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Rechts bleibt übrig

BEST OF MENSCHHEIT, Teil 28: Sozialdemokratie

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Als ich in den Ausläufern des Kalten Krieges in der westlichen Variante des deutschen Nationendesasters aufwuchs (kein sonderlich wichtiges Menschheitsereignis, zugegeben), als Sohn eines Diplomkaufmanns (ja, für so etwas gibt es Diplome) und einer Mutter aus einer Arbeiterfamilie, also an der privaten Front dessen, was man damals auch mal »Systemkonflikt« nannte, einigte man sich für ein halbwegs harmonisches Zusammenleben gebührend simpel darauf, dass »die Menschen für den Kommunismus einfach nicht gemacht« seien. Ich verstand nicht so ganz, was Kommunismus sein sollte, aber offensichtlich waren wir klüger als »die Menschen«, die ihn entweder auch nicht verstanden oder verdienten. Nicht gerade schlüssig - aber Diskussionen auf durchzechten Familienfesten sind das selten.

Der Kommunistenonkel verteidigte den erlernten Fernstalinismus, Vater erzählte irgendwas von der FDP, und Opa war die Synthese als Willy-Brandt-Sozialdemokrat. Ungefähr so scheint mir im naiven Rückblick auch dieser Systemkonflikt geendet zu haben. Falls Sie sich nicht erinnern: Sozialdemokratie ist das, was sich im Westen zum Zwecke ergab, links mit rechts so zu versöhnen, dass rechts übrig bleibt.

Das kam ungefähr so: Als die Bevölkerung Frankreichs einst den eigenen Adel wegen Hungers satthatte und eifrig wegguillotinierte, bedurfte es einer neuen Ordnung. Man traf sich. Rechts saßen die, die es weiter mit Hierarchie und Ungleichheit hielten, weil »die Menschen« nun mal unterschiedlich und damit unterschiedlich wertvoll sind. Links saßen die, die grundsätzliche Gleichheit unterschiedlicher Menschen wollten, also grundsätzliche Gleichheit vor allem von weißen Männern natürlich. Brüderlichkeit nannten sie das, auf Französisch aber.

Dazwischen konnte es eigentlich nichts geben. Doch dann machte bald die Sozialdemokratie aus der einfachen Methode, nach der linken Seite zu reden und für die rechte Seite zu handeln, eine effektive Kunst. Wie ein Magier, der immer wieder seinen Trick (und nicht nur den) verrät und dann doch das Publikum erneut erwischt - mit dem gleichen Trick. (Ihr größter ist aber längst der, die Menschen teufelsgleich glauben zu machen, dass es sie nicht mehr gäbe.)

Historisch richtig in Mode kam die Sozialdemokratie, als die linke Seite des Gleichheitsstreits, der sie ein Weilchen so überzeugend angehört hatte, dass gelegentlich die Polizei anklopfte, über Umwege zu einem tödlichen Riesenreich rechts von Deutschland aus gesehen gelangte. Alles links davon war rechts. Und tobte sich in verschieden tödlichen und einer maßlos mörderischen Variante aus. Zwischen all dem wirkte der zuckerwatteweiche Sozi-Quatsch manchmal wie Vernunft. So auch an den Tafeln meiner Jugend.

Als dann das linke Riesenreich rechts seinen rabiat geführten Kampf gegen die Ungleichheit namens Kapitalismus haushoch verlor, gab es niemanden mehr, der ernsthaft nach Gleichheit strebte. Der Kampf war ohnehin so widersprüchlich verkopft gewesen, wie vom Hauptdenker Karl Marx vorgemacht: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern - deswegen schreibe ich jetzt erst mal mühsam ein hoch kompliziertes Mammutwerk.«

Nun gibt es unter denen, die nicht direkt das tägliche, mörderische Ausbeuten affirmieren, mit all seinen Nebenwirkungen wie der Zerstörung der Grundlagen dessen, was Zivilisation sein will, nur noch Sozialdemokraten (zumindest in dem, was noch immer Westen genannt wird). Also Menschen wie mich, die zwar irgendwie Gleichheit wollen, aber schon ziemlich gut und gerne mit all der für sie vorteilhaften Ungleichheit leben.

Als Mensch, der nicht für den Kommunismus gemacht ist, muss man also neidlos anerkennen: die Sozialdemokratie hat am Ende die Menschheit besiegt.

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