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Westberliner Ulknudel

Thomas Kapielski

Die Westberliner Ulknudel ist zurück: Gemeint ist niemand anderes als Thomas Kapielski, Kreuzbergs berühmtester Nasenflötist und Allroundkünstler, der in den 90ern das Feuilleton unsicher machte. Seitdem wirft er regelmäßig altersstarrsinnige Bücher übern medialen Zaun, in denen er seine aus der Zeit gefallene Weltsicht ausbreitet, um des Lesers Gunst zu erlangen.

Der Suhrkamp Verlag hat dem Außenseiter des Kulturbetriebs auf einem angemessenen Ruhekissen platziert, von dem aus er immer noch das rostige Fallbeil im kalten Kosmos schwingt. »Kotmörtel«, der »Roman eines Schwadronörs« (Untertitel) ist ein bunter Mix aus Karl Dall, Kant und Goethe, in dem sich Kapielski mit den Schrecknissen beschäftigt, die einem hochanständigem Klinkenputzer auf einer Zugfahrt (und Drumherum) von Schweinfurt nach Grollstadt-Sauger geschehen können - wenn nicht müssen!

Frowalt Hiffenmarkt ist dieser Vertreter für seltsame Sanitärartikel, der in seinen Kerkeraufzeichnungen über seine Geistes- und Geisterwelt, nebst treuer Frau und seinem großen Hobby, dem Aufschreiben, berichtet. Letzteres bietet ihm Schutz in einer bitterbösen Welt, die vor Feminismus und Sozialismus nur so strotzt, was ihm sehr mißhagt. Zuspruch findet er bei seinem Herzenspolizisten Röhr in grundseltsamen Verhören. Mit dem ehemaligen Kommunisten freut sich Frowalt über alle guten Dinge, die einen alten weißen Mann glücklich machen: Lektüre aus vergangenen Jahrhunderten, Bier, dankbare Frauenarme, eine Welt ohne Sozialismus und Fußball (ungefähre Reihenfolge).

Geschulte Kapielski-Leser werden daran ihre Freude haben, weil der Meister immer wieder versteckte Botschaften seines Frühwerks hervorlugen lässt. Auch diverse Kneipenkumpane und Kleinkunstschaffende aus verwehten Westberliner Tagen erscheinen als trunkene Geister. Von diesem lieblichen Buch empfehle ich über einen längeren Zeitraum häppchenweise zu naschen. Dem Neuleser rate ich vor der Lektüre zu einem mehrjährigen Kapielski-Crashkurs, um dessen Kosmos kapieren zu können.

Thomas Kapielski: Kotmörtel. Roman eines Schwadronörs. Suhrkamp, 410 S., br., 20 €.

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