Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Ostsee

Frischer Wind in Boltenhagen

Einst war es das westlichste Seebad der DDR. Heute liegt es mittdendrin im Trubel.

Von Hanne Walter

Wenn »Uschi« um die Mittagszeit im Hafen des Boltenhagener Ortsteils Tarnewitz vor sich hindümpelt, verheißt das fast immer fangfrischen Fisch. »Uschi« ist der Kutter von Fischer Uwe Dunkelmann, benannt nach seiner Mutter, mit dem er in aller Frühe Nachschub für seinen Fischereihof Kamerun aus der Ostsee holt. Fast jeder neue Gast stutzt, wenn er den Namen des Fischereihofs liest: Kamerun liegt doch wohl in Zentralafrika? Gewiss, aber so wurden auch 1917, als die Dunkelmanns als Fischer begannen, die mit Stroh und Rohr gedeckten Fischerhütten in Tarnewitz bezeichnet. Doch der erste Reflex führt auf die richtige Fährte, denn der Name spielte auf die Armenunterkünfte in der damaligen deutschen Kolonie in Westafrika an.

Fischer Uwe Dunkelmann hält mit seinem Familienbetrieb die traditionelle Küstenfischerei schon in der vierten Generation lebendig - wie vor hundert Jahren: »Nur die Materialien haben sich geändert«, findet er. »Schon früher gab es sieben gute und sieben schlechte Jahre, wie ich aus den Unterlagen meines Großvaters weiß. Obwohl in den 1920er Jahren noch nicht industriell gefischt wurde, blieben auch damals öfter die Dorsche aus. Sie haben einfach über Jahre nicht gelaicht.«

Weil Uwe Dunkelmann beizeiten gelernt hat, dass Fischerei kein gleichbleibendes Geschäft ist, nimmt er es ziemlich stoisch, wenn »Uschi« leider nichts Frisches an Land bringen konnte: »Das brockt uns oft ein Sturm ein. Der bläst uns den Fisch einfach weg. Im vergangenen Sommer machte obendrein die Hitze Kummer. Hohe Wassertemperaturen lassen den Fischen zu wenig Sauerstoff, also schwimmen sie raus aufs offene Meer«, muss sich der Fischer mit den Launen der Natur abfinden. »Aber es gibt auch willkommenen Sturm, der frisches Wasser und damit die Miesmuscheln als Nahrung für die Fische in den Küstenbereich drückt.«

Uwe Dunkelmann ist von Berufs wegen Frühaufsteher. Wer als Gast ähnlich veranlagt ist, darf mit ihm auf dem Kutter auslaufen und bekommt in den nächsten Stunden einen Rundumschlag, was der Lebensraum Ostsee und sein Handwerk bedeuten. Wenn sich im eingeholten Netz auch Seesterne und Muscheln verfangen haben, freuen sich vor allem die mitgereisten Kinder. Auf dem Rückweg können sie obendrein Seehunde beobachten. Der erste von ihnen wurde in den 1950er Jahren gesichtet, danach war lange Ruhe. Erst vor zehn Jahren kamen weitere, inzwischen leben etwa sechzig vor der Küste und sehen die Netze der Fischer als Selbstbedienungsladen, statt selbst auf Jagd zu gehen. In ihrer ursprünglichen Heimat, dem Finnischen Meerbusen, ist die Population inzwischen so hoch, dass sie wegen der Revierkämpfe nicht zurück können.

Noch dreister sind nur die Kormorane. 14 500 Pärchen bevölkern die Wismarbucht und klauen jeden Tag so viel Fisch aus dem Meer, wie in 400 Kisten der Fischer passen würde. Aber die fischen selbst bei guten Bedingungen nur dreißig Kisten täglich. 2500 Kormoranpärchen würden reichen, ihre Art zu erhalten. Jahrelang unter Schutz, sind sie jetzt eine Plage, denn sie fangen richtig große Fische. Zudem sind sie Baumbrüter und setzen mit ihrem scharfem Kot auch noch den Wäldern zu.

Uwe Dunkelmanns drei Brüder und zwei Schwestern sind ebenfalls gelernte Fischer. Aktiv ist nur noch sein ältester Bruder, doch die Tradition wird keinesfalls aussterben, dafür ist gesorgt. »Mein vierjähriger Enkel Leon liebt es abgöttisch, mit Opa rauszufahren. Bei der Gelegenheit sprechen wir stets Plattdeutsch. Mit ihm kann ich also gleich zwei Dinge bewahren, die kurz vorm Aussterben sind«, freut sich der »Kamerun«-Chef.

Ein Hauch von Finnland

Pia Lindquist zählt seit etwa dreizehn Jahren zu den 2500 Einwohnern Boltenhagens und hat es mit ihrem Café selben Namens bereits zu beträchtlicher Berühmtheit gebracht. In lichtem Blau und Weiß steht ihr Haus direkt an der Strandpromenade auf dem Familiengrundstück ihres Mannes. Das Paar kennt sich aus gemeinsamen Jahren in der internationalen Hotellerie und Gastronomie, wo beide Ideen sammelten, bis die Zeit für etwas Eigenes reif war.

Nun wird jeden Tag gebacken und gekocht, in der Hochsaison sogar in Nachtschichten. »Besonders beliebt ist die finnische Schokotorte nach einem alten Familienrezept. Ich wurde schon oft gebeten, das Geheimnis zu lüften. Keine Chance! Wer es wissen will, muss meine Tochter heiraten«, erzählt Pia höchst vergnügt. Die Absage an alle spontan Heiratslustigen folgt sogleich: das Mädchen ist erst 16.

Trotz köstlicher Kuchen und Torten fragten die Gäste gelegentlich auch nach Handfesterem - wie etwa Currywurst. Nicht wirklich eine finnische Spezialität, aber Pia Lindquist gewann die Klützer Landschlachterei als Zulieferer und machte sich an die Herstellung einer eigenen, dazu passenden Soße. Statt Pommes gibt’s Kartoffellöffel, wie sie ihr aus England bekannt sind. Die sind schön knusprig und schmecken wie Chips

Jeden Tag freut sich Pia Lindquist, wenn sie ihr Café öffnet und in den Gesichtern ihrer Gäste liest: ihr Traum ist aufgegangen. Nur ein einziges Mal war sie bisher unglücklich, als nämlich die Pippi Langstrumpf, die ihr ihre Mutter zur Einweihung geschenkt hatte, von ihrem angestammten Patz auf dem Tresen verschwunden war. Ihr auf Facebook veröffentlichter »Nachruf« sorgte umgehend für etliche Neuzugänge. Und es werden immer mehr.

Leben mit Miniaturen

Auch Jürgen Kubatz lebt seinen Traum und lässt andere daran teilhaben. Bei ihm füllen jede Menge Flaschen etliche Regale, hängen an Wänden und Fenstern, säumen sämtliche Räume. Als Kind baute er Schiffsmodelle, als Erwachsener haucht er mit Miniaturen Flaschen ein zweites Leben ein. In seinem Museum haben historische Modelle von 1913 und 1918 einen Sonderplatz, aber alle anderen, die etwa 260 Buddelschiffe, die die romantische, aber kleine Kate kurz hinter der Strandpromenade fast zum Platzen bringen, sind sein eigenes Werk. Gibt’s darunter ein Lieblingsstück? »Alle, sind schließlich meine Kinder«, blickt er stolz in die Runde. Und deshalb ist nur wenig verkäuflich. Aber wie kommt denn so ein großes Schiff durch den engen Flaschenhals? Jürgen Kubatz macht kein Geheimnis daraus und lädt die Wissbegierigen in sein vollgestopftes Reich ein. »180 Kinder kommen pro Jahr in den Ferien zu mir und basteln und bauen. Das hat schon eine lange Tradition. Ab 9 Uhr schleifen, streichen, kleben sie und sind gegen Mittag um eine Trophäe reicher. Mir ist entschieden lieber, sie erarbeiten sich ein Modell, als eins zu kaufen. Dann können sie nämlich richtig stolz darauf sein«, weiß der Buddelschiffer aus langjähriger Erfahrung.

Treffpunkt Kurhaus

Boltenhagen ist seit 1998 »Staatlich anerkanntes Seeheilbad«. Diesen Titel hat sich der Ort mit seiner direkten Lage am Meer, der Bäderarchitektur aus den 1920er Jahren, der geprüften und mit blauer Flagge gekrönten Wasserqualität, dem mittleren Reizklima und der intakten Natur verdient. Einst war Boltenhagen das westlichste Seebad der DDR. Westlich von Boltenhagen, bei Steinbeck, verhinderten Sperranlagen ein Weiterkommen, obwohl es bis zur eigentlichen Grenze noch weit war. Davon ist glücklicherweise nichts mehr zu sehen. Außer, man kennt sich gut aus und weiß die letzten Zeichen zu lesen. Volker Jakobs kann das, der gelernte Landwirt hat sich schon immer für Natur und Geschichte interessiert und ist seit 2011 nebenberuflicher Fahrradführer.

Zunächst führte er seine Gäste vorrangig durch den schönen Klützer Winkel, aber seit er zum 25. Jahrestag des Mauerfalls eine thematische Tour zur Grenzüberwachung anbot, ist sie zum Renner geworden. Dafür geht es in der Saison jeden Mittwoch ab Kurhaus auch nach Tarnewitz, wo in den 1930er Jahren ein NS-Militärflugplatz und Erprobungsort für Flugzeugbordwaffen entstand. Den größten Teil der dafür künstlich angelegten Halbinsel hat sich längst die Natur zurückerobert und steht unter Schutz. Auf einem Drittel der insgesamt 400 000 Quadratmeter jedoch lädt die »Weiße Wiek« als Ferienparadies mit Hotels, Spiel- und Sportplätzen, Jachthafen und Restaurants wie dem »Kamerun« ein. Und mit dem malerischen Fischereihafen, in dem »Uschi« nach getaner Arbeit für die Boltenhagener und ihre Gäste friedlich vor sich hindümpelt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift