Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Der Trinationale Atomschutzverband feiert in Freiburg das Ende des Atomkraftwerks Fessenheim. Es ist auch der Erfolg von Axel Mayer.
Fessenheim

»Endlich sind die alten Kisten aus«

Die Umweltbewegung beiderseits des Oberrheins feiert, dass die beiden Atommeiler im elsässischen Fessenheim definitiv abgeschaltet sind.

Von Ralf Streck

Im großen, globalen Krieg des Menschen gegen die Natur und damit gegen uns selbst haben wir in Fessenheim Zerstörungsprozesse entschleunigt und einen kleinen, wichtigen, regionalen Teilerfolg erzielt.» Umweltaktivist Axel Mayer spricht am Dienstag in Freiburg vor den knapp 500 eher betagteren Freundinnen und Mitstreitern. Begleitet von der Musik des Basler Sicherheitsorchesters hatten sie sich bei Sonnenschein am Platz der Alten Synagoge an der Universität versammelt, um gemeinsam zu feiern, dass «endlich, endlich, endlich, aber viel zu spät» in der Nacht zuvor die beiden ältesten französischen Atommeiler im elsässischen Fessenheim nach mehr als rund 42 Betriebsjahren definitiv abgeschaltet worden waren. Die beiden altersschwachen Pannenmeiler liegen nur 25 Kilometer von Freiburg entfernt auf der anderen Rheinseite. Da im Breisgau Westwind vorherrscht, hätte ein Unfall in dem altersschwachen Atomkraftwerk die Stadt voll erwischt.

Seit 46 Jahren Aktivist

Ganze 46 Jahre hat der nun 64-jährige Aktivist aus Endingen am Rand des Kaiserstuhls, wo Mayer bis heute lebt, gegen Umweltzerstörung und Atomkraft am Oberrhein gekämpft. Stets gemeinsam mit Freunden im Elsass und später auch mit Aktivistinnen aus der Schweiz. Deshalb waren aus beiden Ländern auch Menschen nach Freiburg gereist, um sich vor der Kundgebung im Rahmen des Trinationalen Atomschutzverbands (TRAS) zu treffen, um diesen vorerst letzten Sieg zu feiern.

Auf eine große trinationale Kundgebung verzichtete man angesichts der Coronavirus-Pandemie, zumal das Elsass besonders betroffen war. Deshalb wurde parallel zur Veranstaltung in Freiburg auch in Straßburg auf dem Place Kléber begangen, dass die Menschen in der Region nun aufatmen können. Auch nahe des Atomkraftwerks Fessenheim trafen sich schon am späten Montag auf der Rheinbrücke in Breisach alte Kampfgefährten, wo ebenfalls graue Haare vorherrschten. Dort traf Mayer auch wieder mit dem jahrzehntelangen Mitstreiter Jean-Jacques Rettig zusammen, dem Urvater des Kampfes gegen Atomkraftwerke im Elsass. Leute wie Rettig und Mayer haben das Dreiländereck zu einem Widerstandsnest gegen die Atomlobby werden lassen. «Das schafft man nur gemeinsam», meinte dazu der Elsässer.

«Endlich sind die beiden alten Kisten abgestellt», sagte Mayer in Freiburg in seinem breiten alemannischen Dialekt, den auch Elsässer und Nordschweizer gut verstehen. Dass sein Lebensweg einmal mit dem Kampf gegen Fessenheim und andere Atomkraftwerke verknüpft sein würde, hätte er sich in seiner Jugend im beschaulichen und erzkonservativen Winzerstädtchen nicht träumen lassen, sagt er dem «neuen deutschland»: «Ich war als Schüler sogar Atomkraftbefürworter», fügt er an.

Doch dann kam alles anders, als er zu einer Bauplatzbesetzung gegen ein Bleichemiekraftwerk ins elsässische Markolsheim auf der anderen Rheinseite fuhr. «Damals habe ich erstmals überhaupt von kritischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen von den Gefahren der Atomkraft gehört.» Die Berichterstattung in den Medien war damals sehr der Atomkraft zugetan, erinnert er sich an die Zeiten mit nur drei öffentlich-rechtlichen Fernsehkanälen und ohne Internet. Um die Meinungshoheit zu durchbrechen, mussten die Aktivisten auch ihre eigenen Medien schaffen. So entstand der Piratensender Radio Verte Fessenheim, aus dem später mit Radio Dreyeckland das erste Freie Radio in Deutschland wurde.

«Ich wurde schließlich Atomkraftgegner.» Mayer erinnert sich auch an seinen ersten Leserbrief, den er vor 45 Jahren an die Zeitschrift der IG Metall geschrieben hatte. Der damalige Lehrling am Vermessungsamt Emmendingen warnte vor schweren Atomunfällen in der Zukunft und warb als Alternative für einen Mix aus erneuerbaren Energien, die mit Wasserstofftechnologie kombiniert werden sollten. «Wir wurden damals als Fortschrittsverweigerer bezeichnet», sagt er. «Wir waren verwegen - und wir waren Propheten.»

Mit den Erfahrungen, dass man mit «illegalen Aktionen» wie in Markolsheim eine gefährliche Dreckschleuder verhindern konnte, sei man schließlich nach Whyl gezogen, das 1973 als Standort für ein Atomkraftwerk ausgewiesen worden war. Whyl ist das Nachbardorf von Mayers Winzerstädtchen, das direkt am Rhein liegt. Es kam auch dort zu Großdemonstrationen und einer Bauplatzbesetzung, weshalb im fernen Stuttgart das Projekt angesichts des massiven Widerstands als politisch undurchsetzbar schließlich beerdigt wurde. Außer Fessenheim konnte in der Region kein weiteres Atomkraftwerk mehr gebaut werden. Darauf ist der Atomkraftgegner stolz. Auch die Pläne für den AKW-Bau im elsässischen Gerstheim oder der im Schweizer Kaiseraugst mussten angesichts des massiven Widerstands eingestampft werden.

Ein Geschenk zur Pensionierung

Mayer widmete schließlich sein gesamtes Leben dem Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt und leitete über fast 30 Jahre bis Ende 2019 für die Naturschutzorganisation BUND den Regionalverband Südlicher Oberrhein in Freiburg. Die Fessenheim-Abschaltung kam nun wie ein Geschenk zu seiner Pensionierung. «Seit dem Jahreswechsel befinde ich mich im Unruhestand und wieder dort, wo ich einst angefangen habe: im Ehrenamt.» Und dort ist er weiterhin einer der Vizepräsidenten des Trinationalen Atomschutzverbands.

Der Dreiländer-Aspekt der Bewegung ist für den Endiger von besonderer Bedeutung. «Der Protest hat 30 Jahre nach dem Ende des Krieges als erstes grenzüberschreitendes Widerstandsprojekt begonnen, über den Rhein hinweg zusammen mit den Franzosen.» Das sei ungeheuer wichtig gewesen. Man habe relativ problemlos über die Grenze hinweg, und später auch über die mit der Schweiz, zusammenarbeiten können. «Das war ein gelebtes Stück Europa, mit dem Traum eines grenzenlosen Europas.» Ansonsten gäbe es ja immer noch die kleinen Nationalismen, wie sich auch in der Abschaltdebatte gezeigt habe. «Kreativität, trinational-proeuropäische Zusammenarbeit, Gewaltfreiheit und konstruktive Argumentation» sei das Erfolgsrezept der Bewegung, sagt Mayer. Wobei dazu sicher auch noch das jahrzehntelange Durchhaltevermögen gehört.

Vorbei ist der Kampf allerdings nicht. Für weitere drei Jahre sei auch in Fessenheim noch ein schwerer Unfall möglich, bis sich die Brennelemente in den Zwischenlagerbecken abgekühlt haben. «Sie liegen im Freien und sind extrem schlecht gegen Erdbeben und terroristische Anschläge geschützt», meint Mayer. Unsicher sei die Notstromversorgung zur Notkühlung, weshalb weiter eine Kernschmelze ähnlich wie in Fukushima möglich sei. Danach müsse man sich weiter um «kleinere» Gefahren beim Abriss kümmern. «Einen »Billigabriss« werde man auch nicht hinnehmen.

Für die Umweltbewegung hat sich Engagement gelohnt, auch wenn Fessenheim 43 Jahre laufen konnte. Doch es hätte noch schlimmer kommen können, da die Laufzeit der Meiler von der französischen Atomaufsichtsbehörde (ASN) auch über die 40 Jahre hinaus verlängert worden war, für die die Meiler ausgelegt waren. Und die sind wegen Versprödung des Materials noch unsicherer geworden. Zudem sind sie weder gegen Flugzeugabstürze noch gegen Erdbeben real geschützt, dabei liegt Fessenheim in einer Erdbebenzone im Rheingraben, wo es immer mal wieder kräftig bebt. Darüber ist der Rheingraben entstanden oder wurde Basel im Mittelalter zerstört.

Die Reaktoren liegen zudem unterhalb der Wasserlinie des Rheinkanals im Überschwemmungsgebiet, auch dagegen waren sie nur unzureichend geschützt. Ein Block geriet sogar kurzzeitig außer Kontrolle, da Wasser in ungesicherte Schaltschränke eingedrungen war. Ein Meiler musste sogar länger abgeschaltet werden, da ein Sicherheitszertifikat für einen Dampferzeuger gefälscht war. Obwohl der nachweislich am unteren Ende schadhaft ist, erteilte die ASN ihm nachträglich eine Genehmigung, da Frankreich auf jedes Megawatt Strom angewiesen war, da es in jedem kalten Winter vor dem Blackout steht.

Weil sich die Inbetriebnahme des »Europäischen Druckwasserreaktors« (EPR) wegen immer neuer Probleme weiter verzögert, wurde lange am gefährlichen Strom aus Fessenheim festgehalten. Bis 2024 passiert am Ärmelkanal in Flamanville jedenfalls nichts, und Mayer hofft, dass der EPR nie ans Netz geht. Eigentlich sollte er schon seit 2012 Strom liefern. Die Kosten sind von geplanten 3,3 Milliarden Euro derweil auf mehr als zwölf Milliarden explodiert. Das ist der Preis für den angeblich billigen Atomstrom. Es ist der Bewegung gelungen, massiven Druck auf die Regierung von Emanuel Macron auszuüben, der schließlich die Abschaltung von Fessenheim von der Inbetriebnahme von Flamanville entkoppelt hat. Und dafür bedankte sich Mayer in Freiburg bei den »unzähligen badisch-elsässisch-Schweizer Aktiven«. »Nai hämmer gsait« (Nein haben wir gesagt), fügt er dem »Dankscheen« auf Alemannisch an.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung