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Transidentität

»Ich werde sie immer begleiten«

Alice Kaisers Tochter wurde mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren – doch seit das Zwillings-Kind sprechen kann, ist klar: Sie identifiziert sich als Mädchen.

Von Inga Dreyer

Es gibt Kinder, die früh wissen, wo es für sie hingeht. So wie Lynn. »Ihre ersten Worte nach Mama und Papa waren: Ich bin ein Mädchen«, erzählt ihre Mutter Alice Kaiser bei einem Treffen in einem Berliner Park. Beide heißen anders, aber da Lynn erst zehn ist, möchte ihre Mutter sie schützen. Sie soll irgendwann selbst entscheiden, ob sie ihre Geschichte unter ihrem richtigen Namen erzählen will. Dabei ist das mit dem »richtigen« Namen so eine Sache. Offiziell trägt sie noch ihren männlichen Geburtsnamen, »Lynn« hat sie selbst gewählt.

Bis vor ein paar Monaten lebte Alice Kaiser in Guatemala, wo auch ihre Zwillinge geboren wurden: Zwei Jungs, dachte sie zunächst. Dass eines der Kinder das anders empfand, wurde deutlich, als es sprechen lernte. »Sie hat schnell gefragt, warum alle glauben, dass sie ein Junge ist«, erzählt Alice Kaiser. Lynn sah aus wie ihr Zwillingsbruder, wurde genauso erzogen, aber vieles war anders - zum Beispiel ihre Vorliebe für alles angeblich Weibliche. »Sie ist immer gleich in die ›Prinzessinnen-Ecke‹ gegangen«, erzählt die Mutter. Das will noch nichts heißen. Schließlich mögen auch Jungs rosa.

»Geschlechtliche Identität bedeutet nicht: Mädchen spielen mit Puppen, Jungen mit Autos«, erklärt der Verein Trans-Kinder-Netz (Trakine) in seinem Positionspapier. Ob ein Kind trans* sei, lasse sich nicht auf das Verhalten reduzieren. Es gehe darum, wie das Kind sich selbst beschreibt.

Lynn bestand darauf, ein Mädchen zu sein. Auf dem Flohmarkt suchte sie sich ein weißes Rüschenkleid aus, das sie nur zu Hause trug - in den Kindergarten ging sie als Junge. »Als sie vier wurde, hat sie sich auf ihrer Geburtstagsparty geoutet«, erzählt ihre Mutter. Irgendwann verließ Lynn den Raum und kehrte kommentarlos in ihrem weißen Kleid zurück. Die Gäste seien irritiert gewesen, berichtet Alice Kaiser. »Aber niemand hat etwas gesagt.«

Viele Jungs tragen gerne Kleider. Erst dachte Alice Kaiser, das sei eine Phase. Doch Lynn blieb dabei. »Ich habe das dann ziemlich schnell angenommen«, erzählt die Mutter. Sie begann sich einzulesen - und erfuhr, wie stark der Leidensdruck für transidente Kinder sein kann. In dem Buch »Wenn Kinder anders fühlen - Identität im anderen Geschlecht« betonen Stephanie Brill und Rachel Pepper, dass Ablehnung seitens der Eltern ein hohes Risiko für die körperliche, geistige und seelische Gesundheit von trans* Kindern und Jugendlichen darstelle. Sie berichten von Betroffenen, die sich in Alkohol- und Drogenkonsum flüchten, von zu Hause weglaufen oder obdachlos werden. »Transident zu sein, ist eine der schwierigsten Seinsformen, weil sie nicht verstanden wird und das binäre Geschlechtersystem so beherrschend und allumfassend ist«, schreiben die Autorinnen.

Viele transidente Kinder äußern sich sehr früh über ihre geschlechtliche Identität. Brill und Pepper aber raten davon ab, voreilige Schlüsse zu ziehen. Es sei wichtig, das Kind zu beobachten und es nicht in eine Richtung zu drängen.

Für Kaiser war klar, dass Lynn selbst den Kurs vorgibt: »Wenn das ihr Weg ist, dann gehe ich ihn mit ihr mit«, sagt sie. Das war nicht leicht. Bekannte und engere Vertraute begannen die Familie zu meiden. »Wir waren ziemlich lange isoliert.« Sie als Mutter sei verdächtigt worden, ihrem Kind absichtlich Mädchenkleider anzuziehen, um queeren »Moden« zu folgen. Dabei sei das nichts, was man sich aussuchen könne. »Wir machen das nicht, weil wir Lust haben, mit Regenbogenflagge rumzulaufen.« Für die Familie sei der Prozess eine Herausforderung gewesen. »Ich wusste zum Beispiel anfangs nicht, welches Pronomen ich benutzen soll«, erzählt die Mutter. Auch für Lynns Bruder war es schwierig. »Ich habe viel mit beiden geredet und erklärt, dass Lynn in ihrem Denken und ihrem Fühlen ein Mädchen ist.«

Im Umfeld eckte Lynn mit ihrem Beharren auf weibliche Verhaltensmuster an. »Wir wurden beispielsweise zur Schulleitung bestellt, weil die Lehrer es nicht fassen konnten, dass Lynn die Mädchentoilette benutzen wollte«, erzählt Kaiser. Die Zwillinge wechselten an eine andere Schule, die offener wirkte. Andere Kinder hätten keine Probleme mit Lynns Transidentität gehabt - Erwachsene aber schon. »Es kam zu Konfrontationen mit anderen Eltern«, berichtet die Mutter. Lynn wechselte erneut die Schule, das sollte auch ihren Bruder entlasten. Denn er litt wie seine Schwester unter der Situation. Die Schulleitung wandte sich einmal an Kaiser, weil er mit seinen Lehrer*innen und Mitschüler*innen offen über die familiäre Situation sprach. Auch wurde er nur selten von anderen Kindern eingeladen.

In Guatemala würden Schwule oder trans* Personen als Bedrohung klassischer Männlichkeitsideen angesehen, vermutet Kaiser. Das führe dazu, dass bei vielen transidenten Kindern die geschlechtliche Identität unterdrückt werde. Besonders in der Pubertät führe das zu Problemen. Viele landeten schließlich auf der Straße und lebten von Sexarbeit, weil sie keine anderen Jobs finden, erzählt Kaiser, die ihrem Kind unnötiges Leid und Diskriminierung ersparen wollte. Um aus der sozialen Isolation herauszukommen, knüpfte sie Kontakte zu anderen Familien mit queeren Kindern - in Guatemala, aber auch in den USA und Mexiko.

»Treffen mit anderen Transgender-Kindern waren lebenswichtig für Lynn«, sagt Kaiser rückblickend. Dadurch erfuhr sie, dass andere Gleichaltrige ähnlich fühlen. Denn das Gefühl, irgendwie »unpassend« zu sein, begleitete sie ihr ganzes Leben. »Ihr ist es prinzipiell immer egal gewesen, was andere denken. Wenn die Umwelt dir durch alle möglichen Kleinigkeiten widerspiegelt, dass du falsch bist, entwickelst du ein dickes Fell«, erzählt die Mutter. In manchen Phasen habe Lynn viel über ihre Transidentität gesprochen. Im Moment wolle sie einfach ohne Diskussionen als Mädchen akzeptiert werden, erzählt ihre Mutter, während Lynn mit ihrem Fahrrad durch den Park düst.

Zwar ging es Lynn auf der neuen Schule besser, aber nach der vierten Klasse hätte ein erneuter - regulärer - Wechsel bevorgestanden. Kaiser sah keine Möglichkeit, auch danach eine Einrichtung zu finden, in der sich ihre Tochter frei würde entfalten können. Schließlich beschloss die Familie, nach Deutschland umzuziehen. Auch Berlin sei nicht frei von Diskriminierung, sagt Alice Kaiser. Aber die Situation sei sicherer als in Guatemala, wo Gewaltverbrechen an trans* Menschen keine Seltenheit seien.

Lynn hat in Berlin bisher gute Erfahrungen gemacht. Obwohl der Name und der Geschlechtseintrag noch nicht geändert sind, wurde sie in der Klasse als Mädchen aufgenommen. »Sie darf beim Schwimmunterricht eine Einzelkabine nehmen und das Mädchenklo benutzen«, erzählt Alice Kaiser.

Während die Unterschiede zwischen Jungen- und Mädchenkörpern in der Kindheit noch gering sind, werden sie in der Jugend größer. Die Entwicklung von Merkmalen, die nicht der eigenen Identität entsprechen, kann großen Leidensdruck verursachen. Die Möglichkeit, die Pubertät medikamentös zu blocken, könne Bedenkzeit geben, heißt es beim Verein Trans-Kinder-Netz.

Während sich einige Transidente bereits in ihrer Kindheit outen, sprechen andere erst im Teenager- oder auch im Erwachsenenalter darüber. Für Eltern kann das eine Überraschung sein - wie für Sönke Beyer. Etwa 15 Jahre war er davon ausgegangen, eine Tochter zu haben. Dann aber wandte sich das Kind, das größtenteils bei der Mutter wohnte, an Beyers Lebensgefährtin und bat sie, dem Vater zu sagen, dass es nun seine männliche Identität lebe. »Dieser Moment war für mich mit einer Vielzahl von Emotionen verbunden«, sagt Sönke Beyer. Fassungslosigkeit, Erstaunen und Angst, dazu aber auch ein Gefühl der Erkenntnis: Das könnte also ein Grund für die Schwierigkeiten sein, die sein Kind in den vergangenen Jahren hatte.

Beyer begann sich zu informieren. Trotz seiner Bemühungen habe er einiges falsch gemacht, erzählt er. »Während ich noch einigermaßen hilflos in der Suppe herumschwamm, wurden um mich herum Fettnäpfchen aufgebaut.« Eine große Schwierigkeit: das Pronomen. »Ich bin lange zwischen ›sie‹ und ›er‹ hin- und hergerutscht.« Inzwischen spricht er selbstverständlich von seinem »Sohn«. Aber wenn es um die Vergangenheit geht, habe er eine Tochter vor Augen. »Sie war ein ganz klassisches Mädchen, hat Kleider geliebt, mit Puppen gespielt - und ihre langen, blonden Haare waren ein Heiligtum.« Mit Beginn der Pubertät habe sich das geändert. Die Haare wurden kurz, dunkel gefärbt. »Ich dachte, das sei eine modische Geschichte«, sagt der Vater. Auch später blieben Zweifel: Handelte es sich um eine pubertäre Phase? Irgendwann habe seine Partnerin ihm »den Kopf gewaschen« und gesagt, er solle das Coming-out seines Sohnes endlich akzeptieren, erzählt Beyer.

Um sein Kind besser zu verstehen, nahm Beyer Kontakt zu einem Eltern-Stammtisch und Beratungsstellen auf. Die Umstellung sei schwierig gewesen - obwohl es ihm prinzipiell egal sei, ob Sohn oder Tochter. »Ich habe mich damals gefreut, dass ich ein Mädchen bekommen habe. Aber wenn ich jetzt einen glücklichen Sohn habe, dann habe ich einen glücklichen Sohn.« Auch Alice Kaiser sagt, dass sie Lynn folgen wird. »Sie gibt das Tempo vor und sagt, wo es hingeht mit ihrer Identität. Wenn es morgen anders ist, ist es auch okay. Ich werde sie immer begleiten.«

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