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Facebook bleibt stur

Werbeboykott führt bisher nicht zu schärferem Vorgehen gegen Hassbotschaften

  • Von JOHN DYER, BOSTON
  • Lesedauer: 4 Min.
Facebook-Gründer Zuckerberg steht schon länger in der Kritik, weil er sich nicht klar von Falschinformationen Donald Trumps distanziert.
Facebook-Gründer Zuckerberg steht schon länger in der Kritik, weil er sich nicht klar von Falschinformationen Donald Trumps distanziert.

Führende Bürgerrechtsvertreter trafen sich vor wenigen Tagen mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Die Veranstaltung lief nicht gut: »Mark Zuckerberg und das Facebook-Team sind noch nicht bereit, den giftigen Hass auf ihrer Plattform anzusprechen«, sagte Derrick Johnson, Präsident der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Die Bürgerrechtler haben unter dem Hashtag »Stop the Hate« Rassismus, Sexismus und der Förderung von Gewalt auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken den Kampf angesagt. Von Zuckerberg wollten sie wissen, ob Facebook endlich gegen Rhetorik und Bilder vorgehen wolle, die rassistischen Positionen noch stärken könnten.

Die Initiatoren fordern Facebook auf, einen Teil der jährlichen Werbeeinnahmen in Höhe von 70 Milliarden Dollar dafür auszugeben, weiße Rassisten zum Schweigen zu bringen und Aufrufe zur Gewalt zu beenden. Laut einer Umfrage der Anti-Defamation League waren die US-Amerikaner 2019 auf Facebook mehr Hassreden und Belästigungen ausgesetzt als in jedem anderen sozialen Medium.

Doch Zuckerberg hat wiederholt erklärt, es werde auf Facebook keine polizeiliche Überwachung geben. Es sei nicht seine Aufgabe zu beurteilen, ob eine Anzeige hasserfüllt ist oder nicht, außer, sie enthalte offensichtliche rassistische Attribute oder stifte zu Gewalt an. Er entwickelte diese Politik nach dem Präsidentschaftswahlkampf 2016, als Facebook beschuldigt wurde, die Wahl Donald Trumps zu unterstützen, indem es russischen Agenten erlaubt war, auf der Plattform gefälschte Nachrichten zu verbreiten.

Facebook erklärte nach dem Treffen, das Unternehmen habe »Milliarden in Menschen und Technologie investiert, um den Hass von unserer Plattform fernzuhalten«. Auch habe man »die größte Wahlinformationskampagne in der amerikanischen Geschichte gestartet« und die Accounts von mehr als 250 rassistischen Organisationen gesperrt. Die Bürgerrechtsführer sind unbeeindruckt. Zuckerberg habe die gleichen Rechtfertigungen wie immer geäußert, kritisierte Johnson für die NAACP, eine der ältesten und einflussreichsten schwarzen Bürgerrechtsorganisationen in den USA.

Dennoch tut sich etwas: Facebook hat jetzt eine mit Spannung erwartete Prüfung veröffentlicht, die Bürgerrechtsanwälte im Auftrag des Unternehmens über einen Zeitraum von zwei Jahren durchgeführt haben. Demnach hat Facebook zwar einige Schritte unternommen, aber es gibt weiter blinde Flecken in Sachen gefälschter Nachrichten und hasserfüllter Inhalte. Der Bericht äußert sich zudem besorgt über Fehlinformationen und Stimmenunterdrückung im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im November. Selbst Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg räumte ein, dass die Prüfung vernichtende Kritik beinhalte. »Wir haben noch einen langen Weg vor uns«, erklärte sie in einer ersten Reaktion. »So schwer es auch war, unsere Unzulänglichkeiten von Experten aufdecken zu lassen, es war zweifellos ein wichtiger Prozess für unser Unternehmen.«

Durch die Prüfung ist auf jeden Fall der Druck auf die Facebook-Führungskräfte weiter gewachsen. Die Kampagne »Stop Hate for Profit« fordert bereits mit einigem Erfolg Unternehmen und Nutzer dazu auf, ihre Anzeigen auf Facebook und beim Onlinedienst Instagram, der ebenfalls zu dem Konzern gehört, für Juli zurückzuziehen. Es sei denn, Zuckerberg würde schärfere Maßnahmen gegen Hassreden ergreifen. Coca-Cola, Starbucks, Microsoft, der Telekommunikationsgigant Verizon, Sony PlayStation und VW gehören zu den 400 Unternehmen, die dem Aufruf bisher gefolgt sind.

Die Idee für den Boykott war Ende Mai entstanden, als Facebook es ablehnte, einen Post von Präsident Donald Trump zu entfernen, in dem es hieß: »Wenn die Plünderungen beginnen, beginnen die Schießereien.« Der Beitrag spielte auf den Aufruf des Polizeichefs in Miami zur Gewalt gegen Bürgerrechtsproteste in den 1960er Jahren an. Zuckerberg sagte, Trumps Sprache sei schrecklich, verteidigte aber das Recht des Präsidenten auf freie Meinungsäußerung. Die Reaktion führte zu zahlreichen Tweets und Posts. Auch von Facebook-Mitarbeitern, die ihrem Chef offen widersprachen und sagten, der Präsident verstoße mit seinem Aufruf zu Gewalt eindeutig gegen die Regeln des sozialen Netzwerks.

Gegenüber dem Silicon-Valley-Nachrichtenportal »The Information« sagte Zuckerberg, der Boykott schade zwar dem Image seines Unternehmens, aber kaum seinem Geschäft. Facebook habe mehr als acht Millionen Werbekunden. Die meisten Abtrünnigen würden wiederkommen. »Wir werden unsere Politik oder unseren Ansatz in keiner Weise ändern, nur weil ein kleiner Teil unserer Einnahmen bedroht ist.«

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