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Gestutzte Mitbestimmung

Die Friseurkette Klier, ein Konzern mit 10 000 Mitarbeitern, geht gegen Betriebsrätinnen vor

  • Von Hermannus Pfeiffer, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.
»Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns den Betriebsrat klaut!« 20 Friseure demonstrierten kürzlich vor dem Gebäude des Arbeitsgerichtes Hamburg. Hier läuft derzeit ein Kündigungsverfahren gegen sechs Mitarbeiterinnen der Friseurkette Klier, allesamt Betriebsrätinnen. Die Firmenleitung will die gesamte Arbeitnehmervertretung der Region Hamburg/Schleswig-Holstein vor die Tür setzen. In dieser Woche soll das Urteil fallen.

Die Klier Hair Group GmbH ist Europas größtes Filialunternehmen in der Babierbranche. Alleine in Deutschland sind hier nahezu 10 000 Menschen, ganz überwiegend Frauen, in mehr als 1400 Salons beschäftigt. Zum Konzern gehören bekannte Marken wie Essanelle, Super Cut, Hair Express oder Styleboxx. Pro Tag werden nach Firmenangaben bundesweit mehr als 50 000 Kunden verschönert. Ergänzt wird das Angebot durch einen Webshop und eine eigene Logistiksparte. Das Unternehmen mit Sitz in Wolfsburg ist in der dritten Generation inhabergeführt und mit weitem Abstand größter Ausbilder im hiesigen Friseurhandwerk.
Bis zur Coronakrise entwickelte sich die Branche insgesamt gut. Die Preise stiegen schneller als die allgemeine Teuerungsrate. In den Damensalons lag der Umsatz 2019 bei durchschnittlich 55 Euro; männliche Kunden blätterten immerhin 22 Euro pro Besuch hin. Die Friseurunternehmen erlösten so im vergangenen Jahr rund sieben Milliarden Euro, ein Plus von einer Milliarde innerhalb von nur sieben Jahren.

Trotzdem ist die Lage vieler Beschäftigter prekär. Der Friseur ist in Deutschland traditionell einer der am niedrigsten entlohnten Berufe, weshalb Trinkgeld eine wichtige Bedeutung hat. Immerhin wurde 2013 ein branchenweiter Mindestlohn eingeführt. In der Folge stiegen die Durchschnittslöhne binnen zwei Jahren im Osten von 6,50 auf 8,50 Euro die Stunde, im Westen von 7,50 auf 8,50 Euro. Mehr als die Hälfte der rund 150 000 Beschäftigten im Friseurgewerbe profitierte davon. Da die Arbeitgeber überwiegend in der Lage waren, die höheren Lohnkosten auf die Preise umzulegen, konnten Beschäftigungsverluste vermieden werden, heißt es in einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Seit 2015 gilt auch für Friseure der allgemeine gesetzliche Mindestlohn, der zurzeit bei 9,35 Euro liegt.

Corona traf die Branche und ihre Beschäftigten dann hart. Um die Pandemie einzudämmen, mussten die Läden wochenlang schließen. Seit der Wiedereröffnung im Mai sei durch Überstunden und längere Öffnungszeiten wenigstens ein Teil der Mindereinnahmen wieder gutgemacht, heißt es beim Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerkes in Köln. Allerdings befürchtet er, dass die Bereitschaft der Kunden, Geld auszugeben, deutlich sinken könnte, wie es im Entwurf für den noch unveröffentlichten Jahresbericht heißt, der »nd« vorliegt. Generell ist der Verband aber optimistisch: »Schönheit und gutes Aussehen treffen den Zeitgeist«, sagt eine Verbandssprecherin.

Dennoch arbeitet ein Großteil der Branche nicht sorgenfrei. Schuld sind Firmen wie Klier Hair, die vor allem in Städten und Einkaufszentren den örtlichen Handwerkern das Leben erschweren. Ketten bieten ihre Dienstleistungen nämlich oft zu Billigpreisen an. Außerdem können sie hohe Mieten in günstigen Lagen zahlen, weil sie aus dem einzelnen Salon weniger Gewinn ziehen müssen als eine Friseurmeisterin, die persönlich von den Einnahmen lebt. Die zwei Dutzend großen Friseurketten betreiben bundesweit rund 10 000 Filialen. Nach Angaben der Berufsgenossenschaft stehen ihnen rund 75 000 kleine Handwerksbetriebe gegenüber.

Der Betriebsrat der Klier-Kette vertritt seit seiner Gründung 2013 die Interessen von gut 100 Beschäftigten in 17 Salons in Hamburg und Schleswig-Holstein. Viele Verbesserungen für die Beschäftigten konnten jedoch erst vor Gericht durchgesetzt werden, berichtet Verdi-Sekretär André Kretschmar. Anfang des Jahres eskalierte dann der Streit: Klier kündigte sechs Betriebsrätinnen fristlos. Das Unternehmen wirft ihnen »Arbeitszeitbetrug« vor. Die wöchentlichen Sitzungen im Hamburger Gewerkschaftshaus hätten laut Reisekostenabrechnungen nicht immer volle acht Stunden gedauert. Die Betroffenen konterten mit dem Argument, solche Sitzungen müssten auch vor- und nachbereitet werden. Nicht zu vergessen die Gespräche mit Beschäftigten in den weit verstreuten Salons.

»Die Kündigungen gehören zu einem Bündel von Maßnahmen gegen Betriebsratsarbeit in ihren Salons«, kritisiert Gewerkschafter Kretschmar. In den Klier-Regionen Berlin und Hannover liefen an die 20 Gerichtsverfahren, in denen es um die Gründung eines Betriebsrates geht. Die Geschäftsführung sieht jeden Salon als »eigenständige Betriebseinheit«, die oft zu klein sei, um einen Betriebsrat bilden zu dürfen.

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