende der DDR überdauert.

Die erste Begegnung mit der (bundes-)Deutschen Mark hatte ich lange vor mir hergeschoben. Das hing wohl auch mit einer gewissen Scham zusammen, die ich damals als Journalist und Mitarbeiter der staatlichen Nachrichtenagentur ADN empfand. Das »Begrüßungsgeld« von 100 DM erinnerte schon sehr an Almosen. Nach dem Grenzübertritt zahlte es eine Schalterangestellte in einer Sparkassenfiliale irgendwo in Berlin-Gesundbrunnen aus, die im Dezember 1989 bereits ziemlich genervt auf Ossis reagierte. Im Laufe der folgenden Wochen hat sich das dann bei mir und meiner damaligen Freundin überraschend zu einem kleinen Sümmchen vermehrt. Nicht zuletzt dank eines weiteren, vom Freistaat Bayern extra gewährten Willkommensgrußes sowie einiger wohlmeinender Gaben aus dem Verwandtenkreis. Das Geld kam auf die hohe Kante, für harte Zeiten oder »falls es doch wieder andersherum kommt«, wie damals gern gefrotzelt wurde.

Als Bonn mit der neuen DDR-Regierung am 18. Mai 1990 die Schaffung der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion vereinbarte, befand sich auch der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN) im Existenzkampf. Die Regierung unter Lothar de Maizière (CDU) hatte kein Interesse. Angeblich hatte der ADN 1989 insgesamt 1400 Mitarbeiter. Um künftig überhaupt eine Chance im deutschen Mediensystem zu wahren, wurden alle Strukturen gnadenlos verschlankt. Wie sich später zeigte, sah das Überlebenskonzept der Geschäftsführung nur noch 300 Stellen vor.

Im Juni erfasste die Kündigungswelle die ADN-Fremdsprachenredaktion. Im zweiten Anlauf waren dort nach den Übersetzern auch die Redakteure dran. Am 22. Juni 1989 fanden die Entlassungsgespräche statt. Eine Woche zuvor hatte Günter Hundro, einer der neuen Geschäftsführer und langjähriger Auslandskorrespondentenkollege, im persönlichen Gespräch noch beschwichtigt: »Wer ausgerechnet jetzt freiwillig von Bord geht, dem ist nicht zu helfen.« Bis dahin hatte sich die Agentur als Familie verstanden, der man bis ans Ende des Berufslebens verbunden war - oft unabhängig davon, ob man es selbst wollte. »Herr Morgenstern verlässt den ADN auf Grund von Rationalisierungsmaßnahmen«, hieß es im am 27. Juni ausgehändigten Zeugnis lapidar. Für die frühzeitig Entlassenen galt immerhin »Kurzarbeit 0« bei vollem Gehalt bis September. Doch bei Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen in Berlin herrschte Einstellungsstopp.

Was tun, für diese Zeit war der Urlaub längst fest geplant. Im großen Pulk sollte es mit Fahrrädern und Zelten für zwei Wochen Richtung Mecklenburg gehen. Doch aus Angst um den Job waren die Freunde abgesprungen - bis auf einen, Peter K., ein Mitschüler und inzwischen Kollege. Die eigene Freundin, als Redakteurin selbst im Krisenmodus, laborierte an einer Nierenbeckenentzündung herum. Sieben Tage vor der Einführung der D-Mark stiegen wir am S-Bahnhof auf unsere überladenen Diamant-Räder. Es ging durch ein aufgewühltes Land, durch damals mit vielfach überklebten Wahlplakaten sowie Kaffee- und Tabakwerbung tapezierte Städte und Dörfer. Ziel war einer der drei Campingplätze am Werbellinsee. Bei Altenhof tauchte die Frage auf: »Was passiert eigentlich in der Pionierrepublik ›Wilhelm Pieck‹? Was wird daraus jetzt, wo es keine Pioniere mehr gibt?«

Die einst streng abgeschirmte zentrale Erholungs- und Schulungsstätte für Nachwuchskader der Pionierorga᠆nisation erwies sich überraschenderweise unangemeldeten Besuchern gegenüber als aufgeschlossen. Der Einrichtung, die nun als »Kinderland am Werbellinsee« firmierte, waren kurzfristig die erwarteten Ferienkindergruppen ausgeblieben. Man konnte, sonst undenkbar, Zimmer mieten. Die »Poßner-Suite«, wie die Rezeptionistin raunte, war, wie sich zeigte, kaum der Rede wert. Pionierchef Wilfried Poßner jedenfalls, der dort offenbar bei Besuchen zu nächtigen pflegte, hatte es wohl nicht so mit dem Luxus.

Die kleine Republik in der Schorfheide war, wie das ganze Land, in Auflösung. Noch betrieben durch das Ministerium für Jugend und Sport, war die Treuhand neuer Eigentümer. Auf dem Areal arbeiteten mehrere Hundert Menschen - es gab eine eigene Schule, Küchen, Kino und Disko, Konsum, Restaurant, Verwaltung, Werkstätten und so weiter. Fast jeder hier hatte Zukunftsängste. Im Objektladen wurde DDR-Ware verramscht, und in der Mitarbeiterkantine herrschte bei Bier und Schnaps abends Wehmut.

Am Tag darauf, auf dem Zeltplatz an der Voigtwiese unterhalb von Joachimsthal, war die Stimmung besser. Das Städtchen selbst machte es Urlaubern Ende Juni 1990 nicht leicht - denn Geschäfte und Kneipen bereiteten sich auf den Einzug der D-Mark vor. Aus Auslagen und Regalen verschwand Ware »Made in GDR« bis auf das Allernötigste. Und die Wirte putzten die neuen Schankanlagen, hielten sich aber beim Service zurück.

Meine Freundin, genesen, reiste mit dem klapprigen Wartburg nach. Zu dritt trafen wir uns auf dem Campingplatz bei Feldberg. Es herrschte Kaiserwetter, an den damals herrenlosen Kirschbäumen entlang der Straßen haben wir uns gütlich getan. Der Besuch im Hans-Fallada-Museum in Carwitz bleibt auf ewig mit diesem irrwitzigen Sommer verbunden. Als gefühlt das ganze Land am 1. Juli die Wirtschafts- und Währungsunion feierte, haben wir die Zelte abgebrochen - Peter K. trieb die Unruhe heim.

Mit Erfolg fragten wir, kühn geworden, in Feldberg im Ferienheim »Freundschaft« nach einem Quartier. Komplizierter war es, eine Gaststätte zu finden - an diesem Tag hatten die meisten wegen Inventur zu. Eine gute Autostunde entfernt, in Gransee, hatte das erste Haus am Platze geöffnet. Hier hatte die neue Zeit begonnen - mit halben Portionen zum doppelten Preis und mit Dosenmais statt Letscho oder Ananasringen zum Steak.

Die Reise durch das neue D-Mark-Paradies führte an die Ostsee, nach Rügen. Was im Jahr zuvor ein unkalkulierbares Wagnis gewesen wäre, machte der Sommer 1990 - und nur der - möglich: In Göhren nächtigten wir im FDGB-Heim »Friedrich Engels« und auf Hiddensee wurde uns Kurzurlaubern das Reisegepäck von der Fähre ins Quartier getragen. Es war jener Sommer, in dem das Bier plötzlich fünf Mark kostete. Als viele FDGB-Urlauber abreisen mussten, weil ihre Ferienschecks nicht mehr die Vollverpflegung der Familie abdeckten und es das bessere Frühstück nun nur noch gegen Zuzahlung gab.

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