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Stand schon als junges Mädchen unter dem permanenten Druck, »alles richtig machen« zu wollen: Katja Krasavice
Katja Krasavice

Vulgär! Blasphemisch!

Wer seinen Selbstwert in Euro berechnet, hat’s leicht mit dem Nach-unten-Schauen: Die »Bitch-Bibel« der Youtuberin Katja Krasavice

Von Paula Irmschler

Christen wollen ›Bitch-Bibel‹ verhindern» - besser kann man ein Produkt für normale Leute natürlich nicht bewerben. Bereits am 22. April dieses Jahres ging eine Petition online, die über 50 000 Leutchen unterschrieben, um «ein derart blasphemisch und vulgär benanntes und aufgemachtes Buch» zu verhindern. Die Begriffe «vulgär» und «blasphemisch» kamen noch einige Male in der Petition vor, aber es half trotzdem nichts: Im Juni erschien Katja Krasavices literarisches Erstlingswerk.

Wer ist diese Frau eigentlich? Wenn man sich diese Frage stellt, bedeutet das, dass man alt ist und den Anschluss verloren hat. Ich habe mich das natürlich auch gefragt, bis es mir während der Lektüre wie Schuppen von den Augen fiel: Ach, DIE war das?! Es war 2017, als sich einige Leute über ein Musikvideo «irgendeiner Youtuberin» lustig machten, in welchem diese sich schlecht singend und softpornomäßig Sex von hinten wünschte. Ich dachte mir damals: Ja, why not? und: Ist doch egal, gefickt wird immer irgendwo. Wir hatten früher RTL. Mittlerweile ist Krasavice als Musikerin richtig groß im Geschäft, ihr Gesang ist besser geworden, sie hat unzählige Fans auf allen Kanälen und ist mit ihrem Anfang des Jahres erschienenen Album «Boss Bitch» auf Platz eins der deutschen Charts gelandet. Was dazwischen passiert ist und vor allem davor, davon berichtet sie jetzt in ihrer autobiografischen «Bitch-Bibel».

Ausgelacht wurde sie schon früher. So beginnt sie ihre erzählerische Reise in ihre Vergangenheit etwa mit einem für sie einschneidenden Erlebnis am Cospudener See in Leipzig: Mitschüler hatten sie besoffen in den See geworfen und dann aufgezogen, für sie war sie die «übersexualisierte Bitch in Rosa». Da hatte sie es begriffen: «Willkommen in der Welt, in der man nicht anders sein darf als der Durchschnitt.» Sie beschloss, fortan ihren Stiefel durchzuziehen und keinen Fick mehr auf Hater zu geben. Gut so.

Mit dem Wörtchen «Bibel» und der Madonna-Inszenierung auf dem Titel ist es in der «Bitch-Bibel» allerdings noch nicht getan; dem See-Prolog folgen die zehn «Gebote», in die das Buch unterteilt ist. In diesen klappert sie Stationen ihres Lebens ab, reflektiert diese, ordnet sie für ihre jetzige Karriere ein und zieht Resümees: Krasavice wurde 1996 im tschechischen Teplice geboren - «keine Kohle, konstante Kriminalität», «fast jede Frau eine Hure», so beschreibt sie das Leben in der Gegend. Ihre alleinerziehende Mutter hatte ständige Geldnot, bis sie Krasavices Vater kennenlernte und mit dem Baby zu ihm in die sächsische Provinz zog, wo es ein paar Jahre heile Welt gab mit einem großen Hof und Tieren und Geschenken, zumindest für die Kleine. Dann starben zwei ihrer Brüder, der Vater schlug ihre Mutter und missbrauchte ihre Freundinnen, ging ins Gefängnis, und das Glück zerbrach.

Von diesen traumatischen Erlebnissen erzählt Krasavice authentisch, für ihr Alter erstaunlich reflektierend und sogar versöhnlich. Sie erzählt, wie das alles sie über ihre Jugend begleitete, sie sich einen Panzer für ihre Gefühle erschuf und wie sie sich aus diesem herausarbeitet - bis heute. Und sie erzählt von einer Jugend in Ostdeutschland, die in einer Zeit stattfand, in der man von Kindesbeinen an mit den sogenannten sozialen Medien konfrontiert wurde, mit der Normalität, dass alles, was man tut, beabsichtigt oder unbeabsichtigt als Foto oder Video im Internet landen kann, und von der Karrieremöglichkeit Internet.

Sie erzählt vom Mädchensein unter permanentem Druck, es richtig zu machen, von ausgestopften BHs, vom Verlieben und dem Traum von Schönheits-OPs. Sie erzählt von ihren ersten Schritten auf Youtube, von Agenten und Werbepartnern, die versuchten, sie auszunutzen und um ihr Geld zu bringen, von Leuten, die sie formen wollten, von ständigem Mobbing in der Schule, von Schülern und Lehrern und von sexueller Gewalt. Und sie erzählt von ihrem Verhältnis zu ihrem Körper, als Vertreterin einer Generation, die von Pornografie noch stärker umgeben war als vorherige, von ihrer eigenen Sexualität auf dem Weg vom Männern-gefallen-Wollen bis hin zur Frage, was ihr eigentlich selbst gefällt.

In der «Bitch-Bibel» gibt es Sätze, die man sich sofort aufschreiben, und Wörter, die man lieber wieder vergessen will: Ich dachte, «Doggy», «Pussy», «Gesichtspimmel» (für Nase), «Pimpern» und Witze übers Reiten (wegen Sex) hätten wir hinter uns, aber leider ist dem nicht so. «Ich hielt so lange durch, bis die Dinge, für die ich verspottet wurde, mich zum Kult machten», ist einer dieser starken Sätze, und sie hat damit zweifelsohne recht. Da draußen sind eine Menge Leute, die sie feiern und denen sie Mut macht, den eigenen Stiefel kompromisslos durchzuziehen.

«Ich habe mein Leben, meine Seele, meine Boobies und vor allem mein LEBEN in dieses Buch gepackt», sagt Krasavice über die «Bitch-Bibel», die sie erst während des Corona-Lockdowns geschrieben hat. Es ist am Ende aber leider doch die ganz große alte Erzählung vom Kapitalismus geworden. Inklusive all der Durchhalteparolen, die zu ihr gehören: Du kannst es ganz nach oben schaffen, wenn das, was du bist, vermarktbar ist. Klicks und Cash geben dir recht. Irgendwann hast du den Ruhm und den Luxus, und dann bereuen die Leute, die dich schlecht behandelt haben, alles.

Man kann vieles davon bei der Lektüre ausblenden, man kann sich auf die Nuancen konzentrieren, Krasavices Geschichte ernst nehmen, seine eigenen Schlüsse ziehen und schlichtweg etwas über das aktuelle Kulturgeschäft erfahren. Manches kann man aber nicht ausblenden: Wer es im System nach oben geschafft hat und das so richtig geil findet, weil man Selbstwert fortan in Euro berechnet, für den wird es leicht mit dem Nach-unten-Schauen. So darf man zum Beispiel in Krasavices Welt, der «Beautywelt», natürlich keinesfalls dadurch auffallen, dass man ein billiges Haarteil trägt, denn dann sieht man aus «wie eine Hartz-IV-Schlampe». Das war dann auch der Punkt im Buch, an dem ich sympathiemäßig endgültig aussteigen musste (zum Glück kommt er ziemlich spät). Aber man muss sich halt treu bleiben.

Katja Krasavice: Die Bitch-Bibel. Riva, 208 S., geb., 19,99 €.

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