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Von Chicago bis Gütersloh

Die Fleischbranche ist seit Jahrzehnten geprägt durch schlechte Arbeitsbedingungen.

Von Moritz Aschemeyer

Es ist nichts Neues: Arbeitsmigranten sind oft besonders harten Arbeitsverhältnissen ausgesetzt. Bereits 1906 beschrieb der sozialistische Schriftsteller Upton Sinclair in seinem Roman »Der Dschungel« eindrücklich das Schicksal litauischer Immigranten in den schon damals hochindustrialisierten Schlachthöfen Chicagos.

Die hiesige Fleischproduktion war bis in die 1970er Jahre hinein vornehmlich mittelständisch organisiert. War es zuvor üblich, dass Schlachtergruppen sich als Selbstständige in verschiedenen Schlachtereien verdingten, beförderte die wachsende Konzentration der Industrie die Beschäftigung am Ort. Dazu kam die Erosion der Tarifbindung, die in der konkurrenzlastigen Fleischbranche nie ausgeprägt war.

»Der Wechsel hin zu mobilen osteuropäischen Arbeitnehmern hat mehrere Ursachen«, sagt Bettina Wagner, Arbeitswissenschaftlerin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung im Gespräch mit »nd«. »Der Arbeitsprozess wurde in kleine Einzelschritte zergliedert, und der Preiskampf hat dazu geführt, dass diejenigen Unternehmen auf der Strecke geblieben sind, die noch ausgebildet haben.« Das beobachtet auch Armin Wiese, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung Gaststätten Genussmittel (NGG) für Detmold und Paderborn. »In Rheda-Wiedenbrück bildet Tönnies keine Schlachter mehr aus. Es ist mittlerweile schwer geworden, im Kreis Gütersloh eine Berufsschulklasse zu füllen, obwohl die Region bekannt für ihre Fleischproduktion ist«, sagt er dem »nd«.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs griff man zu einem bewährten Mittel: befristete Kontingentverträge für sogenannte Gastarbeiter, etwa aus Rumänien. Auf dem Papier ging es dabei um die Weiterbildung von Facharbeitern. Jedoch etablierte sich schnell ein System von Subunternehmern, die Arbeitskräfte zu Niedriglöhnen vermittelten. »Sowohl die Möglichkeit auf deutscher Seite, wiederholende Tätigkeiten als Werkvertrag zu vergeben, als auch die Verhältnisse in den Herkunftsstaaten haben diese Praxis begünstigt«, erklärt Wagner. »Dort gab und gibt es eine hohe Fluktuation von Unternehmen, die einzig mit dem Ziel der Arbeitsvermittlung gegründet werden«.

Einen regelrechten Boom erlebte die Auslagerung nach der EU-Osterweiterung ab 2004. Die ursprünglich zum Schutz heimischer Arbeitsplätze erlassenen Beschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für die neuen EU-Mitgliedsstaaten hatten kontraproduktive Effekte. Der Weg über ein Subunternehmen für polnische, rumänische oder bulgarische Arbeitsmigranten war oft der einzig gangbare, um in Deutschland zu arbeiten. Waren nach Gewerkschaftsangaben 2001 noch rund 175 000 Beschäftigte in der Fleischverarbeitung festangestellt, fiel der Wert bis 2013 auf 143 000. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Zahl entsandter Arbeitskräfte von 6000 auf knapp 25 000. Für letztere waren Nettostundenlöhne von 3 oder 4 Euro keine Seltenheit. Deutschland wurde so für Unternehmen etwa aus Frankreich, Belgien oder Dänemark zum attraktiven Billiglohnland und konnte die innereuropäische Konkurrenz ausschalten.

Mittlerweile ist der deutsche Markt zwischen wenigen großen Playern aufgeteilt. Von den rund 53 Millionen im Jahr 2019 geschlachteten Schweinen entfallen 58 Prozent auf Tönnies, Westfleisch und Vion. Allein Marktführer Tönnies machte 7,3 Milliarden Euro Umsatz. Da der Fleischverzehr der Deutschen seit über zehn Jahren bei etwa 60 Kilogramm im Jahr stagniert, wird der Export immer wichtiger und ist für rund ein Viertel des Umsatzes verantwortlich.

2014 wurden erste Schritte zur Regulierung der Branche unternommen. Die Fleischindustrie wurde ins Arbeitnehmerentsendegesetz aufgenommen und ein tariflicher Mindestlohn vereinbart. Gewerkschafter verbuchen dies als Teilerfolg, auch wenn der Lohn zunächst unter dem gesetzlichen Mindestlohn lag. »Gerade in den unteren Lohngruppen konnten wir durch den Mindestlohn Gehaltszuwächse von über 20 Prozent erzielen. Entsendungen sind dadurch unattraktiver geworden«, sagt Wiese. Allerdings sei man weiterhin auf öffentlichen Druck angewiesen. Trotz der 2015 abgegebenen Selbstverpflichtung der Branche zu mehr Stammbelegschaft werden weiterhin bis zu 80 Prozent der Fleischverarbeitung von Werkvertragsnehmern geleistet, nun allerdings mit Sozialversicherungspflicht in Deutschland.

Gewerkschafter bleiben daher skeptisch, ob das von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) angekündigte Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie die Verhältnisse stark verändert. »Das Verbot von Leiharbeit und Werkverträgen wird von uns ausdrücklich unterstützt. Wir befürchten aber, dass das Vorhaben auf dem Weg zum Gesetz torpediert wird oder Umgehungsstrategien gesucht werden«, sagt Wiese.

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