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  • Pandemien in der Weltgeschichte

Selbst der Kaiser erkrankte schwer

Früher wertete man Pandemien als Zorn und Strafe der Götter für unzüchtiges Leben

Hoch droben steht er, mit gezogenem Schwert als Symbol für den Sieg über das unfassbare Unheil. Erzengel Michael verkündet das Ende der Pandemie. Indes, er schaut nicht in unsere Zukunft, sondern weist weit in die Vergangenheit zurück. Der besiegte Feind heißt nicht Covid-19 - sondern Pest.

Die Pest ist heute dank Antibiotika weitgehend beherrschbar. Dennoch bleibt sie Synonym für Verderben und Tod. Zuletzt brach die Seuche 2017 auf Madagaskar aus. Ein Jahrhundert zuvor, 1910/1911, wütete die Lungenpest in der Mandschurei. Zuvor war 1894 die Beulenpest in China ausgebrochen und hat sich pandemisch über Indien bis in die USA und nach Südamerika verbreitet. In Hongkong identifizierte damals der Schweizer Arzt Alexandre Yersin den Pesterreger. Tief eingebrannt in die Erinnerung der Menschheit hat sich diese Krankheit aber als »Schwarzer Tod«, der in den Jahren 1346 bis 1353 grassierte, von Zentralasien aus auf den großen Handelsrouten über ganz Europa bis nach Irland und Norwegen. Lange Zeit galt diese Pandemie als der erste große Ausbruch der Pest. Jüngere Forschungen offenbarten jedoch, dass es solche furchterregenden wie verheerenden Infektionen schon Jahrhunderte zuvor gab.

»Zu jener Zeit entstand eine Seuche, durch welche die ganze Menschheit beinahe vernichtet wurde«, beginnt der spätantike Geschichtsschreiber Prokop von Caesarea seine ausführliche Beschreibung der wohl ersten Pestepidemie, die als »Justinianische Pest« in die Geschichte eingegangen ist. Anno domini 541 brach sie in der ägyptischen Hafenstadt Pelusium am Ostrand des Nildeltas aus. Als Ursprungsland wurde damals Äthiopien genannt. Neuere Recherchen weisen jedoch eher auf Zentralasien, von wo die Seuche nach Indien gelangte. An deren Verbreitung waren zumeist zwei Menschengruppen beteiligt: Soldaten und Händler. Sie mussten unter etlichen Entbehrungen auf den Heerstraßen und Handelswegen große Entfernungen zurücklegen. Aus Indien importierte das Römische Reich Gewürze, Edelsteine, Elfenbein, Perlen - und vermutlich eben auch die Krankheit. Schon damals also war die »Globalisierung« schuld.

542 erreichte die Pest die Hauptstadt Konstantinopel (Istanbul), eingeschleppt mit den Getreidelieferungen aus Ägypten. In den folgenden Monaten breitete sich die Seuche über den Balkan und Italien bis nach Gallien und Spanien aus, »in alle Richtungen bis zum äußersten Ende der Welt«, so Prokop. »Und sie befiehl auch das Land der Perser und suchte außerdem all die anderen Barbaren heim.«

544 ließ Kaiser Justinian das Ende der Seuche verkünden, doch die Katastrophe war noch lange nicht überstanden. Ab 553 berichten die Geschichtsquellen erneut von Pestwellen im ganzen Reich, die von nun an alle zwölf bis 15 Jahre die Menschen traktierten. In Konstantinopel wütete die Pest im Jahre 558 sechs Monate. 588 brachte ein Schiff aus Hispanien (Spanien) die Seuche nach Marseille; die geflohenen Einwohner kehrten nach zwei Monaten in der Illusion, sie sei überstanden, zu früh zurück. Gevatter Tod schlug erneut unbarmherzig zu. Um 770 versiegte sie überraschend. Europa blieb fast 600 Jahre von ihr verschont.

Mit dem Wort »Pest« (griechisch: loimos, lateinisch: pestis) werden in den alten Texten seit Homer alle Seuchen, aber auch Verderben und Unheil allgemein bezeichnet. So manche antike oder mittelalterliche Seuche kann auch Cholera, Pocken oder Typhus gewesen sein. Prokop und anderen Autoren verdanken wir anschauliche Beschreibungen der Symptome der Pest. Eine griechische Grabinschrift von 542 aus Syrien nennt bösartige »Geschwüre an den Lenden und in der Achsel«, Anzeichen der Beulenpest.

Die Natur des Erregers der Justinianischen Pest war lange Zeit umstritten. In Aschheim bei München konnten zwei weibliche Skelette durch Münz- und Schmuckbeigaben in die Mitte des 6. Jahrhunderts datiert werden. Und es gelang, im Zahn eines Unterkiefers die DNA des Pesterregers Yersinia pestis (benannt nach dem schon erwähnten Arzt) nachzuweisen. Bestätigt wird dieses Ergebnis durch paläogenetische Untersuchungen zweier Gräber aus Altenerding, ebenfalls bei München, angelegt um 550 n. Chr. Damit wurde klar, dass die Justinianische Pest auch in den süddeutschen Raum vorgedrungen ist, ein Gebiet, über das die schriftlichen Quellen nicht berichteten.

Der Virus der Yersinia pestis trat nur im Frühmittelalter auf und starb Mitte des 8. Jahrhunderts aus. Ende des 13. Jahrhunderts erschien eine neue Variante, die die mittelalterliche Pest auslöste und als Vorläufer des bis heute vorkommenden Erregers gilt.

Die Geschichtsschreiber nennen gewaltige Opferzahlen. »Die Krankheit hielt in Byzantium vier Monate an … Zunächst waren die Todesfälle wenig mehr als gewöhnlich, … später erreichten sie 5000 Tote jeden Tag und schließlich wurden es 10 000 und mehr«, so Prokop. Johannes von Ephesos spricht sogar von 16 000 Toten täglich in Konstantinopel. Nun sollte man allerdings bei - nicht nur - antiken Zahlenangaben vorsichtig sein. Der Sieg in der Schlacht über einen überlegenen Gegner gereicht jedem Herrscher zur Ehre, und riesige feindliche Verluste bei minimalen eigenen Toten erhöhen den eigenen Ruhm. Ein Kaiser, der gegen eine Seuche von apokalyptischem Ausmaß kämpfen muss, rückt sich gern ins beste Licht.

Die Mortalität wird gewiss in den dicht besiedelten Städten wie Konstantinopel oder Alexandria viel höher gewesen sein als in den ländlichen Gebieten. Auch waren nicht alle Reichsgebiete gleichzeitig gleich stark betroffen, die arabische Halbinsel wegen übersichtlicherer Bevölkerungs- und Siedlungsstruktur gar nicht berührt. Die Schätzungen der modernen Forschung schwanken zwischen zwanzig und 50 Prozent der Gesamtbevölkerung. Man sah sich auch damals mit Problemen konfrontiert, mit denen wir es heute noch zu tun haben. »Zu jener Zeit wurden die üblichen Gebräuche bei den Begräbnissen vernachlässigt«, heißt es bei Prokop. Als in Konstantinopel nicht mehr alle Opfer nach den christlichen Sitten begraben werden konnten, beauftragte der Kaiser einen hohen Regierungsbeamten, Theodoros, sich darum zu kümmern und stattete ihn mit entsprechendem Personal und Geld aus. Dieser ließ, als alle Friedhöfe in der Stadt belegt waren, vor deren Toren Gruben ausheben und die Toten in Massengräbern bestatten.

Das öffentliche Leben drohte zu zerbrechen. »Während dieser Zeit schien es nicht leicht zu sein, jemanden in den Straßen von Byzantium zu sehen. Sondern alle, die das große Glück hatten bei Gesundheit zu sein, saßen in ihren Häusern, pflegten entweder die Kranken oder betrauerten die Toten«, weiß Prokop. Wirtschaft, Kommunikation und Verkehr wurden arg in Mitleidenschaft gezogen. Johannes von Ephesos berichtet, dass die Weizenfelder von Syrien bis Thrakien 543/44 nicht abgeerntet werden konnten Prokop schreibt: »Arbeit jeglicher Art ruhte und alle Geschäfte und sonstigen Gewerbe waren von ihren Handwerkern verlassen.« Die Quellen berichten von einer Entvölkerung der Städte und ganzer Landstriche. Eine weitere Folge waren Nahrungsknappheit. »In der Tat, in der Stadt, welche immer reichlich an allen Vorräten hatte, breitete sich eine Hungersnot aus«, liest man bei Prokop. Folglich explodierten die Preise, was Justinian 544 bewog, mit Verordnungen gegenzusteuern.

Das medizinische Wissen steckte noch in den Kinderschuhen. »So kam es, dass es für diese Krankheit keine Ursache gab entsprechend der menschlichen Vernunft. Denn in allen Fällen des Ausgangs neigte sie dazu ganz und gar unerklärlich zu sein … kein Mittel wurde gefunden, durch das die Menschen sich selbst retten konnten«, klagt Prokop. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins, der Unsicherheit, Angst griff um sich. Die damals gängige Erklärung für die undurchschaubaren Vorgänge war: Gott bestraft die Menschen wegen ihrer Sünden, besonders ihrer Habgier. Prokop bemerkt dazu: »Aber für dieses Unheil ist es völlig unmöglich, irgendeine Erklärung weder mit Worten auszudrücken noch durch Nachdenken zu finden, außer es tatsächlich auf Gott zurückzuführen.« Individuelles Fehlverhalten war der Grund für die tödliche Krankheit und deren Ausbreitung. Selbst Kaiser Justinian erkrankte schwer. Während Prokop dies ausdrücklich erwähnt, verschweigt Johannes, dass es auch den Herrscher traf.

Gemeinsame Gottesdienste in den Kirchen, die das Gebet in früheren Zeiten am Altar vor dem Tempel unter freiem Himmel abgelöst hatten, waren auch damals aus epidemiologischer Sicht höchst gefährlich. Beda Venerabilis, ein angelsächsischer Benediktiner, berichtet in seiner »Kirchengeschichte des englischen Volkes«, dass im Gefolge der Pest von 664 in England viele Angelsachsen und selbst ihr König Sighere sich vom Christengott abgewandt hatten, Schutz bei den alten heidnischen Göttern suchten und die alten zerfallenen Heiligtümer wieder aufbauten. Johannes von Ephesos sah die Pandemie als Strafe Gottes und Warnung für künftige Generationen an und rief zu Mäßigung und Buße auf.

Haben sich die Menschen daran gehalten? Prokop vermeldet: »Diejenigen, welche in früheren Zeiten Vergnügen fanden, sich dem Streben nach Schändlichem und Niederträchtigem hinzugeben, schüttelten die Sündhaftigkeit ihres täglichen Lebens ab und übten sich mit Eifer in den Pflichten des Glaubens; nicht so sehr, weil sie Einsicht gelernt hatten, letztendlich auch nicht, weil sie ganz plötzlich Freunde der Tugend geworden waren. Denn wenn sich Eigenschaften in Menschen gefestigt haben …, ist es ihnen unmöglich, diese leicht abzulegen, außer ein guter göttlicher Einfluss ist auf immer in sie gefahren. So handelten sie völlig normal und für eine Weile lernten sie Anständigkeit aus reiner Notwendigkeit heraus.«

Endzeiterwartung, göttliche Bestrafung und Todesangst - Antriebe für ein moralisches Leben? Und was blieb davon nach der Seuche? Prokop merkt nüchtern an: »Aber sobald sie die Krankheit losgeworden und gerettet waren und schon vermuteten, sie seien in Sicherheit, weil die Plage übergegangen sei auf andere Menschen, da machten sie scharf kehrt und kehrten abermals zu ihren Gemeinheiten des Herzens zurück. Und jetzt, mehr als zuvor, stellten sie eine Widersprüchlichkeit ihres Verhaltens zur Schau, alles in allem übertrafen sie sich selbst wieder in Schurkerei und Zügellosigkeit jeglicher Art.«

Bleibt die Frage: War die Welt nach der Justinianische Pest eine andere als vorher? Als Justinian 527 in Konstantinopel den Thron bestieg, war sein Ziel die restauratio imperii, die Wiederherstellung der römischen Herrschaft auch in den verlorenen westlichen Reichsteilen. Mit einer Reihe von Feldzügen gegen Westgoten in Spanien, Ostgoten in Italien, Vandalen in Nordafrika und Sasaniden in Mesopotamien gelang das Vorhaben, begleitet von Verwaltungs- und Rechtsreformen. Aber schon bald nach seinem Tod 565 bröckelte die Macht Ostroms und brach schließlich zusammen. Während Ostrom und Persien sich in langjährigen Kriegen aufrieben, übersahen sie das Aufkommen einer neuen Macht - die Araber. Es begann die islamische Expansion.

Lange Zeit galt die Auffassung, die Pest habe tiefgreifende Veränderungen bewirkt. Aber kann eine Pandemie eine gravierende Zäsur sein? Eine monokausale Erklärung für die vielen Veränderungen hernach gibt es wohl nicht. Das 7. Jahrhundert war aber tatsächlich eine Zeit des Wandels. Auf Teile Griechenlands, Kleinasiens und Süditaliens geschrumpft, behauptete sich das Oströmische Reich, es war unter den neuen Bedingungen wieder besser zu regieren und effizienter zu verteidigen. Aus einer restauratio war kein Untergang, sondern eine transformatio geworden, eine Umwandlung, an deren Ende das Byzantinische Reich steht.

Kehren wir nochmals zum Anfang zurück. Im Januar 590 brach die Pest in Rom wieder aus. Papst Pelagius II. starb an der Seuche. Sein Nachfolger, Papst Gregor I., ordnete Bittprozessionen zur Vergebung der Sünden an. Die ganze Stadt war auf den Beinen, viele waren infiziert. Und, welch Überraschung - über dem ehemaligen Hadrianeum, dem Grabmal der römischen Kaiser von Hadrian bis Caracalla, das nun inzwischen als Burg diente, erschien dem Heiligen Vater der Erzengel Michael mit weit ausgebreiteten Flügeln, um das Ende der Pest zu verkünden und das gezogene Schwert des göttlichen Zorns wieder in die Scheide zurückzustecken. Seit jenen Tagen trägt das Bauwerk den Namen »Engelsburg«. Wenn nach Corona der Besuch der Ewigen Stadt wieder entspannt möglich ist, sollten Rom-Besucher der Skulptur hoch oben vielleicht mehr Aufmerksamkeit widmen als vorher.

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