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Es bedurfte nur eines Funkens

Michel Tubiana über die Protestbewegung gegen Rassismus und Auswüchse postkolonialer »Traditionen« in Frankreich

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 2 Min.

Hat Sie die Protestbewegung gegen Rassismus und Diskriminierung überrascht, die Anfang Juni ausgebrochen ist und seitdem anhält?

Nein, der Ausbruch hat mich nicht überrascht, höchstens die Intensität. Da kam hinzu, dass das mit dem Ende der wochenlangen Ausgangssperre zusammenfiel, wo sich viel Energie angestaut hatte. Die Frustration über den Rassismus und die Auflehnung dagegen sind ja nicht neu. Das sammelt sich immer eine Zeit lang an und dann bedarf es nur eines Funkens, damit das explodiert. Diesmal waren es die Ereignisse um den Tod von George Floyd in den USA.

Haben diejenigen recht, die sagen, dass die Zustände in Frankreich in mancher Hinsicht sogar schlimmer seien als in den USA, wo der Kampf gegen Rassismus eine jahrzehntelange Tradition hat, während das Problem in Frankreich eher geleugnet und verdrängt wird?

Das würde ich nicht sagen. In den USA und Frankreich sind die historischen, politischen, sozialen und kulturellen Ursachen des Rassismus sehr verschieden. Das kann man nicht miteinander vergleichen.

Es stimmt natürlich, dass in Frankreich die Gleichheit aller hochgehalten wird und man gern die Augen davor verschließt, dass die Realitäten oft anders aussehen. Das ist vor allem eine Reaktion darauf, dass man für diese Probleme keine Lösungen weiß. Frankreich hatte schon immer große Schwierigkeiten, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und sie so zu überwinden. Das war so bei Marschall Pétain und dem Vichy-Regime, und das trifft auch auf die Kolonialvergangenheit und den Sklavenhandel zu.

Mit den Auswüchsen solcher postkolonialen »Traditionen« werden tagtäglich die jungen Menschen konfrontiert, die zumeist in Frankreich geboren sind, deren Familien aber aus ehemaligen Kolonien stammen.

Was halten Sie von der mitunter geäußerten Befürchtung, der Kampf gegen rassistische Diskriminierung führe zur Abkapselung ganzer Bevölkerungsgruppen und zur Klanbildung nach Herkunft?

So etwas regt mich auf! Da werden doch die Rollen vertauscht und die Opfer sollen zunächst ihre Loyalität gegenüber der Republik und deren Werten nachweisen.

Ich lehne natürlich auch Überspitzungen wie das Gefasel von den »Privilegien der Weißen« ab. Aber wer sich bei uns über Rassismus und Diskriminierung beklagt, hat meist handfeste Gründe dafür. Da hat die Französische Republik und ihre Politik versagt. Das sollte man ernst nehmen und gemeinsam dagegen kämpfen.

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