Werbung

Marotten, Klamotten und ulkige Kulissen

In der Kinoreihe »Shooting Stars« bietet das ZDF Nachwuchsregisseuren eine Plattform

Der deutsche Film besaß einst die seltene Begabung, aus Mücken im besten Sinn Elefanten zu machen. Weil sie die gewöhnlichen Abgründe bürgerlicher Normzustände ebenso schonungslos wie unterhaltsam entlarvten, wurden Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta, Rainer Werner Fassbinder oder Wim Wenders seinerzeit zu Shooting Stars einer Bildsprache, in der es nie krasse Kinder mit noch krasseren Krankheiten, deren Vater auf dem Heimweg ulkig gekleidet Walgesänge hört, bedurfte.

So gesehen scheint es unwahrscheinlich, dass Anca Miruna Lăzărescu in die Fußstapfen illustrer Ahnen tritt - auch, wenn ihr Kinofilm »Glück ist was für Weicheier« den Auftakt einer Filmreihe bildet, in der das ZDF jedes Jahr in der Sommerzeit Regie-Neulinge zu »Shooting Stars« erklärt. Wenn der alleinerziehende Sterbebegleiter Stefan (Martin Wuttke) seine Töchter Jessi (Ella Frey) und Sabrina (Emilia Bernsdorf), die eine psychisch, die andere sterbenskrank, durch ihre Chaosjugend begleitet, mangelt es der Coming-of-Age-Geschichte letztlich jedoch an Mut zur Gewöhnlichkeit.

Die Story ist zwar durchaus ansehnlich erzählt. Aber anstatt aus der kalten Küche des Teenageralltags Honig zu schöpfen, würzt die gebürtige Rumänin das habituell überfrachtete Drehbuch von Silvia Wolkan auch noch mit einer Ästhetik aus dem Fundus ulkiger Marotten, Klamotten, Kulissen - und unterscheidet sich damit grundlegend von der wunderbar eigensinnigen Elefantenmücke »Liebesfilm«.

Am Debüt der Autorenfilmer Emma Rosa Simon und Robert Bohrer ist nicht nur der Titel angenehm unprätentiös. Wie Ira und Lenz darin vom ersten Date im Drogenrausch übers Wellenbad ihrer Affäre bis hin zur zarten Pflanze Kinderwunsch durch Berlin stolpern, ist von einer authentischen Selbstverständlichkeit, als würden Lana Cooper und Eric Klotzsch das Glück, den Schmerz, die Unordnung urbaner Club-Biografien nicht nur spielen, sondern wirklich fühlen. Anca Miruna Lăzărescus vergleichsweise konventionell aufbereitete Tragikomödie bildet damit eher die Ausnahme einer Initiative, mit der öffentlich-rechtliche Sender vom ZDF über Arte bis hin zu den Dritten seit Jahren schon dem Nachwuchs Sendeplatz einräumt.

Bevor die ARD Anfang August zum 20. »FilmDebüt im Ersten« bittet, das einer langen Reihe berühmter Regisseure wie Maren Ade, Christian Schwochow, Aelrun Goette oder Andreas Dresen zum Durchbruch verhalf, bietet das Zweite also Frühwerken des Kinofilms ein Fernseheck zum Wachsen an. Diesmal des Weiteren im Angebot: Christian Werners Sterbeselbsthilfe-Dramedy »Irgendwann ist auch mal gut« mit Fabian Hinrichs als Bestatter, Felix Randaus Steinzeitfiktion »Der Mann aus dem Eis« mit Jürgen Vogel als Ötzi sowie Valeska Grisebachs Arbeitsmigrantendrama »Western« mit Meinhard Neumann als Bauarbeiter in Bulgarien.

Wie die zwei Auftaktfilme zuvor, haben sie allesamt zweierlei gemeinsam: Auf Kinoleinwand liefen sie zwar praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, haben dabei jedoch Erzählformen ausprobiert, die es in der krimiverstopften Primetime schwer haben. Indem sich »Filmemacher und Filmemacherinnen der neuen Generation mutig Freiheiten in der Wahl ihrer Mittel« nehmen, urteilt die zuständige Redaktionsleiterin Claudia Tronnier, »eröffnen sie uns unerwartete Perspektiven«.

Vor allem aber eröffnen sie diese Perspektiven für sich selber. So unsäglich gebührenfinanzierte Sender ihr Programm nämlich längst auf Massengeschmack und Publicity ausrichten: Ohne Nachtschienen wie »Das kleine Fernsehspiel« hätten kreative Köpfe im Kampf mit Streamingserien und Blockbusterkino kaum noch Möglichkeiten, ein messbares Publikum zu erreichen. Dafür sorgt allein schon die Querverwertung in den Mediatheken, wo die Shootingstars 2020 bereits einen Tag vor der TV-Ausstrahlung stehen und 30 Tage sichtbar bleiben - nicht so deutlich wie Elefanten, aber Mücken sind ja auch oft kaum zu übersehen, zu überhören.

Liebesfilm, 20. Juli, 23.55 Uhr, von Emma Rosa Simon und Robert Bohrer

Irgendwann ist auch mal gut, 23. Juli, 23.15 Uhr, von Christian Werner

Der Mann aus dem Eis, 27. Juli, 23.45 Uhr, von Felix Randau

Western, 3. August, 00.20 Uhr, von Valeska Grisebach

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln