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Willkommenskultur und Integration online

Unser Rückblick auf das WelcomeCamp 2020

  • Lesedauer: 5 Min.

Am 6. Juni hat das WelcomeCamp zum fünften Mal stattgefunden. In Zeiten der Corona-Pandemie das erste Mal digital. Wie der Name sagt, ist das WelcomeCamp ein Raum für Willkommenskultur und Integration. Entstanden sind die Idee und das erste Camp mit der ersten großen Flüchtlingswelle nach Europa im Jahr 2015. In seiner lockeren Form eines Barcamps sind Initiativen, Ehrenamtliche, Flüchtlinge und Interessierte eingeladen, sich auszutauschen und zu vernetzen. Organisiert wird es von Gesicht Zeigen! e.V. und dem dazugehörigen Projekt Media Residents, gefördert vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. In jedem Jahr finden sich alle Teilnehmer:innen zuerst in einem Plenum ein, um Vorträge, Diskussionsthemen und kurze Workshops für den Tag festzulegen. In diesem Jahr wurden Vorschläge im Vorhinein gesammelt, da das ganze online stattfinden zu lassen, schon Experimentcharakter hatte. Über 100 Menschen haben teilgenommen und in 14 Sessions wurde unter anderem über Klassismus, Rassismus, Verschwörungstheorien, Rechtsextremismus, die globale Flüchtlingssituation und Migration diskutiert.

Als Medienpartner waren wir in diesem Jahr dabei und haben drei Mini-Workshops für das Welcome Camp organisiert, zu den Themen Podcast, Aktivismus versus Journalismus und kritische Männlichkeit. Unsere journalistische Expertise richtete sich an Medienschaffende im Umfeld von Media Residents: Das Projekt bietet geflüchteten Medienschaffenden Raum, Technik und Formate ihre Perspektiven und Visionen einer weltoffenen Gesellschaft einzubringen.

Für das Thema »Kritische Männlichkeit« hat unser Leftstyle-Magazin Supernova Fikri Anıl Altıntaş, freier Autor und Botschafter der Soli-Kampagne HeforShe (https://www.heforshe.org/en) von UN Women Deutschland, eingeladen, um einen Raum für Austausch zur Debatte um Sexismus zu schaffen. Altıntaş findet: »Um Sexismus zu bekämpfen, sollten Männer sich über ihre Vorstellung von Männlichkeit unterhalten, einfach mal zuhören und nicht so viel Raum einnehmen.« [in: nd.derTag, 10. Juni 2020] (URL: dasnd.de/ 1137479)

Dabei geht es ihm darum männliche Privilegien, Rollenbilder und Machtstrukturen, die die Gesellschaft prägen und Ungleichheiten fördern, im Gespräch offenzulegen und zu hinterfragen. Was bedeutet »Mann sein« heute? Und wie beeinflusst diese Vorstellung Männer in ihrem Verhalten gegenüber Frauen und Menschen, die sich einer anderen Geschlechtsidentität zuordnen. Altıntaş Mini-Workshop war von Beginn an interaktiv gestaltet, so entfaltete sich ein engagierter Austausch.

Wer noch nie von diesem Thema gehört hat, fragt sich wahrscheinlich, ob diese Herangehensweise an Sexismus und Geschlechterrollen Sinn ergibt. Gehen wir nicht schon tolerant mit dem Thema Gender um und haben nicht inzwischen alle Formen ihren Platz in der Gesellschaft? Eine solche Frage kann ganz frei heraus mit »Nein« beantwortet werden. Schauen wir auf Deutschland wird tatsächlich erst seit #metoo offen über Sexismus gegen Frauen gesprochen. Und auch wenn Homosexuelle und auch LGBTQ inzwischen offen ihre Gender-Identität zeigen, ist noch viel Luft nach oben.

Zugespitzt könnte behauptet werden, dass wir in Sachen Männlichkeit und männlichem Dominanzverhalten nicht sehr weit über die 50er Jahre hinausgekommen sind. Immer noch werden klassische Rollenbilder reproduziert – in Familien, Freundeskreisen, in der Arbeitswelt, sichtbar in der Verteilung von Einkommen, Besetzung von Positionen, Sportkultur, Filmen, Werbung, etc. Die Aufzählung ließe sich lange fortsetzen.

Wie das in einer doch wissensbasierten Gesellschaft, eine, die sich mindestens seit den 70er Jahren mit Feminismus, Homosexualität und Gleichberechtigung auseinandersetzt, passieren kann, findet sich im Begriff »toxische Männlichkeit« wieder. Dieser stand im Mittelpunkt der Diskussion der Teilnehmer:innen.

Um Missverständnissen vorzugreifen: Es handelt sich nicht um die absolute Ablehnung oder Einstufung männlichen Verhaltens als schlecht oder toxisch, sondern reflektiert und kritisiert stereotype, repressive Männlichkeitsbilder, unter denen nicht nur Frauen oder andere Geschlechtsidentitäten leiden, sondern auch Männer selbst.

https://de.wikipedia.org/wiki/Toxic_masculinity#:~:text=Tats%C3%A4chlich%20meint%20toxische%20M%C3%A4nnlichkeit%20aber,d%C3%BCrfen%20(und%20welche%20nicht).

Stereotyp wird »Mann sein« immer noch »Stark sein«, »Versorger«, »Verteidiger« assoziiert. Über Erziehung, Gruppendynamiken und sozialen Anpassungsdruck wird das Rollenbild weitergeben, durch Abwertung, »Bodyshaming« und Ausgrenzung anderes Verhalten unterdrückt. Jeder kennt die Bezeichnungen »Hänfling«, »Warmduscher«, »Softie«, »Homo«, die hier je nach Sprach- und Jugendkultur verwendet werden. Darüber prägt sich Verhalten, das eigene Verhältnis zum Körper und zur Sexualität. Welcher Umgang ergibt sich daraus mit Schwäche, Sensibilität, emotionaler Offenheit?

Weitergetragen wird dieses Verhalten nicht nur im Beruf oder in privaten Kreisen, sondern bi in die gesellschaftlichen Führungseliten. Hier greift das männliche Dominanzverhalten von der sozialen auf eine strukturelle Ebene über, die als hegemoniale (ordnende) Männlichkeit bezeichnet wird. Aus dieser Perspektive lässt sich eine gesellschaftliche Praxis analysieren, die zu Diskriminierung führt und bis heute bspw. die Umsetzung von Gleichberechtigung bremst. Änderungen dieser Praxis sind so folgerichtig mit einer beständigen Auseinandersetzung und Reflektion auf das eigene Rollenverhalten verbunden.

Denn neben rechtlichen Grundlagen für eine weltoffene und diverse Gesellschaft, braucht es auch eine Unterbrechung unbewusster oder bewusster sozialer Reproduktion des als unzulänglich Erkannten.

Eine Dokumentation des WelcomeCamps ist auf der Webseite einsehbar:

https://refugeeswelcome.berlin/

oder hier im Live-Mitschnitt: https://youtu.be/mH4L3efLHlU

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