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Aufteilung entlang der Sprachgrenze

Vor 100 Jahren legten Volksentscheide die endgültige deutsch-dänische Grenze fest

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.

100 Jahre ist es her, dass am 10. Juli 1920 Dänemarks damaliger König Christian X. über die bis dahin gültige deutsch-dänische Grenze über den Kongeå-Fluss zwischen Kolding und Haderslev (Hadensleben) ritt. Damit vollzog er symbolisch die Wiedervereinigung des mehrheitlich dänisch besiedelten Nordschleswigs mit Dänemark. Die Grenzziehung gilt als eines der wichtigsten Daten in der dänischen Geschichte und setzte dem jahrzehntelangen Grenzstreit ein Ende.

Die Gebiete, die heute Schleswig und Holstein ausmachen, sind ein wichtiger Teil der dänischen Geschichte. Im Frühmittelalter, vielleicht schon ab dem Jahr 700, entstanden hier die Danewerkwallanlage und die stadtähnliche Wikingersiedlung Haithabu - beide Stätten liegen heute in Deutschland. Bis in die Zeiten der Reformation war das Gebiet überwiegend dänischsprachig, aber dann breitete sich mehr und mehr das Plattdeutsche aus. Die Herzöge von Schleswig und Holstein waren dänische Vasallen, der dänische König trug ab 1721 auch diese Titel. Kirchen- und Amtssprache blieben jedoch deutsch und der Landesteil wurde von der Deutschen Kanzlei am Kopenhagener Hof verwaltet. Beide Herzogtümer blieben zugleich Mitglied des Deutschen Bundes. Die Sprach- und Verwaltungsunterschiede zu Dänemark und der Vertrag von Ribe (Ripern) von 1460, der die Unteilbarkeit von Schleswig und Holstein festschrieb, führte im 19. Jahrhundert zu Spannungen, als das nationale Bewusstsein in Dänemark wie in den deutschen Ländern erwachte und im Aufstand von 1848/49 kulminierte.

Mit dem Tod des kinderlosen Königs Fredrik VII. 1863 sollte die liberale dänische Verfassung auf die südlichen Landesteile ausgedehnt und ihre Sonderstellung aufgehoben werden. Dagegen protestierte der Deutsche Bund und beauftragte Preußen und Österreich, die Bundesexekutive gegen Dänemark zu vollstrecken. Dänemark überschätzte die eigene militärische und politische Stärke und musste nach einem kurzen Krieg die Abtretung eines Drittels seines Territoriums akzeptieren.

Während der Friedensvertrag in den deutschen Ländern als Teil des Einigungsprozesses angesehen wurde, betrauerten viele Dänen den Verlust; viele Familien siedelten in den Norden um. Um die wirtschaftlichen Verluste kompensieren, begann Dänemark, Sumpf- und Heidegebiete in landwirtschaftliche Flächen umzuwandeln und Esbjerg an der Nordseeküste als Hafen für den Englandhandel auszubauen. Kulturelle Inspiration aus Großbritannien löste den jahrhundertelangen Einfluss aus dem deutschen Raum ab.

Als besonders tragisch wurde der Kriegsdienst der dänischen Minderheit in Deutschland während des Ersten Weltkrieges empfunden. Mehrere Tausend Männer starben auf den Schlachtfeldern Europas.

Mit der Friedenskonferenz von Versailles hofften Bevölkerung, Regierung und Königshaus, dass ein Teil des Unrechts wiedergutgemacht werden würde. Im nördlichen Teil der damaligen Provinz Schleswig wurde weiterhin vorzugsweise Dänisch gesprochen und selbst für Flensburg wurde der Anteil der Dänischsprachigen auf etwa 40 Prozent geschätzt. Die Siegermächte entschieden jedoch, dass die Bevölkerung entscheiden solle, in welchem Staat sie künftig leben würden, und teilten Schleswig in drei Zonen auf, in denen die Bevölkerung 1919 abstimmte. Erwartungsgemäß entschied sich eine große Mehrheit in der sogenannten Zone 1, der nördlichsten, mehrheitlich für Dänemark. Zur dänischen Enttäuschung fiel die nächste Abstimmung in der Zone 2, in der auch Flensburg lag, deutlich zugunsten Deutschlands aus. In der Zone 3 wurde deshalb gar nicht erst abgestimmt. Aufteilung entlang einer Sprachgrenze ist daher eine bessere Bezeichnung als nationalistisch gefärbte Begriffe wie Wiedervereinigung oder Abtretung.

Die nationalistische Geschichtsschreibung Dänemarks betitelte die Grenzziehung von 1920 als die Rückkehr der verlorenen Tochter in den Schoss der Familie. Der endgültige Verlust eines großen Teils von Schleswig wurde bedauert und die dänische Minderheit fühlte sich im Stich gelassen. Auf deutscher Seite wurde die neue Grenze als Verlust alten deutschen Landes verurteilt und bekämpft. Mit dem Faschismus kam es zu Spannungen zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der deutschen Minderheit, die auf eine Grenzrevision hoffte. Für Nazideutschland war eine relativ passive dänische Bevölkerung, die bedeutende Lebensmittelüberschüsse produzieren konnte, jedoch wichtiger als die Grenzrevision. Die erste dänische Nachkriegsregierung erklärte bereits am 9. Mai 1945, »dass die Grenze festliegt«. Noch 1950 wurde aber eine private Unterschriftensammlung für eine Grenzrevision durchgeführt. Erst die Bonn-Kopenhagen-Erklärung von 1955, die den Minderheiten volle kulturelle Anerkennung gab, beendete endgültig den Grenzstreit.

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