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Willis letzter Wille ist egal

Stiftung des Jüdischen Krankenhauses verkauft Kreuzberger Haus entgegen der Wünsche des Erblassers

  • Von Bosse Kröger
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei lauter Musik und guter Stimmung haben sich am Dienstagabend vor dem Haus Wrangelstraße 83 in Berlin-Kreuzberg an die 120 Menschen versammelt. Doch der Anlass ist kein fröhlicher: Die Menschen wollen nicht, dass das Haus in den Händen eines Investors landet, stattdessen soll der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sein Vorkaufsrecht wahrnehmen. Aufgerufen hatten dazu das Stadtteilbündnis »Bizim Kiez« und die Hausgemeinschaft, die unter dem Motto »Willi wollt’s anders« firmiert.

Die Vorgeschichte ist kompliziert. Einst gehörte das Haus Willi Kolberg, einem Vermieter, wie es ihn nur selten gibt. Der sich tatsächlich Gedanken darum machte, wie es seinen Mieter*innen geht. Damit sie nach seinem Tod nicht verdrängt werden, hatte der damals 91-Jährige Kolberg 2015 in seinem Testament festgehalten, was mit seinen Häusern geschehen soll. Besonders wichtig war ihm, dass seine Häuser in der Hand einer gemeinnützigen Stiftung bleiben. Er vermachte sie an die Charité, welche sie nach seinem Tod im Mai 2016 an die Stiftung Jüdisches Krankenhaus weiterreichte. Zudem verfügte er ein lebenslanges Wohnrecht für seinen bisherigen Hausverwalter, für den er nach eigener Aussage Vatergefühle empfand.

Wegen eines formalen Fehlers in dem per Schreibmaschine verfassten Testament kommt es nun allerdings doch zur Kündigung zweier Mieter*innen der Wrangelstraße 83. Ihnen war lebenslanges Wohnrecht eingeräumt worden. Zudem will die Stiftung die Häuser verkaufen. Genau das, was Kolberg in seinem Testament zu verhindern versucht hatte.

Die Hausgemeinschaft macht deutlich, dass es nicht so weit hätte kommen müssen. »Erst werfen alle mit vereinten Kräften das Kind in den Brunnen und fragen sich jetzt, wie sie es wieder herausbekommen«, schreibt sie in einem Statement.

Rikarda Weber, Sprecherin der Hausgemeinschaft, wohnt seit 1987 in dem Haus. Mindestens alle drei Wochen besuchte Willi Kolberg seine Mieter*innen in Berlin, obwohl er in Frankfurt am Main lebte. »Wir haben oft Kaffee getrunken und geklönt«, sagt Weber zu »nd«. Die Geschehnisse nach seinem Tod verärgern sie. Vor der Übergabe des Erbes hätten alle beteiligten Parteien zugesichert, Willis letzten Willen zu achten. »Doch kaum hatte die Stiftung das Haus übernommen, haben sie eine 180-Grad-Wende hingelegt und den Hausverwalter entlassen«, berichtet die Mieterin. Statt des alten Hausverwalters übernahm im Auftrag der Stiftung die Gewobe, eine Tochter der landeseigenen Degewo.

»Nun scheint sich bei der Stiftung niemand mehr für das Testament zu interessieren«, sagt Rikarda Weber. Kolbergs Haus in Frankfurt am Main sei bereits verkauft. Wie das trotz der ausdrücklichen Wünsche im Testament möglich ist, erschließe sich ihr nicht. Das zuständige dortige Gericht verweigert die Akteneinsicht, es bestünde kein »begründete Interesse«.

Die Stiftung selbst sieht sich und den Sachverhalt in den Medien falsch dargestellt. Kolberg habe über zehn Jahre deren Arbeit unterstützt und deshalb seine Häuser an sie vermacht. Das Bewirtschaften, die Verwaltung und Vermietung von Immobilien sei jedoch nicht Sinn und Zweck der Stiftung Jüdisches Krankenhaus. Zudem fehlten gerade in der Coronakrise Mittel und Kapazitäten, einen am Haus entstandenen Sanierungsstau zu beheben. Auch, weil das Land Berlin in der Vergangenheit seiner Verpflichtung, investive Fördermittel für das Jüdische Krankenhaus Berlin bereitzustellen, nur unzureichend nachgekommen sei. Darüber hinaus seien die städtischen Wohnungsbaugesellschaften in den Verkaufsprozess bevorzugt einbezogen worden. Einer Nutzung des Vorkaufsrechts durch die Stadt steht die Stiftung offen gegenüber. Bisher designierter Käufer ist laut Bizim Kiez jedoch Henrik Ulven, Geschäftsführer mehrerer Immobilienfirmen und Eigentümer mehrerer Häuser in der Wrangelstraße.

Eine Ausübung des Vorkaufsrechts will auch die Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe (SPD). »In Berlin werden Häuser verkauft, bei denen dies explizit ausgeschlossen sein sollte«, kommentiert die Kreuzbergerin den Fall. »Der Umgang mit dem Lebenswerk und Vermächtnis von Willi Kolberg ist erschütternd«, so Kiziltepe. Auch der Linke-Bundestagsabgeordnete Pascal Meiser ist erbost. »Der Senat muss dafür sorgen, dass dieses Trauerspiel beendet wird und das Vorkaufsrecht ausgeübt werden kann«, so Meiser.

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