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Im viel zu teuren D-Mark-Land

Die Währungsunion leitete den Untergang der Volkseigenen Betriebe ein

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Geschichte der DDR endete aus Sicht der Betriebe eigentlich schon mit der Währungsunion. Denn zum 1. Juli 1990 übertrug die Deutsche Demokratische Republik ihre Hoheit über die Finanz- und Geldpolitik auf die Bundesrepublik. Die unter Leitung von Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU), einem Juristen, und seinem ostdeutschen Amtskollegen, dem Mathematiker Walter Romberg (SPD), vorbereitete Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion kam einer vorweggenommenen Wiedervereinigung gleich. »Sie leitet den Systemwechsel von der Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft ein«, schrieb viele Jahre später das Bundesfinanzministerium in einer Einschätzung der damaligen Vorgänge.

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), der schon ein Jahrzehnt später den Euro durchsetzen wird, erschien die Währungsunion wohl alternativlos. Nach der Volkskammerwahl im März (CDU: 41 Prozent) schien für ihn kein Weg an der Öffnung der Betriebe zum Weltmarkt und einer raschen Währungsunion vorbeizuführen. Beides gebe der Wirtschaft in den bald »neuen Bundesländern« Perspektive, so hoffnungsvolle Erwartungen in der politischen Klasse der BRD.

Vor allem für die Volkseigenen Betriebe (VEB) hatte die Währungsunion aber schnell verheerende Wirkungen. Sie verlief ökonomisch »verhängnisvoll«, wie es später der damalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl in einem Interview formulierte. »Alle Betriebe der DDR mussten von einem Tag auf den anderen ihre Löhne und Verpflichtungen in D-Mark bezahlen, die sie nicht hatten und auch nicht verdienten.« Tatsächlich wurden viele der 7500 Betriebe schlagartig zahlungsunfähig.

Die Bundesregierung in Bonn entschied sich daher, nahezu allen Kombinaten für die ersten Monate eine Liquiditätshilfe zu gewähren. Doch DDR-Waren waren zu D-Mark-Preisen kaum zu verkaufen. »Auf dem Weltmarkt sind DDR-Waren nicht wettbewerbsfähig«, schrieb das Bundesfinanzministerium später in einer Analyse, »und auch auf dem vereinigten innerdeutschen Markt haben sie Absatzprobleme.« Aus der Zahlungskrise wurde ein Rentabilitätsproblem.

Da der Maschinenpark oft veraltet war, waren die tatsächlichen D-Mark-Kosten der VEB zu hoch für den Konkurrenzkampf mit den westlichen Firmen. Auch weil die Westkonzerne - die dank des neuen Absatzmarktes im Osten gerade der Stagnation in der alten Bundesrepublik entronnen waren und über freie Produktionskapazitäten verfügten - mit ihren Produkten die DDR förmlich überschwemmten. Die Westwaren fanden reißenden Absatz, weil DDR-Konsumenten zu dieser Zeit lieber Jacobs-Kaffee als Mona trinken wollten und Kühnes Gewürzgurken den Spreewaldgurken vorzogen.

Damit nicht genug der Pein. Die traditionellen Abnehmer von DDR-Waren in Ost- und Mitteleuropa litten ebenfalls unter Auflösungserscheinungen ihrer Volkswirtschaften. So wollten Ungarn statt Trabi lieber japanische Automodelle. Gleichzeitig brachen viele bewährte Lieferketten von DDR-Betrieben zusammen.

Schon zwei Wochen nach der Währungsunion zeigten sich handfeste Auswirkungen. Ab Mitte Juli war im Seehafen Rostock, dem einzigen der DDR, für die Hälfte der etwa 6000 Beschäftigten Kurzarbeit angesagt. Hatten in der ersten Jahreshälfte 1990 täglich noch bis zu 30 Schiffe an den Kais angelegt, machten nun nur noch fünf Frachter ihre Leinen fest. »Durch die Einführung der D-Mark ist die bisherige Praxis Ware gegen Ware, Ware gegen Rubel oder Ware gegen Valuta völlig zerstört«, heißt es in der Chronik der Hafen-Entwicklungsgesellschaft Rostock.

Die Einheit war eine historische Chance, sagte Oskar Lafontaine (Linkspartei) 30 Jahre nach der Währungsunion im NDR. Für den damaligen Oppositionsführer der SPD kam die D-Mark zu schnell in den Osten. Auch viele Wirtschaftsverbände und Ökonomen rieten 1990 von einem schnellen Prozess und dem extrem hohen Umtauschkurs 1:1 ab. Bundesbanker Pöhl etwa schlug vor, die DDR-Mark mit etwa 1:5 zu bewerten.

Andere Länder wie Ungarn oder Polen nutzten später einen niedrigen Wechselkurs, um einen wettbewerbsfähigen Außenwert ihrer Währungen zu erreichen. Dadurch blieben ihre Produkte im Vergleich zur internationalen Konkurrenz preiswert. Der Preis dafür waren allerdings extrem niedrige Löhne. Ins Spiel gebracht wurde auch die Idee einer DDR als Sonderwirtschaftszone. Der Aufstieg Chinas baute später auf solchen Wirtschaftszonen mit günstigen Wechselkursen und niedrigen Steuersätzen auf.

Ob solche ökonomischen Wege politisch begehbar gewesen wären? Die massenhafte Zerstörung von Arbeitsplätzen und die Deindustrialisierung Ostdeutschlands übertrafen jedenfalls selbst pessimistische Prognosen. Die meisten Betriebe im Osten überlebten den rasanten Geldwechsel und die spätere Privatisierungspolitik der Treuhand nicht. Millionen Menschen verloren ihre Arbeit.

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