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Im Fadenkreuz der Antisemiten

Auf einer rechtsextremen Kundgebung vor dem Reichstag kam es erneut zu einem pressefeindlichen Übergriff

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Kundgebungen von Attila Hildmann (links) sind zum Sammelbecken für rechte Verschwörungsideologen geworden. 
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Dieses Bild wurde von Marie Frank am 14.07.2020 um 15:26 Uhr vom Computer BERLIN03B verschickt.
Die Kundgebungen von Attila Hildmann (links) sind zum Sammelbecken für rechte Verschwörungsideologen geworden. Bemerkung: Seite 11 256,80x153,75 15.07.20 Dieses Bild wurde von Marie Frank am 14.07.2020 um 15:26 Uhr vom Computer BERLIN03B verschickt.

Am vergangenen Samstag kam es auf einer Kundgebung vor dem Reichstagsgebäude zu einem antisemitischen Übergriff auf einen Journalisten. Ziel war ein Pressevertreter des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA). Dieser wurde sowohl antisemitisch bedroht als auch in seiner Berichterstattung behindert. Veranstalter der Kundgebung war der ehemalige NPD-Politiker Rüdiger Hoffmann.

In einem Videobericht des Forums ist dokumentiert, wie Hoffmann den Teilnehmern der Kundgebung über Mikrofon die Frage stellt: »Wer hat Jesus Christus verraten?« Bei seinem anschließenden Redebeitrag über die Finanzierung Israels zeigt Hoffmann immer wieder mit dem Finger auf den Reporter des JFDA. Auch, als er den Reporter mit den Worten »Satan ist der Vater der Lügen« direkt adressiert. Hoffmann war in den 1990er Jahren Kreisvorsitzender der NPD im mecklenburg-vorpommerschen Hagenow. Nach Medienberichten erhielt er eine mehrjährige Haftstrafe wegen eines Brandanschlags auf ein Asylbewerberheim 1992. Seit mehreren Jahren veranstaltet Hoffmann vor dem Reichstagsgebäude rechtsextreme Kundgebungen. Er betreibt ein entsprechendes Internetportal.

Für Levi Salomon vom JFDA hat Hoffmann am Samstag klassisch antisemitische Stereotype bedient. So werde Juden seit Jahrhunderten die Schuld am Tod Jesus’ gegeben. Salomon erklärt, dass man bei dem Übergriff zwei Aspekte berücksichtigen muss. Einerseits die antisemitischen Adressierung des JFDA-Reporters, andererseits die Behinderung seiner Arbeit. »Es ist beängstigend: Bei kaum einer Demo, wird unsere Arbeit nicht beeinträchtigt«, sagt Salomon.

Das JFDA ist bei zahlreichen rechten Kundgebungen mit der Kamera vor Ort und dokumentiert die Geschehnisse. Bei der Berichterstattung am vergangenen Wochenende sei der anwesende Reporter massiv von Teilnehmern bedrängt worden, erzählt Salomon. Auch habe der Veranstalter versucht, die Filmaufnahmen zu untersagen. Auf dem Mitschnitt ist zu sehen, wie der Rechtsanwalt Wolfram Nahrath, der unter anderem den NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben vertreten hat, den Namen des Reporters erfahren will und ihm verbietet, die Kundgebung zu filmen. Anschließend diskutiert er mit der Polizei über die Dreharbeiten.

Die Beamten hätten diesmal einen guten Job gemacht, meint Salomon. Vor kurzem sah das noch anders aus: Am 27. Juni berichtet das JFDA über eine Kundgebung des Imbiss-Betreibers und Verschwörungsideologen Attila Hildmann. Auch dort wurde der Kameramann bedroht. Hildmann stand vor diesem und bezeichnete den Reporter als »Faschisten«. »Und dann gucken wir mal weiter«, drohte Hildmann, nachdem er ankündigte, den Namen des Reporters herauszufinden. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) kritisierte daraufhin die Polizei, die trotz der Bedrohung nicht eingegriffen habe. Diese wiederum teilte nach der Versammlung auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit: »Wir lassen den Fall mit in die Vorbereitung künftiger Einsätze einfließen.«

Bedrohungen gegenüber dem JFDA sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Alexander Rasumny von der Recherche- und Informationstelle Antisemitismus (RIAS) erklärt, dass die Mitarbeiter des JFDA sowohl im Internet als auch auf den Kundgebungen angefeindet werden. Vor Ort nicht nur deshalb, weil sie den Antisemitismus auf den Veranstaltungen für die Öffentlichkeit sichtbar machen. »Sondern auch, weil sie es aus einer jüdischen Perspektive tun«, so Rasumny. Seit Mitte April würde RIAS offen antisemitische Inhalte bei den Demonstrationen gegen die Hygienemaßnahmen feststellen. Zuvor sei dieser noch verschleiert in Form von Verschwörungsmythen vorgekommen. Von den Anhänger Hildmanns gäbe es keine Kritik an den antisemitischen Feindbildern, erklärt er. »Wenn diese Feindbilder für die Anhänger*innen personifizierbar werden, kann es die Sicherheit der Journalist*innen auch über die einzelne Versammlung hinaus gefährden«, meint Rasumny. Das Jüdische Forum will sich davon nicht einschüchtern lassen. Levi Salomon sagt: »So werden sie uns nicht unterkriegen.«

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