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Plastikmüll

Einmal ins Meer und zurück

Wissenschaftler lösen das Rätsel des »fehlenden« Plastikmülls.

Von Michael Lenz

Wir Menschen haben es mit dem Gebrauch der praktischen, aber oft eben auch umweltschädlichen und ziemlich unverwüstlichen Kunststoffe maßlos übertrieben. Das ist sattsam bekannt. Und was davon weder recycelt, verbrannt noch deponiert wurde, müsste letztlich in den Ozeanen enden. Wissenschaftler schätzen diese Menge auf acht Millionen Tonnen. Aber endet wirklich jedes Plastikteilchen im Meer? Die tatsächlich im Wasser gefundenen Mengen sind nämlich viel kleiner. Und so haben sich Wissenschaftler der Abteilung »Ozeane und Atmosphäre« der australischen Forschungsorganisation CSIRO und der Universität Utrecht in den Niederlanden auf die Spur des »missing plastic« - des fehlenden Kunststoffs gemacht.

Die Erforschung des maritimen Plastikmülls hat sich bisher auf den Großen Pazifischen Müllteppich, die Wassersäule zwischen Meeresoberfläche und Meeresgrund sowie die Mägen der Meerestiere konzentriert. Plastik und anderer Müll an den Küsten und Stränden besorgt zwar seit Jahrzehnten die Umweltschützer, aber die Wissenschaft hat bisher der Frage, warum und wie Küstengebiete zur Senke für Müll werden, kaum Aufmerksamkeit geschenkt.

Müllanalyse vor den Küsten Australiens

Untersuchungen der CSIRO haben jetzt gezeigt, dass 90 Prozent des Mülls, der ins Meer gelangt, in einer acht Kilometer breiten Küstenzone verbleibt. Ein guter Teil davon schafft zudem nicht einmal die acht Kilometer, sondern bleibt gleich in küstennahen Gewässern und in Gestrüpp, Felsen und Mangroven am Ufer hängen. »Im Fall der von uns untersuchten Stellen in Flussmündungen ist es sehr wahrscheinlich, dass das Plastik nie die offene See erreicht hat, sondern von Wind und Wellen wieder an Land gespült wurde, sobald es die Küstenzonen erreicht hatte«, sagt Arianna Olivelli von der Universität Utrecht gegenüber »nd«. Die Italienerin war Hauptautorin einer im Wissenschaftsblatt »Environmental Research Letters« veröffentlichten Studie zu den Quellen von Plastikmüll an Küsten (DOI: 10.1088/1748-9326/ab7836).

Für die Studie haben Olivelli und ihre CSIRO-Kollegen die Daten des Abfalls analysiert, der zwischen 2011 und 2016 alle einhundert Kilometer an Australiens Küsten gesammelt wurde. Der gefundene Müll bestand zu 56 Prozent aus Plastikabfällen. »Die höchsten Konzentrationen an Müll im Meer wurden entlang jener Küstenbereiche gefunden, an denen die Vegetation beginnt«, sagt Olivelli. Ein Teil des Mülls sei direkt von Menschen vor Ort zurückgelassen worden, während ein anderer Teil vom Meer zurücktransportiert worden sei. In der Studie heißt es: »Wellen und landeinwärts wehender Wind beeinflussen zusammen mit dichter besiedelten Gebieten die Menge und Verteilung von Meeresmüll. Je weiter wir vom Wasser entfernt waren, desto mehr Müll haben wir gefunden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kunststoff aus städtischen Gebieten in den Ozean gelangt und dann wieder zurück ans Land transportiert wird, wo er verbleibt.«

Die neue Studie bestätigt Ergebnisse früherer CSIRO-Forschungen. Für ihre 2017 im Fachjournal »Scientific Reports« veröffentlichte Untersuchung zu den Quellen der Verschmutzung an Küsten und Flussmündungen hatte sich Kathryn Willis auf 67 Stellen in zwei Flussmündungsgebieten sowie die Küsten Tasmaniens konzentriert. Für die Herkunft des Mülls stellte die Umweltsoziologin drei Hypothesen auf: direkte Vermüllung durch Strandbesucher; vom Regenwasser über Bäche und Flüsse weggeschwemmter Müll aus umliegenden Regionen sowie den vermuteten Rücktransport von Müll aus dem Meer. »Wir fanden starke Belege für alle drei Mechanismen. Jedoch war der Transport von Müll aus dem Meer zurück an die Küsten der wichtigste Mechanismus. Unsere Ergebnisse legen auch nahe, dass ein Großteil des in die Meeresumwelt gelangten Mülls lokal abgelagert wird. Dies könnte die Antwort darauf sein, wo sich der gesamte im Ozean fehlende Kunststoff befindet«, hieß es in der Studie von Willis.

Die Entwicklungsländer sind nicht schuld

Denise Hardesty ist die CSIRO-Chefforscherin in Sachen Plastik und Meer. Die Wissenschaftlerin geht nicht nur dem Verbleib des Plastiks nach, sondern arbeitet auch an Lösungsvorschlägen für die Reduzierung des maritimen Plastikmülls. Zudem bricht sie eine Lanze für jene fünf asiatischen Länder - China, Philippinen, Vietnam, Thailand, Indonesien -, die nachweislich als Hauptverursacher des Plastikmülls in den Ozeanen gelten und auf die die australische Öffentlichkeit gerne mit dem Finger zeigt. »Die Beweise zeigen, dass der meiste Müll (an den australischen Küsten) von uns stammt. Die Annahme, dass er aus den Entwicklungsländern kommt, ist einfach nicht wahr«, betonte Hardesty schon Anfang 2019.

Olivelli ist überzeugt, dass die Forschungsergebnisse des CSIRO über das »missing plastic« auch für andere Länder Gültigkeit haben können. »Wir haben Feldforschungen in anderen Ländern durchgeführt und beobachteten am häufigsten, dass sich Müll an Küstengebieten ansammelt, die von Vegetation eingeschlossen sind. Daher glaube ich, dass die Ergebnisse auch für andere Regionen gelten.«

Australiens eher nicht für Umwelt- und Klimaschutz bekannte konservative Regierung hat jetzt aber dem Plastikmüll den Kampf angesagt. Medienwirksam hatte sie Anfang März dieses Jahres 200 Politiker, Wissenschaftler, Unternehmensvertreter und Umweltexperten zu einem »Plastikgipfeltreffen« nach Canberra eingeladen. Regierung und Umweltschützer werteten den eintägigen Gipfel als Erfolg. Die Ideen, Anregungen und Versprechungen der Industrie zur Reduzierung von Plastik, so Umweltministerin Sussan Ley, würden in den »Nationalen Plastikplan« einfließen, den die Regierung Ende 2020 vorlegen will.

Unternehmen gründen Anti-Plastik-Koalition

Große Unternehmen haben konkrete Maßnahmen und Zahlen zur Reduzierung von Plastik zugesagt. Ein großer internationaler Burgerbrater zum Beispiel will bis Ende 2020 Plastikbesteck aus seinen australischen Filialen verbannen und damit 585 Tonnen Plastik einsparen. PepsiCo ist das mit den drei Umweltorganisationen Clean Up Australia, Redcycle und Replas gegründete Projekt »Greening the Green« allerdings nur umgerechnet 400 000 Euro wert. Mit an Bord der Anti-Plastik-Koalition sind die Fluggesellschaft Qantas, der Bierbrauer Asahi und die Lebensmittelmultis Nestlé und Unilever.

Premierminister Scott Morrison kündigte eine Partnerschaft mit der Wirtschaft zum Ausbau der Kapazitäten zum Recycling von Plastik an. Australien strebt an, bis 2025 mindestens 75 Prozent des Plastikmülls zu recyceln oder zu kompostieren. Morrison ist allerdings nicht über Nacht zum Grünen mutiert, sondern gehorcht der Not: Asiatische Länder wie China, Malaysia und Indonesien haben den Import von Müll aus Australien und anderen westlichen Ländern gestoppt.

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