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»In einem stillen Land«

Roger Melis porträtierte die DDR - eine Fotoausstellung im Museum-Galerie Falkensee

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Momentaufnahme vom 3. Oktober 1990 hat, von heute aus gesehen, etwas Symbolträchtiges. Wie die Frau, ganz ernst, ihr kleines Kind in den Armen hält, als ob sie es vor etwas schützen wolle, wirkt nun vielleicht ganz anders als es der Fotograf einst zeigen wollte. Aber so ist es mit guten Fotos: Unter ihrer Oberfläche haben sie viele Schichten, die den Künstler im Nachhinein selber erstaunen können. Roger Melis (1940-2009) war als Mode-, Porträt- und Reportagefotograf schon in der DDR berühmt, als Chronist dieses untergegangenen Staates wird er unvergessen sein. Die Ausstellung im Museum-Galerie Falkensee lädt bis zum 18. Oktober zum Verweilen ein. Man sollte sich Zeit dazu nehmen. Die Stille, die im Titel ist, gehört zu Wirkung der Bilder heute.

Was für die einen Erinnerungen weckt, mag auf andere erstaunlich, ja befremdlich wirken. Nach 1990 wurde in der deutschen Öffentlichkeit alles daran gesetzt, die DDR zu diskreditieren. Dabei gab es »die DDR« in ungemein vielen Varianten, je nachdem, an welchem Punkt dieser Gesellschaft sich der einzelne befand. Roger Melis’ Porträts von Anna Seghers, Christa Wolf, Heiner Müller und anderen Prominenten lassen daran denken, welche geachtete Rolle Künstler hatten - als »geistige Aushängeschilder« ebenso wie als Widerständige. Aber auch sie vergaßen nicht, dass es Arbeiter und Bauern waren, Verkäuferinnen, Krankenschwestern, die diesem Staat Halt gaben. Es war ein Staat, in dem sich alle als »Werktätigen« verstehen, einstige soziale Unterschiede überwunden werden sollten. Ob Schauspielerin oder Automechaniker, ob Fischverkäuferin oder Ärztin - auch für Roger Melis standen sie nebeneinander.

Dass der Osten bis heute etwas anders tickt als der Westen, dazu hat es in den vergangenen Jahren zahlreiche Untersuchungen gegeben - von Daniela Dahn, Wolfgang Engler, Jana Hensel, Steffen Mau, um nur einige zu nennen. Selbst wenn man all das gelesen hat, wecken die Fotos von Roger Melis ein ganz besonderes Gefühl: Etwas wird sozusagen ausgegraben, vorm Vergessen bewahrt. Was immer es auch sei, wie man es auch werten möge, bei Roger Melis sind es vor allem die Menschen, die man lange anschauen mag. Menschen, die leben und hoffen wollten, womöglich mehr Zukunftsvisionen hatten, als es heute üblich ist. Da sind Jugendliche, »Halbstarke«, wie man sie damals nannte, mit Zigaretten im Mundwinkel, da wird Hochzeit gefeiert, und Arbeiter zeigen Selbstbewusstsein. Wir wissen: Es war ein hierarchischer Staat, ökonomisch immer wieder mit dem Rücken zur Wand, er übte Druck aus, erfüllte die eigenen Ansprüche nicht in gewünschtem Maße. Der Alltag zwang zur Bescheidenheit. So gibt es bei Roger Melis keine Fotomotive der »Reichen und Schönen«. Was für ein Kontrast zum Heute.

Wer Lust bekommen hat auf mehr von diesem Fotografen, dem sei der Band »Die Ostdeutschen« von Roger Melis empfohlen (herausgegeben von Mathias Bertram, Lehmstedt-Verlag).

Museum Galerie Falkensee, Falkenhagener Str. 77, bis 18. 10., Di/Mi 10-16 Uhr, Do/Sa/So 14-18 Uhr.

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