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Büfett ade!

Corona sei Dank: Ein Abgesang auf die Selbstbedienung.

Von Nicole Quint

Was waren das nur für Zeiten, als die Welt noch hinter gestapeltem Kochschinken und verkohltem Toast wartete? Draußen gab es eine fremde Stadt zu entdecken, aufregende Orte, schöne Menschen, großartige Bauwerke, aber zwischen den Hotelgästen und dem Leben lag das Frühstücksbüfett und hielt sie in der Zwischenwelt der Hotelrestaurants gefangen.

Dort mischte sich der Zitrusduft eines Entkalkungsmittels unter das Meeresbrise-Raumspray, und aus der angrenzenden Küche war Gläserklirren, Tellerklappern und das Klingeln mehrerer Mikrowellen zu hören. Mobiliar und Dekoration von Frühstücksräumen wechselten, die akustische Untermalung durch Küchengeräusche gehörte jedoch ebenso verlässlich zum Hotelfrühstück dazu wie das absolut standardisierte Büfett, das in allen Hotels das immer gleiche Bild bot: Lange Tischreihen auf denen sich Schüsseln und Schälchen häuften, Edelstahlbehälter, Etageren, Abdeckhauben, Saftpressen und Pumpkannen, Quetschflaschen, Brezelständer, Schneidebretter, Serviettenspender und Besteckbehälter. Nur Teller waren nie in ausreichender Anzahl vorhanden.

Besonders viel Raum nahmen die Warmhaltestationen ein. Im Inneren dieser silbernen Särge mit Rolltop-Deckeln brüteten Reibekuchen, Eierspeisen und Fleischklößchen ihrer abendlichen Resteverwertung entgegen. So sicher wie die Fettstücke in der Salami gehörten auch Butterpäckchen in Eiswürfelschalen und Marmelade in Miniportionspackungen zum Büfett, und bleiche, großporige Wurstscheiben waren offenbar genauso unvermeidbar wie Trockenfrüchte, die auch als altägyptische Grabbeilagen hätten durchgehen können.

Büfetts waren Déjà-vu-Garanten. Genau deshalb klagten wir zwar stets über diese Form der Hotelgastspeisung, balancierten unsere Teller aber dennoch brav immer wieder am Büfetttisch entlang. Sie war uns halt vertraut, diese morgendliche Prozedur, die fast überall auf der Welt nach den gleichen Regeln ablief.

Deshalb konnte uns ein Büfett Souveränität schenken, selbst wenn wir uns in der Fremde unsicher und unbeholfen fühlten. Dank Büfett mussten wir nicht mittels peinlicher Pantomime versuchen, Essen zu bestellen, wenn wir die Sprache des Reiselandes nicht beherrschten, und auch die Zweifel, ob das Grün in der Suppe Seetang oder etwas aus der asiatischen Gruselküche war, blieben uns erspart. Die Gleichförmigkeit der internationalen Büfettkultur wirkte in der ganzen Palette ihrer natürlichen und künstlichen Lebensmittelfarben beruhigend auf uns.

Den Preis für diese Vertrautheit zahlten wir nur allzu oft mit der Enttäuschung über warmgehaltene Omelett-Tragödien und Wurstbriketts. Auf der Beschwerdeliste von Büfettgästen rangierten schwitzender Käse und Wurst in grauen Wellen ganz weit oben, dicht gefolgt von der Rate-was-ich-sein-könnte-Pampe, die in Kantinennäpfen vor sich hindörrte. Dabei waren Büfetts grundsätzlich eine großartige Idee: Ein Potpourri verschiedenster Spezialitäten, von denen sich jeder Gast nach seinen Vorlieben bedienen konnte.

Leider erwiesen sich kulinarische Vielfalt, Kostenkalkulation und menschliche Triebe als unvereinbar, so dass die Selbstbedienung im Hotel fast immer in Büfettbarbarei endete. Wie der Falke auf die Feldmaus stürzte sich der Gast auf gebratenen Speck, durchwühlte den Brotkorb auf der Suche nach dem letzten Sesambrötchen, zweckentfremdete die Käsezange zum Ergreifen der Mortadellaröllchen und trank, weil doch die Gläser stets so klein waren, gleich am Büfett den ersten Orangensaft, den Krug zum sofortigen Nachfüllen noch in der Hand.

»Da spießt man, was aufzuspießen ist, die Faust um die Gabel geballt. Mit feurigem Blick und mit Schaum vor dem Mund kämpft jeder für sich allein, und schiebt sich in seinen gefräßigen Schlund, was immer hineinpasst, hinein.« Anfang der 1970er-Jahre wusste Reinhard Mey schon davon zu singen, dass Büfetts nicht unser bestes Benehmen zu Tage befördern. Die Kernkompetenz des Büfettgastes verschwieg Mey indes - das Hamstern.

Müsliriegel glitten in geöffnete Handtaschen, und Würstchen um Würstchen landeten gar nicht erst auf dem Teller, sondern wurden direkt in die Serviette gewickelt, während sich die Jackentaschen der Äpfelschmuggler beulten. Hoteliers brachten längst schon keine Hinweistafeln mehr an: »Bitte keine Speisen und Getränke vom Büfett auf die Zimmer nehmen!« Solche Gebote hätten bei Nichtbefolgen schließlich auch Maßnahmen verlangt, und wie hätte man einen Gast strafen sollen? Ihm vor versammelter Mannschaft die geschmierten Brote wieder aus dem Rucksack holen, oder die Decke des Kinderwagens lüpfen, in dem Orangen und Bananen zwischengelagert wurden? Nein. Das Gastgewerbe rächte sich für schlechtes Benehmen geschickter - mit Rühreiimitaten, gepanscht aus Eipulver, Wasser und zu viel Salz oder mit metallisch schmeckendem Kaffee. Es ließ seine Gäste in Bowlen nach traurigen Dosenobststückchen fischen und das Fertigmüsli aus Kästen ziehen, die aussahen wie recycelte Kaugummiautomaten - und das alles in der Zeit zwischen 7 Uhr und 10 Uhr, sonntags auch zwischen 7.30 Uhr und 10.30 Uhr.

So sah professionelle Erniedrigung aus, und das effektivste Werkzeug dazu war ein Toaster mit sechs Schlitzen. Darin konnten bis zu zwölf Scheiben gleichzeitig rösten. Das war kein Service, sondern ein hinterhältiger Konfliktstifter. Wer hatte seinen Toast wann in welches Fach gesteckt, und wer hatte den Stufenregler verstellt und die maulwurfschwarzen Schnitten verschuldet? Die Gäste durften das unter sich ausmachen.

Es gab auch vorbildliche Büfetts. Klein und fein, mit Käse, Quark und Joghurt aus der Dorfkäserei, selbst gemachter Brombeermarmelade und heimischen Birnen statt importierter Bananen. Mit Bio-Eiern aus regionaler Freilandhaltung. Kaffee wurde auf Wunsch frisch zubereitet. So sah die beste aller Büfettwelten aus - nachhaltig und lecker.

Doch mit der Qualität des Frühstücks verbesserte sich das Benehmen der Gäste nicht zwangsläufig. Pfannkuchenlogik kann man dieses Phänomen nennen. Menschen, die daheim nie frühstücken, höchstens einen Kaffee trinken, verwandelten sich im Hotel zu Liebhabern von Blaubeerpfannkuchen und Schokomuffins und Birchermüsli und Rührei und ... Man gönnt es sich ja sonst nicht, lautete in diesen Fällen die Devise, und schon war die Frühstücksidylle im Kampf um das letzte Mehrkornbrötchen dahin.

Dieser ganze Büfettirrsinn gehört ganz sicher nicht zu den großen Mysterien der Menschheitsgeschichte. Es liegt einfach in unserer Natur, immer als Erster das Beste bekommen zu wollen. Wo aber hört harmloser Hamstertrieb auf, wo fängt Plünderei an, und macht es für unser Karma keinen Unterschied, ob wir für später ein einzelnes Käsebrot oder gleich fünf Croissants eingesteckt haben? Eines ist jedenfalls sicher: Am Büfett verliert Anstand immer gegen Raffgier. Es wäre zum Erhalt der Selbstachtung also nur zu unserem Besten, wenn wir uns nach der Corona-Pandemie nicht erneut kampfbereit in die Selbstbedienungsschlange stellen müssten, sondern bei der Wahl des Menüs am Tisch sitzen und einfach so tun könnten, als wären wir schon immer ein Ausbund der Zivilisiertheit gewesen.

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