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Im Würgegriff männlicher Macht

»Athlete A« über sexualisierte Gewalt im Sport und was sie mit der Gesellschaft im Ganzen zu tun hat

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.
»Athlete A«: Im Würgegriff männlicher Macht

Missbrauch, dieser zweideutige Begriff meist männlichen Vormachtstrebens, der suggeriert, man könne Missbrauchsopfer auch gebrauchen - nach allen Skandalen vergangener Jahre klingt er noch immer merkwürdig im Singular statt Plural; als begingen ihn stets nur Individuen an Individuen, meist Erwachsene an Kindern. Weit gefehlt! Missbrauch, wenn wir den Begriff trotz seiner Unschärfe übernehmen, braucht immer ein System, dass ihn stützt. Davon erzählt »Athlete A«.

Denn mit dem Titel der Netflix-Doku ist zwar eine Sportlerin gemeint, die unterm arglosen Kürzel als erstes Objekt einer schier unfassbaren Zahl sexueller Übergriffe im amerikanischen Turnverband US Gymnastics geführt wurde. Doch Maggie Nichols, so lautet ihr richtiger Name, wurde vom Teamarzt Larry Nassar nicht allein vergewaltigt. Bei Licht betrachtet haben die eigenen Funktionäre und Förderer ebenfalls Hand an die damals 15-Jährige und ihre 264 Leidensgenossinnen gelegt, ach was: eigentlich die Leistungsgesellschaft im Ganzen.

Das nämlich ist die Quintessenz aus 100 Minuten schwer verdaulicher Aufarbeitung der vielleicht scheußlichsten Sportaffäre überhaupt: All jene Betroffenen, die den Filmemachern Bonni Cohen und Jon Shenk haarklein schildern, wie sie der vermeintliche Helfer jahrzehntelang »belästigt« habe - wie es seltsam beschwichtigend in der Synchronfassung heißt -, sind gleichsam Opfer der Profistrukturen dahinter. Die haben den fortgesetzten Missbrauch der Schutzbefohlenen schließlich nicht nur unterschwellig gefördert, sondern schlimmer noch: wissentlich verschwiegen und sich damit schuldig gemacht.

Seit Bela und Martha Karolyi, die tyrannischen Trainer*innen der kindlichen Turnkönigin Nadia Comăneci, nach deren Olympiasiegen 1976 aus Rumänien geflohen und von der US-Konkurrenz engagiert worden sind, wurde der osteuropäisch dominierte Randsport nicht nur zur amerikanischen Kerndisziplin aufgeblasen. Es war auch der Startschuss einer siegorientierten Verjüngungsstrategie. Sie sorgte dafür, dass bereits Kleinkinder paramilitärisch auf Sieg gedrillt wurden. Aus Sicht der Regisseure führte das auf direktem Wege zu »Athlete A«.

Damit zeichnet dieses bedrückende Enthüllungsstück akribisch nach, wie bis zu 500 minderjährige Turnerinnen ungeahndet in die Fänge eines notorischen Sexualstraftäters gerieten und was es aus ihnen gemacht hat. Mindestens ebenso bedrückend ist es jedoch, wie präzise Cohen und Shenk den sportpolitischen Hintergrund ausleuchten. Damit stellt sich ihre Arbeit, die nach der coronabedingten Verschiebung des Tribeca Filmfestival in New York nun endlich auf Netflix zu sehen ist, in die lange Ahnenreihe herausragender Sportdokumentationen mit dem Potenzial, wirklich etwas zu verändern.

Eingehend wird darin skizziert, wie eine Freizeitbeschäftigung, die Abertausende von Mädchen, aber auch Jungen rund um den Globus aus tiefster Seele begeistert, in den Würgegriff ruhmsüchtiger Technokraten, gewissenloser PR-Abteilungen und einer erfolgsverliebten Nation geraten konnte, in der Siege bis heute unsterblich machen, Niederlagen aber vergesslich. Dass dies auf dem Rücken der Kinder geschieht, lag dabei schon immer nah. Erst die verbissene Nachforschung der Regionalzeitung »Indianapolis Star« allerdings sorgte vor vier Jahren dafür, dass die Missbrauchsfälle publik wurden und Konsequenzen damit unausweichlich. Für einige zumindest.

Dank der Recherchen des Blattes zeigte sich, wie früh US Gymnastics vom Abgrund im eigenen Haus wusste - und dennoch schwieg. Wenn »Athlete A« auf halber Strecke ins juristische Finale mündet, steht also nicht nur Larry Nassar vor Gericht, sondern der Profisport insgesamt. Das macht den Film trotz arg pathetischer Geigen zur Systemkritik eines Ausbeutungsgefüges, in dem fast alles nur noch Ware ist und fast nichts mehr menschlich. »Ich traue mich gar nicht diesen Satz zu sagen«, meint eines der Opfer im Film, »aber Larrie Nassar, war der einzig nette Erwachsene, wirklich der einzige, an den ich mich unter den Mitarbeitern von USA Gymnastics erinnern kann«. Nach dieser Dokumentation wird deutlich, warum.

»Athlete A« auf Netflix.

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