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Vor der nächsten Pandemie

Was die internationale Gemeinschaft aus der gegenwärtigen Corona-Epidemie lernen könnte

  • Von Zha Daojiong
  • Lesedauer: 6 Min.

Mit der globalen Ausbreitung des Coronavirus sind traditionelle Konfliktlinien der Weltpolitik wieder stärker in den Fokus gerückt. So wurde Kreuzfahrtpassagieren oftmals das Recht, an Land zu gehen und sich um zeitnahe Tests und Behandlung zu kümmern, verwehrt, da Kreuzfahrtschiffe internationale Gewässer passieren. Wenn die Schiffe anlegen durften, variierte das Schicksal der Passagiere in dem Maße, wie schnell die Regierungen ihrer Heimatländer Charterflüge für ihre Ausreise arrangieren konnten. Wobei der damit verbundene Aufwand und Stress zu gesundheitlichen Komplikationen führten, die nicht immer virusbedingt waren.

Ein anderes Beispiel, das weiterer Überprüfung bedarf, ist das Wettrennen, das sich einige Regierungen um den Erwerb von Schutzkleidung lieferten. Dies sind komplizierte Phänomene. Einerseits ist jedes Leben wertvoll, ungeachtet seiner geografischen Verortung. Andererseits lässt sich kaum überzeugend dagegen argumentieren, dass eine Regierung »alles Erdenkliche« für den Schutz der eigenen Bürger tut. Die Welt bleibt weiterhin kompliziert und die Spiegelregeln werden minütlich neu geschrieben.

Die chinesische Dimension

Infektionskrankheiten gehören genauso zu China wie seine Zivilisationsgeschichte. Insbesondere innerhalb des letzten Jahrhunderts wurden jedoch signifikante Fortschritte erzielt, da bakterielle Infektionen sowie die Pest unter Kontrolle gebracht werden konnten. Eine Jahrhundertseuche brach in China im Jahr 1910 in den nordöstlichen Provinzen aus, die zur Zeit der japanischen Besatzung als Mandschurei bekannt waren. Manzhouli, welches damals über die Ostsibirische Eisenbahn mit der Pazifikküste verbunden war, war nicht nur Epizentrum der Seuche, sondern auch Gegenstand eines scharfen Wettbewerbs zwischen dem kaiserlichen Japan und Russland, während Großbritannien sowie die Vereinigten Staaten ein gleichberechtigtes Mitspracherecht bei wesentlichen Entwicklungen im rapide verfallenden Qing-China verlangten.

Neben anderen Entwicklungen erinnert man sich auch deswegen an die Seuche, weil damals in Shenyang die erste internationale Konferenz des modernen Chinas stattfand, auf der klinische und epidemiologische Aspekte der Seuchenbekämpfung diskutiert wurden. Die Konferenz im April 1911 markierte den Beginn der Debatte über philosophische und klinische Aspekte der chinesischen sowie der westlichen medizinischen Wissenschaften.

Im November 2019 wurden Infektionsketten, die sich auf das gleiche Pathogen zurückführen ließen, rasch identifiziert und wirksam behandelt. Wie andere Gesellschaften auch kann China stolz auf die eigene Bilanz bei der Überwindung von der Natur gestellter Herausforderungen sein.

Die internationale Berichterstattung über China konzentriert sich unterdessen stärker darauf, dass das Land einen möglichen Ursprungspunkt regionaler Epidemien und globaler Pandemien darstellt. In China, das im Jahr 1957 sein Nationales Influenza-Zentrum einrichtete, richtet sich das Augenmerk derweil auf luft-, wasser- und vektorübertragene Krankheiten, anstatt mit dem Rest der Welt über den Ursprung grassierender infektiöser Viren zu diskutieren. Ein Paradebeispiel ist der Fall der Bilharziose, dem anders als anderen Infektionskrankheiten größere öffentliche Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Als im Jahr 1958 erstmals ein nationaler Erfolg bei der Eindämmung dieser Krankheit vermeldet wurde, waren chinesische Wissenschaftler und Politiker stolz auf ihre Eigenständigkeit. Auch wenn es stimmt, dass Bilharziose weiterhin auf der Liste bekannter Infektionskrankheiten des regierungseigenen Aufsichtsprogramms steht, ist der Stolz über die Eindämmung dieser Krankheit real.

Mit Beginn des 21. Jahrhunderts ließen die weltweiten Bedenken über Infektionskrankheiten nach. Unterdessen sorgt Chinas Vernetzung mit dem Rest der Welt durch Handel und Reisende dafür, dass Ereignisse innerhalb des Landes sich auch auf weit entfernte Bevölkerungsgruppen auswirken können. Ebenso stellen eingeschleppte Krankheiten und Viren eine beispiellose Herausforderung für Chinas Gesundheitsaufsicht dar.

In seinem Umgang mit Covid-19 ist es für China eine entscheidende Frage, warum in diesem Fall im Rahmen der Infektionsüberwachung offenbar keine frühzeitige Warnung erfolgte. Es steht zu hoffen, dass China wie bereits in der Vergangenheit die gegenwärtige Reaktion auf das Virus zur Verbesserung seines Seuchenüberwachungssystem sowie der entsprechenden Entscheidungsmechanismen im Bereich öffentlicher Gesundheit nutzen wird.

Internationale Kooperation

Eine der bedauerlichen Entwicklungen, die wir seit Ende Januar 2020 erleben mussten, besteht darin, dass sich weltweit öffentliche Bekundungen der Anteilnahme und des Mitgefühls gegenüber Covid-19-Patienten und betroffenen Bevölkerungsgruppen in anderen Ländern sehr in Grenzen hielten. Das gilt sowohl für die Berichterstattung der ausländischen Presse in China als auch für die Berichte chinesischer Medien aus dem Ausland. Offenbar haben Fortschritte in den Telekommunikationstechnologien nicht zu einer Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses und der Unterstützung geführt.

Stattdessen bestand die Stoßrichtung öffentlicher Debatten länderübergreifend darin, altbekannte Ansichten über die Vorzüge des eigenen politischen Systems sowie Entscheidungen und Fehler anderer Regierungssysteme zu bekräftigen, was einen negativen Echokammer-Effekt zur Folge hatte.

Ein Paradebeispiel ist etwa der Erwerb von Schutzkleidungsvorräten für Ärzte und Patienten an den Frontlinien des Kampfes gegen Covid-19. So gelang es Unternehmen wie Einzelpersonen allen innenpolitischen Widrigkeiten zum Trotz, rasch weltweit Schutzkleidung zusammenzukaufen und sie für den Einsatz nach China zu transportieren. Nach zwei Monaten fieberhafter Produktion, in denen auch die Zahl der Neuinfektionen eingedämmt werden konnte, war China in der Lage, die Großzügigkeit zu erwidern und in geeigneten Fällen Schutzbekleidung ins Ausland zu verkaufen.

Chinas »Masken-Diplomatie« wurde bald zu einem dominierenden Thema für Presse und Think Tanks. Da Diplomatie oft als eine Handlung definiert wird, mit der der Vertragspartner zum Handeln im Sinne der eigenen Absichten und Interessen bewegt werden soll, ist der Gedanke, dass der menschliche Überlebensinstinkt ausländisches Drängen erforderlich mache oder sich davon beeinflussen ließe, durchaus erstaunlich. Eine derart unsinnige Darstellung ist Energieverschwendung.

Nun ist es nie zu spät, theoretisch schon einmal mögliche Ansätze künftiger Kooperation zu entwerfen. Ungeachtet des weiteren Verlaufs der Pandemie ist es im Interesse aller Parteien, zur Vorbereitung auf die nächste Pandemie die gegenseitige Anerkennung von Standards für medizinische Schutzkleidung, Medikamente und was immer die Pflegeindustrie für notwendig erachtet, zu erhöhen, basierend auf wissenschaftlichen Berechnungen mit langfristiger Wirkung und nicht auf politischen oder diplomatischen Gesten, die kurzfristig für ein gutes Gewissen sorgen.

Neben der Harmonisierung technischer Standards dürften es die Regierungen zudem nützlich finden, den Grad der politischen Kontakte zu erhöhen, um etwa mit Lieferkettenschwierigkeiten umzugehen. Wenn dann erneut der Moment eintritt, in dem eine Flugzeugladung medizinischer Ausrüstung feststeckt, wäre es wünschenswert, auf eine Gruppe von Bodenpersonal zurückgreifen zu können, das sich bereits getroffen hat und es normal findet, miteinander zu reden.

Künftig könnten einige Länder anfälliger für den Ausbruch von Virusinfektionen sein, bei denen eine Übertragung vom Tier zum Menschen angenommen wird. Allerdings wäre die Zusicherung faireren Verhaltens mit Blick auf den Zugang zu Medikamenten oder Behandlungsmethoden, sicherlich wünschenswert.

Realistischerweise sind in dem gegenwärtig auf der Welt vorherrschenden geostrategischen Umfeld diplomatische Fortschritte im Bereich öffentlicher Gesundheitskooperation nicht leicht erreichbar. Die Unstimmigkeiten und Rivalitäten zwischen den großen Akteuren zeigen keinerlei Anzeichen eines Abflauens. Die bedauerliche Tatsache, dass die Vereinigten Staaten weltweiter Spitzenreiter sowohl bei den Infektionszahlen als auch bei den Todesfällen sind, sorgt bei der politischen Führung und den Eliten dieses großen Landes verständlicherweise für eine Verletzung des Ehrgefühls. Solche emotionalen Faktoren müssen bei der Sondierung künftiger Austauschmöglichkeiten auf dem Weg hin zu einer symmetrischen Kooperation durchaus ernst genommen werden.

Alles in allem verfügt die Welt jedoch nach wie vor über diverse Netzwerke aus Wissenschaftlern und Gesundheitsakteuren, die nicht immer die politische bzw. diplomatische Zustimmung der souveränen Staaten benötigen. Die Bewahrung der professionellen Integrität dieser länderübergreifenden Netzwerke könnte ironischerweise ein sicherer Weg hin zu einer weniger beunruhigenden Zukunft sein.

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