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Gefährdete Körper

Das »autonome Individuum« in der Pandemie

Von Johannes Greß

Die Klimakrise zwingt uns, die Dinge stets von zwei Seiten gleichzeitig zu betrachten. In ihr verschränken sich Dystopie und Utopie, Vergangenheit und Zukunft, individuelles Handeln und Gesellschaft, Vulnerabilität und Freiheit. Der Politologe Ulrich Brand unternimmt in seinem neuen Sammelband »Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks und Alternativen zur imperialen Lebensweise« den Versuch, diese Ungleichzeitigkeiten und Widersprüche in produktives, emanzipatorisches Denken umzuwandeln.

Brands teils thesenhafte Überlegungen zu Beginn des Buches, die er im März und April, wie es dort heißt, »in einem Zustand der Zerrissenheit und teilweisen intellektuellen Überforderung« formulierte, eint eine zentrale Annahme: Die Krise gab es schon vor Corona. Tatsächlich befänden wir uns inmitten eines Stadiums »multipler Krisen« und »die Corona-Pandemie ist nur ein, wenn auch sehr dramatischer Teil der Krise«. Nicht erst durch die Pandemie geriet das System ins Wanken - die Krisenhaftigkeit ist im System selbst angelegt, (re-)produziert durch die im Globalen Norden dominierende imperiale Produktions- und Lebensweise. Diese ist auch für das gehäufte Auftreten von Pandemien mitverantwortlich. Der menschliche Raubbau an der Natur, die Zerstörung der Lebensräume von Wildtieren, industrielle Massentierhaltung und großflächige Waldrodungen; all das sind die destruktiven Voraussetzungen zur Aufrechterhaltung unserer Konsum- und Lebensweise - und zugleich Praktiken, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Viren und Krankheitserreger von Tieren auf den Menschen übergehen.

Deutlicher denn je werde derzeit die Vulnerabilität des Menschen sichtbar; dass der Mensch trotz fortschreitender Naturbeherrschung »hochgradig abhängig von biophysischen und gesellschaftlichen Bedingungen« ist. In der Coronakrise zeige sich, dass Gesundheit »nicht einfach die Abwesenheit von Krankheiten« ist, »sondern ein gesellschaftlicher Zustand, der Bedingungen für ein angstfreies, materiell sorgenfreies und auskömmliches Leben schafft«. In der Pandemie sind daher meist ökonomisch schwächere Gruppen und Staaten besonders vulnerabel. Brand, der stets nach »Einsatzpunkten« innerhalb kapitalistischer Widersprüche sucht, sieht in diesem Kontext eine Chance der Linken dafür, »mit den Ursachen der Pandemie und ihrer Bedrohlichkeit reflektiert umzugehen«. Er skizziert diese Spur im Buch nur kurz, ich möchte sie hier weiterverfolgen und später einige Überlegungen von Brand wieder aufgreifen.

Corona stellt unsere Autonomie radikal in Frage. Zwar ist es nicht so, als wären wir - in einer Welt des globalisierten Kapitalismus, einem Regime der Abstraktionen - vor dem Ausbruch der Pandemie autonom gewesen. Aber für die Herrschenden funktionierte es ganz gut, wenn man so tat als ob. Denn das autonome Individuum ist der Idealtypus neoliberaler Politiken. Der Rückbau des Sozialstaates, die Privatisierung des Gesundheitssektors, die Aushebelung von Arbeitnehmer*innenrechten, kurzum: eine Machtverschiebung zugunsten der Herrschenden, lässt sich scheinbar widerspruchslos in die Erzählung vom autonomen Individuum integrieren. Zumeist semantisch unterfüttert von der Mär, wonach jede Person ihres eigenen Glückes Schmied sei, werden Eingriffe von »außen«, durch Staat und Politik, sodann zu Eingriffen in die Autonomie und letztlich in die Freiheit eines als autonom beworbenen Individuums umgedeutet.

Dass dieser neoliberale Idealtypus ein gefährliches Phantasma ist, wird uns im Zusammenhang mit Krisenerfahrungen schmerzlich bewusst. Dann nämlich schlägt die Freiheit in Unfreiheit um; dort, wo sonst staatliche Sicherheitsnetze das Schlimmste verhindern, klafft eine Lücke - der Preis der Autonomie.

Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler unternahm schon Anfang der 2000er den Versuch, eine Ontologie des Körpers (bodily ontology) zu entwerfen. Dabei zielte sie darauf ab, das menschliche Dasein vom Körper und seinen Rändern her zu denken, von seinem Gefährdet-Sein. Ein Körper ist, so Butler, »durch die Beziehungen definiert, die sein Leben und Handeln erst möglich machen.« Der originäre Grund für Politik sei daher die »Nichtfreiheit am Ursprung unserer selbst«. Butler schlussfolgert: Die politische Dimension des Körpers ist dessen Vulnerabilität. Die Notwendigkeit, der Vulnerabilität (des anderen) zu entsprechen - und zwar als politische/rechtliche Verletzung, körperliche Verwundung und potenzielle Verletzbarkeit - bedeutet auch, diese als soziales Verhältnis anzuerkennen.

Hierin verortet auch Brand das politische Moment der Klimabewegung Fridays for Future. Deren Slogan »Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!« verweist genau auf diese Art der Vulnerabilität: Wir wollen unsere Zukunft, unsere Gesundheit, unser Leben nicht den Profiten einiger weniger opfern. Die Politisierung, die Konstituierung dieses neuen »Wir«, speist sich unmittelbar aus der (ontologischen) Notwendigkeit, der menschlichen Verwund- und Verletzbarkeit Rechnung zu tragen.

Im Gegensatz zum Verständnis einer geteilten Vulnerabilität (shared vulnerability) dominiert heute ein individualistisch-negatives Freiheitsverständnis. Das Individuum, allen voran dessen Besitz und Konsumpraktiken, sind im neoliberalen Kapitalismus sakrosankt. Freiheit, das ist zuvorderst die Freiheit des Einzelnen zu produzieren und zu konsumieren. Und so wird jede Mahnung zu Mäßigung und Verzicht schnell als (autoritärer) Eingriff in die Freiheit per se verstanden. Ein solches Freiheitsverständnis und die Schwierigkeiten, die ökologische Krise - trotz besseren Wissens - zu bearbeiten, bedingen sich wechselseitig.

Hiermit lässt sich auch die Spur Brands wieder aufgreifen, der im Buch eine »Politik der Freiheit« fordert, die auch »Verantwortungen und Pflichten« impliziert. Voraussetzung für eine zukunftsweisende, sozial-ökologische Politik sei ein »emanzipatorisches Verständnis von Freiheit«: »Ein positiver Freiheitsbegriff, der sich nicht auf abzuwehrende Einschränkungen fixiert«. Der Kampf gegen die Klimakrise könne nicht bloß als Verzicht und Entsagung gedeutet werden, sondern als Potenzial - für eine sinnerfüllte statt entfremdete Arbeit, für weniger Wochenarbeitszeit, mehr Zeit für sich, Familie und Freund*innen, für qualitativen statt materiellen Wohlstand. Freiheit, von der Vulnerabilität her gedacht, impliziert dann auch eine radikale Infragestellung der gesellschaftlichen Macht- und Eigentumsverhältnisse.

Ulrich Brand: Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks und Alternativen zur imperialen Lebensweise. Mit einem Beitrag zur Corona-Krise. VSA Verlag, 254 S., 16,80 €.

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