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Die US-amerikanische Autorin Robin DiAngelo findet: »Wir müssen über Rassismus sprechen«. Vielleicht ist das zu wenig.

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 5 Min.

Wer als Kind gescholten wurde, sich aber keines Fehlverhaltens bewusst war und die Erklärung erhielt: »Du merkst das schon gar nicht mehr!«, wird womöglich pikiert auf die These der US-amerikanischen Soziologin und Diversity-Trainerin Robin DiAngelo reagieren, wonach niemand, der weiß ist, nicht rassistisch ist, wie verhohlen und um welche Ecken immer, ja dass gerade die sich im Alltag rassistisch verhalten, die es nicht mal merken. Und dann beleidigt sind, wenn man ihnen Rassismus nachweist: »White Fragility« (weiße Empfindlichkeit) nennt DiAngelo das, ein Schlagwort, das in den USA zu einiger Verbreitung gefunden hat.

Während Muttis empirische Basis bloß aus Mutti selbst bestand, sind DiAngelos Beispiele dafür, dass Weiße in den Rassismus »hineinsozialisiert« werden, zahlreich und kommen auch dem deutschen Leser bekannt vor, der weiß, was weiße Eltern meinen, wenn sie ein Jahr vor der Einschulung über gute und nicht so gute Schulen sprechen und sofort klar ist, was mit »schlechter Schule« gemeint ist: die mit zu vielen Kindern, wo zuhause nicht deutsch gesprochen wird. Und wenn die Gutwilligen sagen, sie hätten nichts gegen Migranten, aber was gegen Problemschulen, würde sich DiAngelo gegen die stur aufgestellte, darin rassistische Gleichung »hoher Anteil nichtweißer Kinder = Problemschule« wehren. Diese »aversiven« Rassisten hat das Buch im Blick, weil sie nämlich links blinken, aber genauso falsch abbiegen wie alle.

Zu Recht besteht DiAngelo darauf, dass Rassismus kein Ereignis, sondern eine Struktur sei, nicht die böse Tat, sondern das System der »Weißen Suprematie« drumherum, das von der bequemen Dichotomie von Rassistinnen hie und liberalen Großstädterinnen da so profitiert, wie Weiße von Rassismus profitieren, so unterprivilegiert sie im übrigen sein mögen. Rassismus, kann DiAngelo argumentieren, ist immer weiß, weil die kulturelle Matrix weiß ist. Weiß ist die Hegemonie, das Universale, vermeintlich Neutrale, und deshalb (was die weiße Autorin gar nicht thematisiert) heißen Nichtweiße auch im Buch People of Color, als sei Weiß keine Farbe. Wobei auch von »Nichtweißen« zu sprechen den Bezug aufs Referenzsystem hat: Wir kommen ihm nicht aus, und also muss es weg.

Wer reich und mächtig ist, ist meistens weiß, und schon das biologisch ganz unsinnige Konzept von »Rasse« war von Anfang an eines weißer Dominanz. Von links ließe sich nun, mit den Klassikern unterm Arm, sagen (und wird ja, geht es um Identitätspolitisches, auch gesagt), dass Systemveränderung nicht heißen kann, sich im System zu ändern, und erst die Abschaffung der Welt aus Dominanz und Unterdrückung (»Kapitalismus«) Rassismus, Sexismus und verwandtes Unglück zum Verschwinden brächte. Gegenläufig darf gesagt werden, dass bis zur Weltrevolution vermutlich noch Zeit vergeht und Menschen of Color bis dahin keine Lust haben, sich weiter demütigen und benachteiligen zu lassen. Viel mehr als Verhaltenstherapie kann DiAngelo allerdings nicht anbieten, und es ehrt sie, dass sie das ausspricht: »Es erfordert Mut und Entschlossenheit, Rassismus zu durchbrechen. Als Antwort auf die Frage: ›Wie geht es weiter?‹ schlage ich vor, dass wir unseren Lernprozess nie für beendet halten dürfen. Auch wenn es schnell und einfach wäre, den von uns verinnerlichten Rassismus mitsamt dem Überlegenheitsgefühl infrage zu stellen, würde er allein schon dadurch bestärkt, dass wir in dieser Kultur leben.«

Die also, wiederum, mitsamt ihrer Basis zu ändern wäre, wobei die Autorin zwar weiß, dass »der gegenwärtige Zustand … für weiße Menschen bequem« ist, aber glaubt, dass Veränderung beim einzelnen beginnt. Das glaubte Brecht zwar auch, doch der war Kommunist. Kommunistin ist DiAngelo vermutlich nicht, weshalb ihr eher pädagogisches denn politisches Fazit: »Es ist ein lebenslanger, schwieriger Prozess, der für mich jedoch notwendig ist, um meine erklärten Wertvorstellungen mit meinem tatsächlichen Handeln in Einklang zu bringen. Zudem ist er ungemein fesselnd und transformativ« die freundlichere Version dessen ist, was böse Menschen »lebenslanges Lernen« nennen. Nach Selbstmanagement klingt auch die wiederholte Rede von der zu verlassenden weißen »Komfortzone«, und wieder mag sich der Vorbehalt bestätigt finden, dass, was immer das System aus Haben und Nichthaben (eben: aus Weiß und Nichtweiß) nicht ausdrücklich antastet, bloß Umgangsform und Kodex ist, die eins dann fesselnd und transformativ finden kann, ohne dass es darum keine schlechten und guten Schulen mehr gibt. Das zu erreichen, bedarf es keiner Ausbrüche aus Komfortzonen, sondern, Entschuldigung, Revolution, und sei es bloß einer im Bildungssektor. (Dass in Deutschland Kinder mit Migrationshintergrund deutlich seltener eine Gymnasialempfehlung kriegen, ist nachgewiesen, und man darf sich gern darüber beschweren, dabei aber nicht übersehen, dass das gegliederte Schulwesen als solches Ausdruck mittelschichtsweißer Suprematie ist und die ungerechte Empfehlung bloß die Konsequenz daraus.)

Dass das Buch, das den Titel »Wir müssen über Rassismus sprechen« trägt, in den USA so ein Bestseller ist, liegt nicht nur an den Zeitläuften, sondern auch an der »Ideologie des Individualismus«, die DiAngelo gleichzeitig denunziert und bestätigt. Über den eigenen Rassismus zu reden, ist sicher nötig und gewiss viel besser, als weiter so zu tun, als sei dies bloß ein Defekt von Leuten, die Trump wählen oder Sarrazin lesen. Ohne Selbsterkenntnis geht es nicht, und was man über die falschen Zungenschläge, die Anmaßung und den Selbstbetrug »weißer Progressiver« wissen muss, lässt sich bei DiAngelo, selber weiß und damit hadernd, erfahren. Falls es aber ernstlich transformativ werden soll, reicht es nicht, nur immer zu reden (typischerweise lautet die Überschrift in der »Süddeutschen Zeitung« zum Gespräch über Rassismuserfahrungen »Wir müssen reden«), man muss auch das transformieren wollen, was DiAngelo bloß begrifflich als Leistungsgesellschaft und Meritokratie infrage stellt. Denn wer sich aufs kommunikative Handeln verlässt, hilft jenem System, das sich auf seine ewige Gesprächsbereitschaft umso mehr einbildet, je weniger Folgen sie hat.

Robin J. DiAngelo: Wir müssen über Rassismus sprechen. Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiß zu sein. Hoffmann und Campe, 224 S., br., 25 €.

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