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Morus, Atomium und die Weltmaschine

Tatjana Fischer und Harald Kegler suchen die Welt von morgen im Spiegel utopischer Versuche

  • Von Ernst Luther
  • Lesedauer: 6 Min.

Die »räumliche Dimension der Utopie« wollen Tatjana Fischer und Harald Kegler untersuchen. Hintergrund sind zwei Jubiläen: 2018 würdigte die EU die Geschichte von »Utopia« als Menschheitserbe, im Rahmen des vielfältigen European Culture Heritage Year und 2019 jährte sich zum 100. Mal die Gründung des Bauhauses als ein utopischer Versuch, Gesellschaft neu zu denken. Hinzu kommen aktuelle Anlässe, kritikwürdige gesellschaftlichen Zustände: globale und soziale Spaltungen, internationale Fluchtbewegungen, ungebremstes Städtewachstum, Ressourcenverbrauch usw. Ein historisch angelegte Utopia-Diskurs, so hoffen die Autoren in ihrem Buch »Utopia - Eine Welt von Morgen«, möge »ein sinnstiftender Begleiter« für Vorstöße in neue Freiräume sein.

Dieser Diskurs greift in Anlehnung an Thomas Morus, dessen berühmter Roman »Utopia« erstmals 1516 erschien, vor allem auf Platon zurück. Mit dem griechischen Philosophen teilte der englische Lordkanzler die Unzufriedenheit über die bestehenden Zustände sowie die Idee einer besseren Gesellschaft. Wesentliche Inspirationen für seine Vorstellung von einem anderen Stadtleben bot Morus die Freundschaft mit dem Renaissance-Humanisten Erasmus von Rotterdam. Die Lösungsangebote sowohl bei Morus wie Platon orientierten sich allerdings an dem Menschenbild ihrer Zeit. Freiheit, Menschenwürde und soziale Geborgenheit wurden den Sklaven nicht zugestanden. Die Staatsidee von Platon hatte ebenso wenig Raum für soziale Gleichheit wie die Stadtplanung bei Morus. Waren deshalb deren Utopien zum Scheitern verurteilt?

Die »Welt von Morgen«, die Fischer und Kegler versuchen, zu zeichnen eine Welt von morgen zu zeichnen, die vormalige utopische Versuche reflektiert und sich den neuen globalen Herausforderungen stellt. Ihr »Klimatopia« wollen sie nicht als Modell für einen zu entdeckenden »Glücksort« verstehen, vielmehr geht es ihnen um »eine Kultur des Sicherns und Gestaltens einer Zukunft für die Ìnsel Erde insgesamt«.

Die Leserinnen und Leser dieses Buches mögen beachten, dass es sich hier um den dritten Band der Reihe »Stadtentwicklung. Urban Development« handelt. Es wird hier also bevorzugt ein Publikum angesprochen, das etwas von Stadtentwicklung versteht und entsprechende neue Anregungen erwartet. Diesem Bedürfnis ist insbesondere das neunte Kapitel »Ein Utopia morgen - Brevier für die Raumplanung?« gewidmet. Wurde bereits im vierten Kapitel über Planung und Realisierung der Ideen von Morus informiert, geht es hier nun ins Detail - erstens um »eine raumordnerische Perfektion, die hinsichtlich der Planungsethik und Planungslogik zugleich fasziniert und erschreckt«, und zweitens darum, »warum Lebensqualität und raumordnerische Perfektion in Abhängigkeit von dem zugrunde liegenden Menschenbild entkoppelt sein können«. Selbst wer Morus gelesen hat, wird in den Ausführungen hierzu überraschende, interessante Details finden. Das Fazit von Tatjana Fischer lautet, dass sich die Utopier weder in ökologischer noch in sozialer Hinsicht nachhaltig verhielten.

Nicht minder interessant der Beitrag von Thomas Flierl über die Genesis des sowjetischen Utopia. Wer sich ein wenig in der UdSSR umgesehen hat, der weiß um die Rolle der Arbeit und den Wert des Kollektivs dereinst dort. Gemeinschaftsküchen waren nicht nur ein Resultat der Wohnungsnot, sondern hatten sehr wohl mit dem »neuen Menschenbild« und dem propagierten und gelebten Kollektivismus zu tun. Die sozialistische Stadt »Socgorod« sollte in den Jahren 1929 bis 1931 Initialzündung für eine neue Lebensweise sein. Konzipiert waren riesige Häuser, die mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet sein sollten, so Flierl. Wenig bekannt dürfte sein, was der Philosoph und ehemalige Berliner Kultursenator über die Pläne des deutschen Architekten Ernst May berichtet, die dieser im Frühjahr 1931 als Chefingenieur des sowjetischen Trustes Sojuzstandartzilstroj zu entwickeln begann und ab Herbst des Jahres dann im Planungsinstitut beim Allunionsrat für Volkswirtschaft fortsetzte. Fotos vermitteln dem Leser eine Vorstellung davon. Dass die kühn konzipierten Arbeits- und Lebensbedingungen in der damaligen Zeit keine Zukunft haben konnten, erinnert an das Scheitern vieler Utopia-Entwürfe.

Symbol für utopisches Denken ist auch das »Atomium«, ein 150-Milliardenfach vergrößertes Atommodell, für die Weltausstellung in Brüssel 1958 vom belgischen Ingenieur André Waterkeyn erdacht und von den Architekten André und Jean Polak ausgeführt - ein Zeichen für Fortschrittsgläubigkeit: Atomenergie zur friedlichen Nutzung, zum Wohl der Menschheit. Erwähnt wird auch die vom »Atomium« inspirierte »Weltmaschine« in einem Bauernhaus nahe der österreichischen Stadt Graz, vom oststeirischen Bauern Franz Gsellmann von 1958 bis 1981 erbaut.

Harald Kegler stellt als Utopia für Heute Lambaréné, Auroville und das Bauhaus vor. Das vom deutsch-französischen Arzt, Philosoph, Theologen und Pazifisten Albert Schweitzer 1913 im zentralafrikanischen Urwald gegründete Spital, das der Autor jüngst selbst aufgesucht hat, gilt ein Ort des Suchens, ein Gegenentwurf zum entfremdeten Fortschrittsgedanken. Leider hat auch das profitgierige Kapital mittlerweile Lambaréné für sich entdeckt. Wer hätte sich noch vor einigen Jahrzehnten vorstellen können, dass ausgerechnet in dieser utopischen Idylle eines Tages die Beschäftigten streiken müssen, weil ihnen die Löhne verwehrt werden?

Vorgestellt wird ebenso Auroville in Indien, eine »universelle« Stadt, die auf der Gesellschaftstheorie des hinduistischen Philosophen, Guru und Politikers Aurobindo Ghose basiert, 1968 als ein internationales Projekt eröffnet wurde und von der UNESCO unterstützt wird. Es folgt das Bauhaus. 1927 blickt Ilja Ehrenburg mit Staunen und Bewunderung auf diese einzigartige Kunst- und Architekturschule, die den Studenten eine ganzheitliche Lebens- und Arbeitswelt bot. Kegler schreibt: »So kann das Bauhaus-Gebäude als ein Utopia gesehen werden, eine Insel außerhalb der existierenden Welt, das selbst den Anspruch manifestierte, die Welt nach diesem Modell neu zu formen.« Die ersten Bauhäusler lehnten noch die »Hochhausstadt« ab. Verwunderlich ist, dass Halle-Neustadt, vom DDR-Architekten Richard Paulick in direktem Bezug zu Bauhausideen geplant, hier keine Erwähnung findet.

Der den Band abschließende Epilog skizziert »Klimatopia« als ein 100-Jahresplan. Den USA, in denen nach wie vor das Erbe der Sklaverei und der Völkermord an den Ureinwohnern ausgeblendet bleiben und das System der kapitalistischen Profitmaximierung verharmlost wird, steht »Nowa Amerika« gegenüber, eine gelebte Utopie zwischen Frankfurt/Oder und dem polnische Słubice - ein »Land dazwischen«, das keine fest definierten Grenzen hat und dessen »Staatsangehörigkeit« jeder Mensch erwerben könne, eine Alternative zu nationaler Abschottung und Protektionismus.

Fischer und Kegler wünschen sich, dass spätestens in 100 Jahren ihre Vorstellung einer »planetaren Überlebensstadt« Wirklichkeit wird. Ob das den Bewohnern der Tuvula-Inseln, dem viertkleinsten Staat der Welt hilft, die von Überflutung durch den Pazifischen Ozean bedroht sind, ist fraglich. Dieses umfangreiche Kompendium jedenfalls rät zum Nachdenken an. es gibt zudem reichlich Lektüreempfehlungen. Es handelt sich hier letztlich nicht nur um ein Sachbuch für Städteplaner, sondern um ein höchst informatives und lesenswertes Werk für alle, die besorgt sind hinsichtlich der Zukunft der Menschheit.

Tatjana Fischer/Harald Kegler: Utopia - Eine Welt von morgen im Spiegel utopischer Versuche. Thomas Morus: Eine Reise in gewesene Utopien zur Stadt-Region und neue Perspektiven. Verlag Peter Lang, 255 S., geb., 64,95 €.

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