Keine Antwort auf wachsende verbale Gewalt

Mobbing an Brandenburger Schulen ist offenbar kein Grund für eine Gesetzesänderung

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Fraktion BVB/Freie Wähler hat im Landtag ein Gesetz zur Bekämpfung von Mobbing an brandenburgischen Schulen vorgeschlagen. Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) bestätigte, dass es Fälle gebe, in denen sich Kinder im Internet gegenseitig seelische Verletzungen zufügen. Sie forderte sie, dergleichen weder zu ignorieren noch zu bagatellisieren oder gar zu verschweigen. Ernst verwies auf das Rundschreiben »Hinsehen - Handeln - Helfen - Angst und gewaltfrei leben und lernen in der Schule« ihres Ministeriums und den versandten »Anti-Mobbing-Koffer«, der inzwischen vergriffen sei.

Zugleich räumte die Ministerin aber ein, dass diese Mittel weniger auf Beleidigungen und Verächtlichmachungen im Internet zugeschnitten seien. Bezogen auf einen Alarmismus, wie er besonders von BVB/Freien Wählern ausgegangen sei, sagte Ernst: »Es gibt auch Studien, die einen abnehmenden Trend bei der Gewalt unter Jugendlichen belegen.« Viele Jugendliche gäben an, dass sie - auch im Freizeitbereich - fast nie Gewalt erfahren würden. Wenn aber zehn Prozent der Schüler sagten, dass sie Gewalt erleiden würden, »dann sind das zehn Prozent, um die wir uns kümmern müssen«.

Zuvor hatte der Redner von BVB/Freien Wählern, Pèter Vida, darauf verwiesen, dass sich eine dreistellige Zahl von Schülern in Deutschland jährlich das Leben nehme. Dass Kinder und Jugendliche sich untereinander verbale und seelische Verletzungen zufügen, sei ein Umstand, der »in vielen Bereichen und Gegenden als Hänselei, die es schon immer gegeben habe, weiter verharmlost« werde. Vida verwies auf Untersuchungen, wonach der Anteil der regelmäßig bedrängten Kinder von 16 auf 23 Prozent gestiegen sei. »Die Dunkelziffer dürfte höher liegen.« Betroffen seien vor allem Schüler, die sexuellen Minderheiten angehören. Die Folgen eines solchen Mobbings seien neben Lernschwächen auch Selbstzweifel, Isolation, Depression oder eben sogar Suizid. Das Instrumentarium dagegen sei weitgehend veraltet, beziehe sich zu wenig auf das Täterfeld in den neuen Medien. In Brandenburg müssten sich 9000 Schüler einen Schulpsychologen teilen. »Nur wenige Bundesländer haben eine noch schlechtere Quote.« Vida berief sich dabei auf die Untersuchungsergebnisse des Bildungswissenschaftlers Carsten Stahl.

Den mochte Grünen-Fraktionschefin Petra Budke nicht als Instanz gelten lassen. Bezogen auf Stahl sprach sie von fachlich umstrittenen, »sehr auf öffentliche Effekte ausgerichteten Methoden, die auf mich eher einschüchternd als ermutigend wirken«. An die BVB-Abgeordneten gewandt sagte Budke: »Es sollte das Wohl der Kinder im Mittelpunkt stehen und nicht die Medienkarriere der Berater.« Der SPD-Abgeordnete Hardy Lux fügte hinzu, dass das Schulgesetz die seelische und körperliche Unversehrtheit aller Schüler an mehreren Stellen garantiere. Eine Änderung sei daher fehl am Platze.

»Kinder können grausam sein«, sagte Gordon Hoffmann (CDU). Er selbst sei ein solches Kind gewesen, denn auch er habe sich seinerzeit in der Schule an Übergriffen beteiligt, gestand er vor dem versammelten Plenum. Dem Opfer von einst, dem er das Leben schwer gemacht habe, sei er erst kürzlich wiederbegegnet, und er habe um Entschuldigung gebeten. Von einer zentralen Erfassung der Mobbingfälle, wie die Fraktion BVB/Freie Wähler sie fordere, verspreche er sich allerdings nicht viel. »Das ist nicht zielführend.«

Von einem veränderten gesellschaftlichen Klima sprach unterdessen Kathrin Dannenberg (Linke). Das könne seine Wirkung auf die Schule und die Heranwachsenden nicht verfehlen. Dannenberg nannte Fremdenhass, Misstrauen gegenüber der Politik, neue und alte Feindbildern, die Verrohung der Sprache, den respektlosen Umgang miteinander. »Der Populismus erfährt eine Hochkonjunktur.«

Rund ein Drittel der Mobbingfälle würden den Lehrkräften gar nicht bekannt, die ihrerseits mit Unsicherheit, gelegentlich auch Ignoranz reagierten. Dannenberg zufolge haben die Lehrer zu wenig Zeit, sich diesem Problem angemessen zu stellen. Nichtsdestotrotz: Auch sie hält eine Gesetzesänderung für unnötig. Klargestellt bleiben müsse gleichwohl, dass die Schule nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch einen Erziehungsauftrag habe.

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