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Das Böse kann in allem ruhen

Im Kino: Der Horrorfilm »Gretel & Hänsel« erzählt von der allgegenwärtigen Unbarmherzigkeit und dem Fetisch vom sich selbst vermehrenden Geld

Märchen ist Mythos. Man muss die Götter durch Hexen ersetzen, die Oliven durch Beeren, das Mittelmeer durch den Odenwald. Muss es gewiss tiefer hängen, denn das universell Humane scheint im Märchen aufs Kindliche reduziert. Bei Homer geht es um die Möglichkeiten des Menschen, bei den Grimms oft nur um Ängste. Die Art des Zustandekommens gleicht sich dennoch. In mündlich tradierten, dem Volk direkt entrissenen Geschichten arbeitet kein poetisch abgesonderter Verstand, es veranschaulicht sich vielmehr, wie der Altphilologe Walter Burkert sagt, »bedeutsame, überindividuelle, kollektiv wichtige Wirklichkeit«. Der kollektive, weil mündlich vermittelte Prozess besorgt, dass das Individuelle immer wieder aus der Erzählung gewaschen wird. Daher kann im Märchen neu nie wirklich neu sein. Man erzählt es ja permanent anders.

Das ändert sich auch nach der schriftlichen Fixierung nicht. Die erste Berechtigung einer Aneignung ist, dass der Stoff durch sie eine Veränderung erfahren hat. Die zweite aber sei Angemessenheit. Kunst muss ihrem Gegenstand gerecht werden. So geht etwa der Film »Hänsel und Gretel: Hexenjäger« (2013) allenfalls als launige Spinnerei durch. Kraftvoll in der Tat, im Übrigen ohne Gedanken, spiegelt diese Adaption den Geist der Obama-Zeit, dem auch die klare Trennung von guten und bösen Hexen entspricht. Die (mit den Hexen gemeinten) Randgruppen erhalten einen dezenten Hinweis, dass man sie am Leben ließe, wenn sie denn lernten, sich wie die Mehrheit zu verhalten.

Osgood Perkins’ Horrorfilm »Gretel & Hänsel« ist dagegen ein Dokument der Grübelei. Hier gibt es kein »Die-und-wir«, keine Sicherheit, keine entschlossene Tat. Das Böse kann in allem ruhen. Auch das entspricht der Entstehungszeit, jetzt nun der Trump-Ära, deren verschobene politische Geografie und Roulette der traditionellen Lager den Evangelismus von 2008 in ein nach innen gerichtetes, universelles Unbehagen verwandelt haben.

Der Film findet den Ausdruck auf allen Ebenen. Ein gestisch überaus effektvoller, gleichwohl melodischer Score arbeitet mit wuchtigen Rhythmen, die auch jenseits angsterzeugender Szenen den gesteigerten Puls fühlen lassen. Das leicht britisch gefärbte Englisch kollidiert mit dem verhältnismäßig modernen Look (Gretels Kurzhaarschnitt oder dem glatten Hexenhaus). Im Szenenbild wirken Novemberwetter und kräftige Farbsättigung gegeneinander, zeugen trübe Landschaft, die wunderschön anzusehen ist. Die Kamera bringt ständig neue Einstellungen, sodass der Raum des Waldes in tausend Facetten erscheint, ein schillernder Kosmos der Ödnis entsteht.

Die Differenzen zur Version der Brüder Grimm sind nicht zahl-, dafür folgenreich. Gretel scheint fünf oder sechs Jahre älter als ihr Bruder, sie behütet und beschützt ihn. Der Vater, als besseres Elternteil, wurde gestrichen. Das Hexenhaus besteht aus ordinärem Holz. Die Hexe sperrt die Kinder nicht ein, sie überredet sie, zu bleiben. Damit fällt ein wesentliches Element weg. Gretel und Hänsel laden keine Schuld auf sich. Sie werden von der alten Frau in Versuchung geführt.

Das beiseite, bleibt die Fabel der Vorlage treu, und die war in ihrer Einfachheit nicht leicht auf eine ganze Filmhandlung zu strecken. Paradoxerweise erklärt sich dieser Film, der so geheimnisvoll tut, ohne Unterlass selbst. Und was Beredsamkeit und Atmosphäre nicht schaffen, füllt dann eine seltsame Hintergrundgeschichte auf, die früh etabliert, aber nicht zur Nebenfabel wird, da sie sich lediglich in Retrospektiven darbietet. Erst im Finale erlangt sie Bedeutung; der Film endet mit einem Twist, wie Screenwriter das heute eben machen, wenn sie ihrer Fähigkeit, eine Geschichte auszuerzählen, nicht vertrauen. Während also das Schicksal von Gretel und Hänsel auf der Leinwand zu sehen ist, nehmen die Figuren in Dialog oder Monolog immer wieder Bezug auf jene Hintergrundsage eines kleinen Mädchens mit besonderer Gabe und besonderem Fluch, das daher irgendwann allein in den Wald ziehen musste. All das geht lange Zeit nicht zusammen und will auch zum Ende hin, bei der Auflösung, nicht so recht organisch werden.

Ohnedies packt einen der Film mehr auf der ideellen Ebene, wo man, gleich den Kindern im Hexenhaus, permanent Nahrung erhält. Diese Adaption des alten Grimm-Stoffs scheint nicht bloß neu, sie wird auch angemessen, indem sie seine innersten Elemente verstärkt. So ist sie ihm auf der Bedeutungsebene viel treuer, als es auf der Handlungsebene den Anschein hat. Eine Deformation zur Kenntlichkeit.

Durch den Altersunterschied zu Hänsel kann Gretel die Mutterrolle ausfüllen, fehlende Sorge der wirklichen Mutter ausgleichend. Anders als im Grimm-Stoff, wo die Hexe im Walde die Mutter spiegelt, die die Kinder wegschickte, egoistische Haltung somit im schlechthin Bösen (Kannibalischen) negativ idealisiert wird, stellt sich die Analogie hier zwischen Gretel und ihrer Mutter her. Und indem die Hexe die Kinder nicht bestraft, sondern verführt, sich ihnen gar als bessere Mutter präsentiert, entsteht auch zwischen Gretel und ihr eine Analogie. Auf die Art handelt das Märchen von Emanzipation und kindlicher Ermächtigung.

In Gretel wohnt noch das Kind, das sich Fürsorge wünscht und Kontrolle abgeben möchte, doch auch schon die Erwachsene, die sich darin gefällt, all das tragen und bewältigen zu können - was der klassische Konflikt früh (oftmals durch Verlust eines Elternteils) in die Verantwortung gezogener Kinder ist. Der Titel des Films - er hätte besser einfach »Gretel« gelautet - lockt auf falsche Spuren. Hier geht es nicht um Gendergerechtigkeit, sondern darum, wie viel Feindschaft in Erziehung respektive Erwachsenwerden steckt. Davon so ziemlich handelt auch das Grimmsche Märchen, worin die Eltern tun, was alle Eltern irgendwann tun: ihre Kinder in die Welt entlassen.

Nur werden dort die Widersprüche nicht innerlich, sie bleiben objektiviert. Der Fokus liegt auf der Hexe, auf der Schuld der Eltern, der Vergegenständlichung dieser Schuld in ihr. Entsprechend ist dann auch, nachdem die Kinder die Hexe getötet haben und ins Elternhaus zurückkehren, die Mutter ebenfalls gestorben. Die Unbarmherzigkeit der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt wird - misogyn, wie der ganze Grimm-Korpus - zusammengezogen in zwei weiblichen Figuren, der bösen Mutter und der böseren Mutter. Bei »Gretel & Hänsel« scheint die Unbarmherzigkeit ubiquitär. Es gibt keine Geschenke, jede Gabe hat ihren Preis, jedes Talent seinen Fluch - so lässt sich der Sinn jener Hintergrundfabel zusammenfassen. In einer Welt, worin alles Handel ist, einer vom Kapitalismus beherrschten, stimmt das.

Und dieser Grundgedanke schärft sich abermals, indem das Motiv der Ernährung, mithin des Kannibalismus, nicht bloß gezeigt, sondern regelrecht behandelt wird. Gretel selbst bringt es zur Sprache: Wir sehen im Hexenhaus Reichtum ohne Quellen. Ganz so, wie Kapital sich von der Arbeit absondert (und das schon zu Grimms Zeiten tat). Ganz so, wie heute der Reichtum der hoch entwickelten Länder, wo vor allem Dienstleistung und Distribution das Bild des ökonomischen Treibens bestimmen, seine Quellen (Arbeit und Rohstoffe) in den ärmeren Teilen der Welt hat und für das unbefangene Bewusstsein von heute damit wesen- und grundlos wirken muss. Die wie von Geisterhand erscheinenden Speisen und, auf negative Weise, der Kannibalismus, stehen für den Fetisch vom sich selbst vermehrenden Geld.

»Gretel & Hänsel«, Kanada, USA, Irland 2020. Regie: Osgood Perkins; Darsteller: Sophia Lillis, Samuel J. Leakey, Alice Krige. 87 Min.

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