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Er hätte noch viel zu sagen

Zum 60. Geburtstag des zu früh verstorbenen Schriftstellers Ronald M. Schernikau

  • Von Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 6 Min.

Nun ist sie 30 Jahre her, die sogenannte deutsche Wiedervereinigung. Dort, wo vor 30 Jahren in Berlin noch der Palast der Republik stand, erhebt sich jetzt das wiederaufgebaute Stadtschloss, und auch ansonsten erinnert immer weniger an den ostdeutschen Staat mit antifaschistischem und sozialistischem Anspruch.

Wer heute als Berlin-Tourist etwas über die DDR erfahren will, geht - wenige Meter vom Stadtschloss entfernt - ins »DDR-Museum« und kann sich dort ganz »authentisch« in einen Trabi setzen oder in eine Einbauküche aus einem der vielen Wohnblocks. Wer Berlin-Mitte verlässt, kann sich in Friedrichshain an der East Side Gallery das längste noch erhaltene Teilstück der Berliner Mauer ansehen oder sich in Lichtenberg in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen über die Stasi informieren. Mit Trabi, Mauer und Stasi hat man nach herrschenden Kategorien das gängige DDR-Bild wohl am besten beschrieben. Wer die DDR verteidigt, gilt als »ewiggestrig« oder noch schlimmer: als Kommunist.

Kommunist war der Schriftsteller Ronald M. Schernikau zweifellos, aber »der Zukunft zugewandt«, wie es in der DDR-Hymne hieß. Will man seine Arbeiten auf einen Topos herunterbrechen, so sind es ebenjene bessere Zukunft und die Hoffnung auf eine andere, gerechte - also kommunistische - Gesellschaft. Schernikaus Leben selbst liest sich wie ein Roman: Im Kofferraum flieht der sechsjährige Junge mit seiner Mutter aus der DDR in die BRD. Der Vater, bereits dort, hat aber eine andere Frau, einen BMW und sich gut im Westen eingerichtet. Schernikaus Mutter, ebenfalls Kommunistin, bleibt mit Ronald in der Nähe von Hannover und zieht den Jungen alleine groß. Beide fühlen sich fremd im kapitalistischen Realismus der BRD, zu Hause läuft abends Ostfernsehen.

Von der Fremdheit zeugt auch Schernikaus frühes Schreiben: Bereits mit 14 sind es Leserbriefe an das linke Monatsmagazin »Konkret«, und mit 18, noch vor seinem Abitur, verfasst er die »kleinstadtnovelle«, jenes beachtenswerte Buch, in dem er die Aggressionen und Vorbehalte der Gesellschaft gegen alles beschreibt, was sich gegen die Norm richtet, insbesondere die Homosexualität. Nachdem er mit 16 Jahren der DKP beigetreten ist, zieht er, offen schwul lebend, 1980 zum Studium nach Westberlin und nähert sich damit seinem Sehnsuchtsort: der DDR.

In Westberlin wird er Mitglied der SEW, der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins, und tut, was man als Autor tut: Er schreibt und schreibt. Er arbeitet für linke und schwule Zeitschriften und werkelt ab 1983 an seinem Hauptprosawerk »legende« sowie an Theaterstücken und Buchbeiträgen. Wenig wird veröffentlicht. In der DDR passen seine Texte so gar nicht zu den Vorstellungen des sozialistischen Staates, doch auch der westdeutsche Medienbetrieb kann nicht viel mit seiner fragmentarischen und mosaikhaften Schreibweise - dabei in linksradikaler Tradition alles kleingeschrieben - anfangen. So publiziert er im Selbstverlag, wohnt, wie er selbst sagt, in einem »Loch« in Westberlin und muss »Lohnarbeit« jenseits des Schreibens nachgehen.

Seine Hoffnung bleibt der Kommunismus, und Schernikau nimmt sich die Freiheit, in den Osten zu gehen. 1986 erhält er als erster und einziger Westdeutscher ein Stipendium für das Leipziger Literaturinstitut »Johannes R. Becher«. Am 1. September 1989, während bereits der Strom der nach Westen Reisenden beginnt, geht Schernikau den anderen Weg und wird DDR-Staatsbürger.

Warum Schernikau die künstlerischen Bedingungen für sich in der DDR besser einschätzt als in der »freiheitlichen« BRD, kann man in »die tage in l.« nachlesen, seiner Abschlussarbeit am Literaturinstitut. Mit genauer Beobachtungsgabe, Scharfsinn und Leichtigkeit schreibt Schernikau dort über »sein Land«. Alle, die etwas über den Alltag in der DDR erfahren wollen, können sich das »DDR-Museum« schenken und sollten besser das Buch lesen. Er spart darin auch nicht an Kritik, doch ist er überzeugt, dass die Kunst in der DDR einen anderen Stellenwert habe als in der BRD. Dort könne man zwar alles sagen, aber niemand höre zu. »es darf unerbittlich alles behauptet werden, dafür ist nichts davon wahr«, schreibt der Schriftsteller in »die tage in l.«

Die Zensur in der DDR lobt Schernikau. Für ihn zeigt sie den Einfluss, der von der Kunst auf die Gesellschaft ausgeht. Die DDR packe die wichtigen Probleme an, und die Kunst könne zum Aufbau des Sozialismus beitragen. Dabei ist es für Schernikau klar, dass (seine) Literatur mehr sein muss als reine politische Propaganda. Für die Schlagersängerin Marianne Rosenberg, die er relativ eindeutig als »Mariane Komenski« in seinem Werk »legende« beschreibt, dichtet er den Liedtext »Amerika«, der auch tatsächlich 1984 auf einer Platte von ihr erscheint. Der Song ist ein ironischer und völlig überzeichneter Lobgesang auf den damaligen Präsidenten Ronald Reagan. Jede Zeile endet mit »er ist ein star«. Das Lied hat damit eine Form von Komik, wie sie vermeintlich reine politische Kunst für gewöhnlich nicht hat. Allein die Tatsache, dass er damit experimentiert, politische Statements in Form eines Schlagers zu präsentieren, zeigt, wie wenig er sich dem staatlich verordneten sozialistischen Realismus beugt.

Für Schernikau ist klar, dass die gesellschaftliche Wahrheit differenzierter ist. Dies zeigt sein gesamtes Werk, das aus Collagen besteht, verschiedene Textformen zusammenbringt, um damit Widersprüche aufzuzeigen, aber auch Ambivalenz zuzulassen. Seine Kunst betreibt er nicht um der Kunst willen, sondern versteht sie als eingreifende Praxis.

Mit der konkreten DDR hat Schernikau gleichwohl wenig zu tun. Sie ist für ihn mehr imaginierter Sehnsuchtsort als konkreter Staat. Er weiß um Überwachung und Unterdrückung und schreibt in »die tage von l.« trotzdem Fragwürdigkeiten wie: »das schönste bauwerk europas ist die mauer.« Wenige Sätze später muss man dann aber wieder schmunzeln: »ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 für einen punk. der rest ist meine hoffnung.« Die DDR bleibt, trotz all ihrer Fehler, die notwendige Bedingung für den kommenden Kommunismus. Schernikaus Hoffnung auf ein besseres Leben, »den größeren reichtum, den unermeßlichen, den kommunistischen«, ist für ihn viel mehr als der meist miefige DDR-Sozialismus.

Seine Hoffnung bleibt bis zum Ende bestehen. Wenige Wochen vor seinem Tod stellt Schernikau sein Opus magnum, »legende«, fertig. Jüngst im Verbrecher-Verlag neu aufgelegt, ist das Buch - mit nicht weniger als der Bibel zum Vorbild - ein Bekenntnis zum Optimismus, der Zukunft und zum sozialistischen Staat, der damals bereits kurz vor seinem Untergang steht.

Wer also weiß, dass die Widersprüche unsere Hoffnung sind, wie es Brecht einmal formuliert hat, und wer also wissen möchte, was die DDR bedeutet hat und noch bedeuten kann, muss Schernikau lesen. Auch wer einen Literaten sucht, dessen Sprache eine ganz eigene Schönheit und Direktheit aufweist, das Alltägliche mit dem Absurden verbindet und nie die Hoffnung verliert. Ihm selbst wurde diese zu früh genommen, viel zu früh starb er bereits 1991 an Aids. Am 11. Juli wäre Ronald M. Schernikau 60 Jahre alt geworden.

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