Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Frankreich verschleppt Aufarbeitung

Antirassistische Proteste und Debatten zu kolonialer Vergangenheit erleben derzeit einen Aufschwung

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 5 Min.

Das Straßenschild der Rue Guillaume Gru in der Hafenstadt Nantes weist den auf diese Weise Geehrten als Reeder und Mäzen des örtlichen Waisen-Hospiz’ aus. Dass er vor 300 Jahren mit seinen Schiffen einen sehr lukrativen Handel mit Sklaven zwischen Afrika und Amerika betrieb, erfährt man im Stadtmuseum - wenn man danach sucht. Die Abteilung, die dieser Seite der Heimatgeschichte gewidmet ist, wurde erst vor 20 Jahren und gegen den Widerstand konservativer Kräfte in der Bürgerschaft eingerichtet.

Wie die Hafenstädte Bordeaux und Le Havre verdankte auch Nantes den Reichtum, der viel zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt beitrug, einem schwunghaften Dreieckshandel: Waffen und Munition, Stoffe und billiger Glasschmuck von Europa nach Afrika, Sklaven von Afrika nach Amerika, Edelmetalle und Agrarrohstoffe wie Zuckerrohr und Kakao von Amerika nach Europa. Von den dabei zwischen 1650 und 1830 durch Europäer insgesamt verschleppten 16 Millionen Männern, Frauen und Kindern wurden allein 550 000 mit Schiffen aus Nantes transportiert.

Dass man sich mit dem Sklavenhandel und darüber hinaus der gesamten Kolonialvergangenheit Frankreichs intensiver und kritischer auseinandersetzt - und dass in diesem Zusammenhang Straßen umbenannt werden und einige Denkmäler ins Museum wandern -, gehört zu den Forderungen der Antirassismusbewegung, die auch bis nach Nantes Wellen geschlagen hat.

Zunächst aus Solidarität mit den großen Protesten in den USA gegen die willkürliche Tötung George Floyds durch Polizisten in Minneapolis, versammelten sich in Paris und anderen Städten des Landes bis zu 60 000 Menschen zu Demonstrationen. Diese waren zunächst wegen der Coronakrise noch verboten, wurden aber auf Weisung der Regierung von der Polizei toleriert. Von Anfang an wurde die Situation in den USA mit der in Frankreich verglichen und betont, dass es auch hier willkürliche Gewalt durch Polizisten gebe, von denen viele Rassisten seien.

Alltägliche Willkür

Auffallend ähnlich zum Fall George Floyd ist der des aus Mali stammenden 24-jährigen Adama Traoré, der 2016 in Baumont-sur-Oise bei Paris bei seiner Verhaftung durch Gendarmen so stark gewürgt wurde, dass er erstickte. Die Ermittlungen ziehen sich hin; die beteiligten Gendarmen wurden bis heute nicht belangt.

Solche Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs, wird auf den Demonstrationen unterstrichen. Dass Jugendliche mit arabischem oder afrikanischem Aussehen von Polizisten willkürlich angehalten werden und ihre Papiere vorzeigen müssen, ist eine alltägliche Erfahrung der Betroffenen. Studien zufolge müssen weiße Jugendliche 20 Mal seltener mit so einem Verhalten von Polizisten ihnen gegenüber rechnen. Das hat kürzlich wieder der von der Regierung ernannte »Wahrer der Rechte«, der konservative Ex-Minister Jacques Toubon, in einem Bericht über Polizeigewalt nachgewiesen und angeprangert.

Während die rechtsbürgerlichen Republikaner die Polizisten gegen jede Kritik in Schutz nehmen und die Rechtsextremistin Marine Le Pen sogar jeglichen Rassismus in Frankreich in Abrede stellt und nur soziale Benachteiligungen einräumen will, wendet sich die Regierung gegen Pauschalurteile über die Ordnungskräfte und verspricht, gegen die »vereinzelten Fälle von Rassismus« konsequent vorzugehen.

Denkmäler wie in den USA wurden in Frankreich bisher noch nicht umgestürzt, wohl aber mit Farbe beschmiert, beispielsweise das für Jean-Baptiste Colbert vor der Nationalversammlung. Der ehemalige Finanzminister von König Ludwig XIV setzte sich stark für eine Expansionspolitik ein und war Mitverfasser des »Code Noir«, mit dem der Sklavenhandel offiziell geregelt wurde. Auf seine Person konzentriert sich viel Kritik der Antirassismusbewegung. Als Reaktion darauf hat beispielsweise der ehemalige sozialistische Premier Jean-Marc Ayrault vorgeschlagen, den Colbert-Saal der Nationalversammlung und das Colbert-Haus des Wirtschafts- und Finanzministeriums in Paris-Bercy umzubenennen. Solche Ideen lehnt Präsident Emmanuel Macron ab. In einer Fernsehansprache warnte er davor, die Antirassismusbewegung in die Hand von »Separatisten« fallen zu lassen. »Die Republik tilgt keine Spur und keinen Namen von Persönlichkeiten der Geschichte«, sagte er. »Sie vergisst keine ihrer Leistungen und baut keine Denkmäler ab. Statt dessen sollten wir uns alle gemeinsam klug und nüchtern unserer Geschichte mit all ihren Zügen stellen.«

Widersprüchliche Helden

Dass das gar nicht so einfach ist, zeigt das Beispiel von Jules Ferry, der als Minister Ende des 19. Jahrhunderts die allgemeine Schulpflicht durchsetzte und dafür bis heute hoch gewürdigt wird. Gleichzeitig war er ein glühender Verfechter des Kolonialismus, weil der, wie er überzeugt war, »den Afrikanern die Errungenschaften der Zivilisation bringt«. Der Historiker Fabrice d‘Almeida meint, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit viel Zeit braucht und erinnert daran, dass erst 2013 die letzte nach Marschall Pétain benannte Straße in Frankreich umbenannt wurde. Erst da hatte sich überall die Überzeugung durchgesetzt, dass die Schuld des Führers der Nazi-Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg schwerer wiegt als die Verdienste des Heerführers im Ersten Weltkrieg.

Da sich Rassismus auch bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz oder bei der Wohnungssuche manifestiert, hat sich die Regierung jetzt entschlossen, in großem Umfang anonyme Tests mit französisch oder ausländisch klingenden Namen vorzunehmen, wie sie bisher nur durch Menschenrechtsorganisationen durchgeführt wurden. Jede Erscheinung von Rassismus soll künftig strafrechtliche Folgen haben, versichern die Behörden. Da Chancengleichheit schon mit der Schule anfängt und die Jugendlichen ausländischer Herkunft oft aus sozialen Problemvierteln am Rand der großen Städte stammen, wird immer öfter diskutiert, ob man nicht wie in anderen Ländern - auch in den USA - eine »positive Diskriminierung« über Quoten einführen sollte. Doch das kollidiert mit dem absoluten Gleichheitsgebot der französischen Republik. Diesem Prinzip folgend, ist es sogar streng verboten, in Personalpapieren oder offiziellen Statistiken die ethnische oder geografische Herkunft von Bürgern zu erwähnen. Die Untersuchung von Diskriminierung erschwert das, beklagen Wissenschaftler. Hier sollte es endlich ein Umdenken geben, meint sogar - allerdings im privaten Gespräch - die aus dem Senegal stammende Regierungssprecherin Sibeth Ndiaye.

Geringe Aufstiegschancen

Einen bescheidenen Vorstoß in Richtung »positiver Diskriminierung«, allerdings nicht nach ethnischen, sondern sozialen Kriterien, gibt es bereits in Form von Kursen für begabte Jugendliche aus sozialen Problemvierteln, um ihnen die Aufnahme an einer der Elitehochschulen des Landes zu erleichtern. Doch auch mit dem Diplom einer solchen Hochschule in der Tasche haben es Menschen, die nicht aus »urfranzösischen« Familien stammen, um ein Vielfaches schwerer, in eine Spitzenposition vorzudringen. Beispielsweise sind seit vielen Jahren stabil weniger als ein Prozent der Vorstandsmitglieder der an der Pariser Börse notierten Konzerne und Unternehmen arabischer oder afrikanischer Herkunft.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln