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So gut wäre die Zukunft

Paul Weller

Paul Weller ist auf der Suche nach der verlorenen Zeit: »And the world I knew / Has all gone by«, singt er auf seinem neuen Album »On Sunset«. Viele Texte seien aus der Sicht eines Sixty-Something geschrieben, der zurückblicke, »aber nicht mit Reue oder Traurigkeit, sondern mit großem Optimismus«, meint er.

Wenn die Sprache nach Heidegger das »Haus des Seins« ist, dann ist die Musik mindestens eine Mietwohnung der Erinnerung. Man hört einen Song von Wellers neuer Platte und denkt: Moment! Das kenne ich doch, das hört sich an wie … Und dann merkt man, dass einem die eigene musikalische Sozialisation aus den Songs entgegenwinkt. Man kann in sie einziehen wie in das alte Kinderzimmer.

Da liegt man dann auf dem Bett und bastelt seine Erinnerungen zusammen. Und das machen Wellers Songs auch. Auf »On Sunset« konstruiert Weller eine eklektische Vergangenheit, die es so nie gab. Die Sechziger sind da, mit Northern Soul. Die späten Siebziger mit dem für Weller charakteristischen Mod-Punk. Die Achtziger mit kalten Synthie-Sounds. Ab und zu gibt es ein paar Neunziger-Beats und manchmal Ambientklänge wie in den Nullerjahren.

Weller war schon Anachronist. Als er 1977 bekannt wurde, war Punk angesagt. Aber Wellers in Mod-Anzüge gekleidete Band The Jam spielte ein Update des Mod-Sounds von The Who. Anfang der Achtziger waren die New Romantics und ihre kühlen Sythie-Sounds angesagt. Aber The Jam spielten nun Soul. 1982 löste Weller die Band auf und gründete mit Mick Talbot das Duo The Style Council, um diesen Sound weiterzuentwickeln. Anfang der Neunziger startete Weller seine Solokarriere mit Britpop. Ein Treffer ins Schwarze. Denn für die Bands der damals immer erfolgreicher werdenden jungen Britpopper wie Oasis oder Blur war er mit The Jam ein Idol.

»On Sunset« ist Wellers 15. Soloalbum. Es fühlt sich an, als wolle er an die frühen Style Council anknüpfen. Mick Talbot spielt auf zwei Songs Hammond-Orgel. Im Opener »Mirrorball« schildert er den magischen Moment der Verwandlung, wenn Menschen einen Tanzclub betreten. »Old Father Tyme« klingt so, wie Style Council in den Neunzigern hätte klingen können. »On Sunset« dagegen ist ein traumartiges Gewebe, das klingt, als seien Air als Begleitband engagiert worden.

Dass Weller Sozialist ist, hat er den Hörern früher in seinen Texten regelrecht um die Ohren geschlagen. Jetzt massiert er es ihnen mit seinem musikhistorischen Eklektizismus sanft in die Ohren. Es sind kleine musikalische Utopien. Der Kulturtheoretiker Mark Fisher meinte, Utopien seien historische Vorstellungen davon, wie die Zukunft hätte werden können. Genau das sind Wellers Songs. Also: Völker, hört Paul Wellers Signale, auf ins nächste Gefecht! Keine Reue, keine Traurigkeit. Optimismus!

Paul Weller: »On Sunset« (Polydor/ Universal Music)

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