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Oft gestorben, aber nicht abgestiegen

Der Traditionsklub Werder Bremen darf in der 1. Fußball-Bundesliga bleiben. Die vielen Fehler wurden nicht bestraft

  • Von Frank Hellmann, Heidenheim
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Ende mundete der Bremer Entourage sogar das Bier mit Bügelverschluss aus schwäbischer Produktion. Der SV Werder hatte sich soeben auf der Schwäbischen Ostalb mit dem 2:2 im Relegationsrückspiel beim 1. FC Heidenheim gerade noch vor dem Abstieg gerettet. Und nun genehmigte sich ein grün-weißes Aufsichtsratsmitglied nach dem nächsten - vom Vorsitzenden Marco Bode über den Bauunternehmer Kurt Zech bis hin zum ehemaligen Volleyballverbands-Präsidenten Thomas Krohne - auf der Haupttribüne im Heidenheimer Stadion an der Brenz einen tiefen Schluck aus brauner Pulle. Währenddessen eilte der Vorsitzende der Geschäftsführung Klaus Filbry die Steintreppen hinunter, um seinen Cheftrainer Florian Kohfeldt innig zu umarmen.

Der sichtlich aufgewühlte Fußballlehrer fasste die bewegenden Ereignisse prägnant zusammen: »Scheiß Saison, geiles Ende.« Er sei stolz, »dass ich durchgehalten habe«, bekannte der 37-Jährige, als er verpixelt auf der Videowand erschien, um die Journalistenfragen auf der virtuellen Pressekonferenz zu beantworten. Werders Führungscrew scheint sehr geneigt, ihm weiter zu vertrauen: »Ich gehe davon aus, dass er Lust hat, den Weg weiterzugehen. Florian hat in einer ganz schwierigen Saison gezeigt, dass er solche Situationen meistern kann«, sagte Sport-Geschäftsführer Frank Baumann. Kohfeldt erklärte, er wolle in Ruhe entscheiden, was das Beste für den Verein sei: »Es kann kein ›Weiter so‹ geben. Und es wird kein ›Weiter so‹ geben.«

Ansonsten bat er um Nachsicht, dass er die von den Mitspielern in die Luft geworfene 41-jährige Legende Claudio Pizarro nicht mehr hatte einwechseln können. Kohfeldt warb auch um Verständnis, dass ihm bei aller Sehnsucht nach einer analytischen Einschätzung in erster Linie der Sinn nach Erholung stehe. Er werde sich »an irgendeinen Strand legen, wo mich keiner kennt und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen«. Da wirkte einer ausgezehrt von der quälenden Ungewissheit, ob er derjenige sein werde, der Bremens zweiten Abstieg nach 1980 zu verantworten hat.

Dabei liegen viele Gründe der hausgemachten Misere in Baumanns Bereich. Wie viel bei der Kaderplanung unter Werders Ehrenspielführer schiefgelaufen ist, zeigt sich jetzt auch: Beinahe grotesk, das mit Klassenerhalt teure Kaufoptionen bei Leihspielern greifen, die zuletzt gar keine Rolle mehr spielten. Der dauerverletzte Verteidiger Ömer Toprak und der unstete Offensivgeist Leonardo Bittencourt müssen für einen insgesamt zweistelligen Millionenbetrag nun fest verpflichtet werden. Zudem verlängert sich das Leihgeschäft mit dem außer Tritt geratenen Stürmer Davie Selke.

Im Gegenzug verliert Werder seine wichtigste Abwehrstütze: Kevin Vogt kehrt zur TSG Hoffenheim zurück. Auch Wirbelwind Milot Rashica zieht es weg, womöglich zu RB Leipzig. Vielleicht müssen auch Torwart Jiri Pavlenka und andere Stammkräfte noch verkauft werden. Denn der Beinaheabsturz hat nicht nur Kraft, sondern auch viel Geld gekostet.

Viel spricht dafür, dass der vertraglich ohnehin bis 2023 gebundene Kohfeldt bleibt, wenn er Abstand gewonnen hat. Weil er auch Fan ist, konnte er jedoch auch nie eine Distanz zum Überlebenskampf aufbauen. Und so fiel erst in dieser Nacht, in der der Tross noch per Charter über den Flughafen Nordholz/Cuxhaven in die Heimat zurückkehrte, der ganze Ballast ab. Es sei letztlich »ein Riesenkraftakt« gewesen, eine »Katastrophensaison« zu einem guten Ende zu bringen. Kohfeldt: »Wir waren so häufig abgestiegen, so häufig tot.«

Dass er mit neuen Schuhen beim Jubel über das erlösende 2:1 von Ludwig Augustinsson in der Nachspielzeit ausrutschte und schnell wieder aufstand, fügte sich ins Bild. Genauso, dass ein Ex-Werderaner, der Heidenheimer Routinier Norman Theuerkauf, mit einem skurrilen Eigentor nach drei Minuten mithalf. Als Kohfeldt frisch geduscht zum Mannschaftsbus spazierte, schrie er noch ein lautes »Ja« über den Schlossberg von Heidenheim, wo eine beträchtliche Zahl Menschen wartete. So weit war alles noch friedlich verlaufen, ehe gegen Mitternacht die Stimmung kippte. Heidenheimer Anhänger attackierten den Bremer Mannschaftsbus mit Flaschen und Steinen, fast zeitgleich kam es auch in Bremen zu Ausschreitungen zwischen Fans und Polizei, was nur beweist, dass selbst Geisterspiele ein Sicherheitsrisiko sein können, wenn es um zu viel geht.

Schon das Ringen um die akustische Deutungshoheit besaß skurrile Züge. Kurzzeitig nahmen sogar die Heidenheimer Spielerfrauen unerlaubt auf der Tribüne Platz, wo das Schlagen auf Pfannen oder das Betätigen einer Sirene für eine neue Tonspur in Coronazeiten gesorgt hatte.

Dagegengehalten hatte auf Bremer Seite die Physiotherapeutin Laura Kersting, die zuletzt nicht nur die Muskeln von Berufsfußballern behandelte, sondern an Spieltagen immer ihren Metallkoffer mit einem Gummihammer bearbeitete. Am Ende spazierte sie eher still und leise mit dem Handy über den Rasen, um die frohe Botschaft vom Ligaverbleib per Videotelefonat zu übermitteln. Später wartete sie ausgelaugt am Gitterzaun auf die Spieler. Flasche Bier in der Hand. Abklatschen, Anstoßen, Erleichterung runterspülen. Ende gut, aber längst nicht alles gut.

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