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Schwelende Wunden

Völkische Ökologie: Björn Höcke empfiehlt »Die Kehre«, eine Zeitschrift für »Heimatschutz«

  • Von Michael Bittner
  • Lesedauer: 6 Min.

Der AfD-Politiker Björn Höcke beherrscht die Methoden des Netzmarketings so gut wie die erfolgreichsten Influencer. Vor Kurzem veröffentlichte er in den sozialen Medien ein Foto, das ihn entspannt lesend auf einer Bank im Grünen zeigte, in der Hand die erste Ausgabe der neuen »Zeitschrift für Naturschutz« namens »Die Kehre«. Mit persönlichen Worten machte er Werbung für das Magazin, von dem er sich offenbar einiges verspricht: »Heimatliebe und Naturschutz sind zwei Seiten einer Medaille. Dass die heimathassenden Grünen das Thema Naturschutz gekapert haben, ohne ihm gerecht werden zu können, ist eine der Tragödien der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wir müssen es ihnen entwenden.«

Schon in seinem Buch »Nie zweimal in denselben Fluss« präsentierte Höcke sich als Naturbursche und Waldgänger. Der als »Heimatschutz« verstandene Naturschutz spielt eine große Rolle in seinen politischen Schriften, nicht zuletzt jenen, die er unter dem Pseudonym Landolf Ladig für Blätter des Neonazis Thorsten Heise verfasst hat. Wie Höcke mit seinem »solidarischen Patriotismus« Arbeiterinnen und Arbeiter zum Nationalismus führen will, entwirft er auch eine völkische Ökologie in der Hoffnung, Naturfreunde ins faschistische Lager zu locken. Während linke Ökologen der frühen Einsicht von Marx folgen, nach der »die kapitalistische Produktion« zugleich »die Erde und den Arbeiter« ausbeutet und verheert, macht Höcke stattdessen die »Globalisierung« und den »Wachstumszwang, der vom Zinsgeldsystem auf die Realwirtschaft ausgeübt wird«, verantwortlich. Höckes widerspruchsvolles und illusorisches Ideal ist eine »organische Marktwirtschaft«, die auf technischen Fortschritt und Wettbewerb nicht verzichtet und doch kleinräumige Geborgenheit und völkische Homogenität garantiert.

Höcke selbst hat allerdings keinen Beitrag für die Erstausgabe von »Die Kehre« verfasst. Die Autorinnen und Autoren stammen nur aus der dritten Reihe der rechtsintellektuellen Szene. Dass der Titel »Die Kehre« sich auf einen Begriff des Philosophen Martin Heidegger bezieht, erläutert der junge Chefredakteur Jonas Schick in seinem Editorial. Der Nationalsozialist Heidegger hatte in seinem quasi-religiösen, antisemitisch grundierten Spätwerk regelmäßig von den Gefahren der »Technik« geraunt. Das grafische Symbol der Zeitschrift, ein zur Kreisform zurechtgebogener Zweig, verweist auf das zyklische Geschichtsdenken, das den Konservatismus vom liberalen und sozialistischen Fortschrittsmodell unterscheidet. Den Ernst-Jünger-Ton fehlerfrei zu treffen, fällt dem Nachwuchsherausgeber Schick allerdings noch schwer. Dass es »schwelende Wunden« nicht gibt, im Gegensatz zu schwärenden Wunden oder schwelender Kohle, müsste ihm noch jemand beibringen.

Die Strategie der Zeitschrift ist simpel, aber nicht ungeschickt: Echte Beeinträchtigungen der Natur werden beklagt, jedoch nur dann, wenn sie irgendwie der Globalisierung, dem Klimaschutz oder linksgrüner Politik angelastet werden können. So werden etwa Windkraftanlagen abgelehnt, weil sie das »Landschaftsbild maximal zerrütten«, Ressourcen verbrauchen und Vögel, Fledermäuse und Insekten das Leben kosten. Gleiches den deutschen Autobahnen vorzuwerfen, kommt den Autorinnen und Autoren nicht in den Sinn. Praktikable, alternative Lösungen für das Problem der Erderwärmung bieten sie nicht an, stattdessen leugnen sie den entscheidenden menschlichen Einfluss auf den Klimawandel. Wo immer der Umweltschutz mit den Interessen des nationalen Kapitals zusammenstößt, stehen sie selbstverständlich stramm vor der Industrie. Welch ein widerspruchsvolles Projekt die rechte Ökologie ist, wird so schon auf dem schmalen Raum dieses einen Heftes deutlich. Da wird in einem Beitrag die deutsche Autoindustrie als Garant der »Mobilität« gefeiert, während in einem anderen der Autor Michael Beleites fordert, die Deutschen müssten »zur Ruhe kommen«, um sich mit der Natur wieder in Einklang zu bringen.

Beleites war zu Zeiten der DDR ein Begründer der unabhängigen Umweltbewegung. Nach der Wende arbeitete er mit Politikern der Grünen zusammen und war von 2000 bis 2010 sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er zählt zu den Menschen aus der ostdeutschen alternativ-ökologischen Opposition, die sich auf der Suche nach dem »Dritten Weg« in die Gefilde von Ökofaschismus und völkischer Esoterik verirrt haben. Der prominenteste Fall dieser Art ist wohl der von Rudolf Bahro, der mit Reformkommunismus begann und beim Ruf nach einem »grünen Adolf« endete. Michael Beleites verteidigt in seinem Buch »Umweltresonanz« und anderen Schriften die »Existenz der geographischen Rassenvielfalt beim Menschen« als »kostbares Naturerbe«. Die von einer »parasitären Finanzwirtschaft« vorangetriebene Herstellung eines »globalisierten Einheitsmenschen« müsse hingegen zur »Degeneration« führen. Erst vor diesem Hintergrund wird der naturphilosophische Beitrag in »Die Kehre« verständlich, in dem Beleites »Regionalisierung«, »Versorgungssouveränität« und »Wiederverländlichung« als Mittel gegen den »Wachstumswahn« empfiehlt. Globalisierung und Urbanisierung sollen für die »Überhitzung« der Erde verantwortlich sein, nicht aber der Ausstoß von Kohlendioxid. Welchen Weg weist Beleites aus der Krise? Eine Umwälzung von Macht- und Besitzverhältnissen propagiert er nicht. Stattdessen bleibt nur der hilf- und wirkungslose Appell an die Menschen, »ihren Lebensstil zu ändern« und zum »menschlichen Maß« zurückzukehren.

Der rassistische Aspekt der rechten Ökologie wird in der Erstausgabe von »Die Kehre« noch dezent im Hintergrund gehalten. In den kommenden Heften dürfte aber auch die Migration aus »ökologischer« Sicht verdammt werden, wie dies beim älteren Konkurrenzblatt »Umwelt & Aktiv« aus NPD-Kreisen längst der Fall ist. Immerhin betrachtet die Tierschützerin Lotta Bergmann in ihrem Beitrag schon jetzt »die globale Bevölkerungsexplosion« als »die entscheidende Ursache der Umweltkrise« und fordert, »die Weltbevölkerung« müsse »auf einem niedrigeren Niveau stabilisiert werden«. Mit welchen Mitteln diese Dezimierung betrieben werden soll, bleibt offen. Ebenso die Frage, ob der in rechten Kreisen befürchtete »Volkstod« der Deutschen nicht ein willkommener Beitrag zur Reduktion sein könnte.

Nicht ohne Grund erfährt die Gefahr des Ökofaschismus, vor der Publizisten wie Wolfgang Pohrt und Jutta Ditfurth schon vor Jahrzehnten warnten, derzeit wieder größere Aufmerksamkeit, so etwa in Büchern von Andrea Röpke und Andreas Speit, Mira Landwehr oder Peter Bierl. Es sind zwei Affinitäten, die das ökologische Denken für Rechte attraktiv machen und umgekehrt Umweltbewegte auf den Holzweg nach rechts führen können: Zum einen neigen jene, die im technischen Fortschritt grundsätzlich mehr Verlust als Gewinn sehen, auch im Politischen eher zum konservativen als zum progressiven Lager. Zum anderen betrachten manche Naturfreunde auch die Gesellschaft gerne nach dem Modell der Biologie. Da werden die einzelnen Menschen zu »Organen« im »Volkskörper« herabgewürdigt, überkommene Ungleichheiten zwischen Klassen, Geschlechtern und Nationen als »naturgemäß« gerechtfertigt sowie Wettbewerb und Krieg sozialdarwinistisch als nützliche Auslese bejubelt.

Auf den nationalistischen Dritten Weg geraten sind manche Naturfreunde allerdings auch, weil sie zu der richtigen Einsicht gelangten, dass sowohl der Kapitalismus als auch der Realsozialismus vor den ökologischen Problemen versagten. Die Autoren von »Die Kehre« können ganz wie ihr Vorbild Björn Höcke an diesen Eindruck anknüpfen, indem sie sowohl das »kapitalistische Produktionssystem« als auch die »Planwirtschaft« ablehnen. Eine linke Antwort auf die ökologische Frage müsste davon überzeugen, dass eine wirkliche Demokratisierung der Wirtschaft erst die Chance eröffnet, die Ökonomie an anderen Zielen als der Profitmaximierung und der unendlichen Expansion auszurichten.

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