Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Alles geht: Auch ohne Tiere.

Das Fleisch gehört uns nicht

Warum politischer Veganismus der Auftakt zu einer humanen Gesellschaft sein könnte.

Von Björn Hayer

Wer in den letzten Jahren in den Medien immer wieder geheime Filmaufnahmen von Missständen in großen Schlachtereien gesehen hat, bekam stets dieselbe Erklärung zu hören: Alles nur Einzelfälle! Seit dem jüngsten Skandal um den Schlachtkonzern Tönnies steht jedoch fest, dass sich hinter dem profitorientierten Geschäft mit der Massenware Fleisch ein ganzes System an Ausbeutung und Entwürdigung verbirgt.

Zwar droht die Politik damit, hier und da Regeln zu verschärfen. Aber genügt das? Wohl kaum. Stattdessen wäre ein nachhaltiges Ausstiegsprogramm vonnöten, das das Wohlergehen von Mensch und Tier gleichermaßen berücksichtigt. Lange Zeit galt der Veganismus als Exotenerscheinung. Nunmehr könnte er sich hingegen als politisches Konzept für eine humanere Gesellschaft erweisen.

Genau in dieser Aufwertung wittern vermeintliche Hüter des Liberalismus die Anzeichen für eine »Öko-Diktatur«. Doch das gefühlt heilige Recht, eine Bratwurst zu essen, steht einer missachteten Freiheit entgegen, deren Einschränkungen existenzieller nicht sein könnten, nämlich jener der schutzlos ausgelieferten Kreatur: Die Rede ist von den sogenannten Nutztieren, die uns in Teilen ähnlicher sind, als wir glauben.

Der Veganismus als praktizierte Verantwortungsethik erweitert daher den traditionellen Liberalismus über die Speziesgrenze hinaus. Wie Naturwissenschaftler schon lange belegen und nun auch der Deutsche Ethikrat in seiner jüngsten Forderung zur stärkeren Achtung des Tierwohls festgestellt hat, ist die Abwertung unserer animalen Mitwesen kaum noch begründbar. Weder kann man den meisten von ihnen eine fehlende Kommunikationsfähigkeit absprechen, noch ein basales Bewusstsein, wie es einst noch manche Philosophen der Aufklärung - von Kant bis Descartes - behaupteten. Und trotz dieses Wissens war das Leid von Schwein, Kuh & Co. nie so unermesslich wie heute: Kükenschreddern, betäubungslose Kastrationen, die »Schlachtung« von Babys (Lämmer, Kälber) und und und.

Ausgehend von diesem Leid treten Denker wie Tom Regan oder Bernd Ladwig daher für die rechtlich verankerte Überwindung des »Speziesismus« ein. Analog zu Sexismus und Rassismus wendet sich auch dieser Diskriminierungstatbestand gegen die machtpolitische Zweiteilung der Welt, in diesem Fall zwischen Humanum und Animalum. Der angestrebte Egalitarismus im Hinblick auf essenzielle Lebensrechte hat jenseits der Rechtsfrage auch den politischen Diskurs erreicht. Die US-amerikanischen Intellektuellen Sue Donaldson und Will Kymlicka legen etwa mit dem viel diskutierten Band »Zoopolis« (2011) eine erste umfassende Staatstheorie für eine institutionelle Neuordnung des sozialen Zusammenlebens von Mensch und Tier vor.

Um diese derzeit noch völlig irrealen Forderungen zu erfüllen, bedarf es einer Politik, die in der scheinbaren Mode die Moral erkennt und Veganismus nicht mehr als persönlichen Konsumhabitus begreift. Wie beim Klimaschutz scheitern seit Beginn der Tierschutzbewegung, deren geistiges Fundament bis in die Frühromantik zurückreicht, gut gemeinte Appelle an den Verbraucher. Anders als in Umfragen, in denen sich fast alle für mehr Tierwohl aussprechen, erfreut sich das billige XXL-Schnitzel an der Kasse im Discounter weiterhin sehr großer Beliebtheit.

Was sagt das paradoxe Verhalten über uns aus? Glaubt man etwa Albert Schweitzer und Mahatma Gandhi, so äußert sich die Menschlichkeit einer Gesellschaft erst im Umgang mit den Schwächsten. Demzufolge befänden wir uns wohl an einem moralischen Tiefpunkt. Denn zugespitzt kann man behaupten, dass faschistoide Praktiken in all den anonymen Schlachthäusern, wo Schweine industriell umgebracht werden und jedes zehnte Tier fehlbetäubt getötet wird, weiterexistieren. Und selbst der Mensch wird, wie wir dieser Tage kläglich bemerken, in diesem System zum modernen Sklaven: ausgebeutet und krank gemacht.

All dies findet statt unter dem Deckmantel der westlichen Freiheit, der nahezu keine Grenzen gesetzt sind. Sei es der Kauf von Billigfleisch oder Billigkleidung, sei es das Spekulieren mit Grundnahrungsmitteln an der Börse - wer eine derartige Freiheit gutheißt, bejaht toxische Entgrenzung. Unsere ungezügelte Lebensweise geht nämlich stets zulasten anderer, nicht ausschließlich der Tiere, nicht ausschließlich der Schlachtarbeiter, sondern auch jener, die bereits im großen Maßstab unter der globalkapitalistisch agierenden Ernährungsindustrie leiden. Ein Beispiel: Mit all dem Soja, das wir in der sogenannten Dritten Welt anpflanzen und das dann an Kühe und Schweine mit einer erbärmlichen Energiebilanz verfüttert wird, wäre der Welthunger schnell zu besiegen. Menschen in der »Dritten Welt« könnten das Soja und anderes Gemüse direkt verwerten - und würden, nebenbei, nicht von großen Agrarkonzernen enteignet werden.

Es wird somit Zeit, sich an die unangenehmen Themen heranzuwagen, an unseren Konsum von Fleisch, Milch und Eiern. Dass diese Frage die Politik unter empfindlichen Handlungsdruck setzen sollte, ergibt sich übrigens auch aus der Kostenverteilung für unser Misswirtschaften. Denn für die Umweltfolgenkosten - nitratverseuchtes Grundwasser, Krebserkrankungen infolge falscher Ernährung, Flächenverbrauch etc. - zahlen alle, ebenso die Armen, für die angeblich der Fleischpreis niedrig gehalten wird, genauso wie die Vegetarier und Veganer.

Also nochmals: Wie viel Freiheit dürfen wir uns eigentlich noch leisten? Von einem simplen Standpunkt aus gesehen, könnte man sagen: Nur so viel, dass sie nicht die Freiheit unseres Gegenübers beschneidet. Das betrifft die in der Produktionsindustrie leidenden Tiere und Menschen gleichermaßen.

Wir brauchen deswegen eine Systemtransformation, die individuelles Verhalten und Gesetzgebung einschließt. Sowohl fundamentale Lebensrechte für animale Mitwesen als auch eine weitreichende Umstellung unserer Ernährungsweise müssen integraler Bestandteil einer besseren Welt von morgen sein. Eine vegane Gesellschaft kann die Grundlage für globalen Frieden werden, weil sie Ressourcenkampf, Monokulturalisierung und Repression durch Agrarmogule auf verschiedenen Ebenen vermindert. Vielleicht mag vielen der Verzicht auf tierische Produkte anfangs beschwerlich erscheinen. Doch mit der Zeit wird das Gegenteil der Fall sein: Wo zuvor Überfluss herrschte, wird eine geringere Auswahl zu einem höheren Grad an Genuss und Wertschätzung führen. Unsere Kulinarik wird sich verändern, wir alle werden zu kreativeren Köch*innen und überdies zu gesünderen Verbraucher*innen. Veganismus muss kein Verlustgeschäft sein. Er ist vielleicht die große Utopie, die der Planet dringend braucht.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung