Sprachwandel

Gift für Sie!

Ulrike Wagener akzeptiert die Bedeutungsänderung von Wörtern

Von Ulrike Wagener

Stellen Sie sich vor, jemand würde Ihnen eine Schachtel Pralinen vor die Haustür stellen, auf der Karte die Worte: »Gift für Sie!« Würden Sie das Geschenk annehmen, die Pralinen dankbar verzehren? Wohl kaum. Denn »Gift« weist in unserer heutigen Sprache auf einen toxischen Gehalt hin. Vermutlich würde auch Ihre Nachbarin Sie nicht überzeugen können, die Pralinen zu essen, mit dem Hinweis, Gift habe noch zu Goethes Zeiten - wie im Englischen - Geschenk oder Gabe bedeutet.

In der Linguistik heißt ein solcher Bedeutungswandel Pejoration, Bedeutungsverschlechterung. Ein Schicksal, das im Deutschen einer Vielzahl von Bezeichnungen widerfahren ist. Zahlreiche Ausdrücke für Frauen haben eine solche Abwertung erfahren: Etwa Dirne, Weib oder Mamsell. Und Bezeichnungen für Schwarze Menschen. Zum Beispiel die Wörter N**** oder M***, die hier nicht ausgeschrieben werden sollen. Doch manch einer möchte nicht auf die Aussprache oder Niederschrift dieser rassistischen Beleidigungen verzichten, andere wollen unbedingt M-Straßen im Stadtbild behalten. »Ursprünglich« sei das N-Wort doch die sachliche Bezeichnung für »schwarz« gewesen, heißt es. Und mit der M-Straße seien Schwarze Menschen gar als ehrenvolle Bürger*innen der Stadt Berlin willkommen geheißen worden. All diese Argumente mögen stimmen, doch sie ignorieren den linguistischen Prozess der Bedeutungsverschlechterung. Denn ganz unbesehen davon, ob diese Worte einmal neutral »schwarz« bedeuteten oder gar eine ehrenvolle Konnotation innehatten; ihre gegenwärtige Bedeutung ist abwertend.

Bereits der Duden von 1984 erkennt das in Bezug auf das N-Wort an. Und auch die Bezeichnung M*** ist heute diskriminierend und kann nicht unabhängig von der stereotypen Verwendung des Wortes für versklavte Menschen im Europa des 18. Jahrhunderts und deren bildlicher Darstellung verwendet werden. Diese Wörter sind nicht »neutral«, sie wurden auch nicht politisch neu besetzt oder angeeignet.

Dass nun einzelne Stimmen aus Wissenschaft und Feuilleton im M-Wort sogar Poesie finden können, zeigt, dass sie das Wort entweder anachronistisch verwenden oder ihnen schlicht der Anstand fehlt. Denn würden dieselben Menschen darauf bestehen, junge Mädchen Dirnen zu nennen - weil das Wort »ursprünglich« daher kommt - ungeachtet der Tatsache, dass es schon im 16. Jahrhundert Prostituierte bedeutete?

Ein Bezeichnung hat indessen noch längst keine linguistische Bedeutungsverschlechterung erfahren: Die Wendung »alter weißer Mann«. Und doch werden besagte Diskutanten nur ungern als solche bezeichnet. Dabei könnte eine Beschreibung neutraler und sachlicher kaum sein. Und stellen Sie sich nur vor, die Pralinen, Gift, ach nein, lassen wir das!

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