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Wünsch dir was: eine harte Linke

Valdis Abolinš, ein linker lettischer Exilant, Internationalist und Kurator, kann wiederentdeckt werden

  • Von Matthias Reichelt
  • Lesedauer: 5 Min.

Joseph Beuys holte sich eine blutige Nase. Am 20. Juli 1964 veranstaltete er eine berühmte Performance im vollen Audimax der Technischen Hochschule in Aachen und ruinierte dabei mit einem Spritzer Salzsäure die Hose eines Studenten, der dem Fluxus-Künstler daraufhin zornig einen Faustschlag versetzte.

Diese Performance war Teil vom »Festival der Neuen Kunst«, das eher zufällig auf den 20. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Attentats gelegt worden war. Die Liste der Beteiligten liest sich wie ein Who is Who der Fluxus-Bewegung, die gerade vier Jahre zuvor von George Macunias begründetet worden war: Mit dabei waren unter anderem Eric Andersen, Stanley Brouwn, Henning Christiansen, Robert Filliou, Ludwig Gosewitz, Arthur Köpcke, Tomas Schmit, Ben Vautier, Wolf Vostell und Emmett Williams. Organisiert hatte dieses Gipfeltreffen der Kunst-Avantgarde der damalige Architekturstudent Valdis Āboliņš, der damals der Kulturreferent des AStA war. Seitdem er in Köln auf einem Konzert von John Cage und Merce Cunningham gewesen war, begeisterte er sich für avantgardistische Kunst.

Die Familie des 1939 in Liepāja (Liebau) geborenen Āboliņš war 1944 vor der Roten Armee aus Lettland nach Köln geflohen. Āboliņš hatte den Status eines »Heimatlosen Ausländers«, zählte also zu den »Displaced Persons« und wurde aktiv in lettischen Exilkreisen, ohne aber den dort verbreiteten Romantizismus zu teilen. Und auch nicht den aus der Nazi-Zeit tradierten Antikommunismus, die Staatsdoktrin in Westdeutschland unter Adenauer. Āboliņš war dafür nicht empfänglich und zeigte stattdessen Interesse an der Frankfurter Schule und an der unorthodoxen Linken. Als Kulturreferent des AStA konfrontierte er die Studierenden mit Pop Art, kritischem Realismus und den Wiener Aktionisten. Auf seine Einladung hin reizte beispielsweise Günter Brus die Grenzen aus, als er die menschliche Existenz zwischen Geburt und Tod anhand von allen möglichen Köperausscheidungen thematisierte.

1966-1967 organisierte Valdis Āboliņš in der von ihm mitgegründeten Galerie »Aachen Happenings«, Konzerte und Ausstellungen, u.a. mit Hans Peter Alvermann, Chris Reinicke und Jörg Immendorf. Von 1975 bis zu seinem frühen Tod im Frühjahr 1984 bekleidete er schließlich die Position des geschäftsführenden Sekretärs in der linken Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) in Westberlin und setzte sich dort auch für einen Kulturaustausch zwischen Lettland und Westberlin ein. Mit der Community aus Intellektuellen und Künstlern in und außerhalb Lettlands war er in engem Kontakt, allgemein ging es ihm um den Kontakt zwischen progressiven, avantgardistischen Künstlern über die Blockgrenze hinweg. Unter Āboliņš’ Ägide fand eine bemerkenswerte Ausstellung zur frühen und von der Oktoberrevolution inspirierten sowjetischen Avantgarde statt. Ihm gelang es auch, die wichtige lettische Malerin Maja Tabaka für ein DAAD-Stipendium ins Künstlerhaus Bethanien zu holen, wo sie unter anderen Wolf Vostell und die Autorin Ginka Steinwachs kennenlernte, die sie beide in Gemälden verewigte.

Āboliņš war eine schillernde Figur und die wohl interessanteste Führungspersönlichkeit in der 50-jährigen Geschichte der NGBK, die aber mittlerweile fast vergessenen ist. 2019 wurde ihm in Riga vom Lettischen Zentrum für zeitgenössischen Kunst eine außergewöhnlich voluminöse und zweisprachige Publikation (auf Lettisch und Englisch) gewidmet.

Im linken Milieu der Mauerstadt, in der Folge von 1968 geprägt von Kunst, Politik, Avantgarde und Punk, fiel Āboliņš schon allein durch seine Kleidung auf. Ob im damaligen NGBK-Büro in der Hardenbergstraße 9, bei Vernissagen oder Punkkonzerten im SO36 in Kreuzberg oder in den frühen Morgenstunden im Cafe M in Schöneberg, stets war der trinkfeste Āboliņš im dreiteiligen grauen Anzug mit breitkrempigem schwarzen Hut unterwegs. Mit dem Chic eines Bohemiens setzte er sich vom verbreiteten Dresscode aus Punkfrisuren und zerschlissenen Jeans ab. Immer dabei hatte er seine Herrenhandtasche mit dem Tabak Schwarzer Krauser, Papier und einer Nagelschere, um den überschüssigen Tabak abzuschneiden.

Mit großem Talent hielt er die Kulturszene in Comics fest und versandte Mail Art mit dadaistisch angehauchten Texten. 1969 wünschte er in einem Kartengruß an einen exillettischen Freund im ironischen Agitprop-Stil der »Reaktion eine harte Linke«. Später pflegte er besonders regen Austausch mit dem Maler Dieter Masuhr, der sich zur Unterstützung der Sandinisten in Nicaragua aufhielt.

Um Leben und Werk von Āboliņš breit auszubreiten, haben sich die Herausgeberinnen Ieva Astahovska und Antra Priede-Krievkalne quer durch dessen Archiv aus Briefen, Texten und Zeichnungen gearbeitet. In mehreren Beiträgen erinnern sich Freunde und Begleiter an diese illustre wie einflussreiche Persönlichkeit. Barbara Straka, die ehemalige Direktorin der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig, bezeichnet Āboliņš als ihren Mentor und rekapituliert ihre Zusammenarbeit mit ihm im »RealismusStudio« der NGBK. Die vielen Ausstellungen mit Kunst aus der UdSSR und Lettland wären - so Straka - ohne den Einsatz von Āboliņš überhaupt nicht möglich gewesen.

Maruta Schmidt, wie Āboliņš eine Exil-Lettin und 1978 Mitbegründerin des einflussreichen linken Verlages Elefanten Press, kannte Valdis bereits in den 1960er-Jahren und erinnert an ihn auf berührende Weise. Nicht ohne Stolz berichtet sie, wie sie half, Āboliņš als Geschäftsführer der NGBK gegen die Widerstände anderer linken Fraktionen im Kunstverein durchzusetzen. Als Intellektueller war Āboliņš zwar seiner lettischen Herkunft und Kultur sehr verbunden, in seiner Gesinnung aber ein absolut linker Internationalist.

Ieva Astahovska und Antra Priede-Krievkalne (Hg.): Valdis Āboliņš. The avant-garde, mailart, the New Left and cultural relations during the Cold War. Latvian Centre for Contemporary Art Riga, 664 S. mit zahlreichen Abbildungen in S/W und Farbe, 20 €.

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