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Die langjährige sri-lankische Regierungschefin Sirimavo Bandaranaike

Nach der kolonialen Dynastie

Sirimavo Bandaranaike wurde 1960 Regierungschefin Sri Lankas. Und leitete damit die singhalesisch-nationalistische Vorherrschaft ein. Von Sowmya Maheswaran

Von Sowmya Maheswaran

Als Sirimavo Bandaranaike vor 60 Jahren im südasiatischen Inselstaat Sri Lanka zur ersten weiblichen Regierungschefin der Welt gewählt wurde, konnte es weder ihre Partei noch ihre Familie, geschweige denn die Opposition glauben. Noch war das, was auf ihre Wahl folgen sollte, unvorstellbar: dass sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 insgesamt 18 Jahre regieren und einen blutigen Bürgerkrieg zwischen singhalesischer Mehrheitsethnie und tamilischen Rebell*innen mit anfeuern wie austragen würde; und dass ihre Tochter Chandrika Bandaranaike Kumaratunga 1994 zur ersten weiblichen Präsidentin des Landes gewählt werden würde. Die heutige autoritär-diktatorische Ära in Sri Lanka - auch seit Kriegsende 2009 von Spaltung und Konflikt gekennzeichnet - ist nur als unmittelbare Folge der Bandaranaike-Politik zu verstehen. Zwar ist seit 2005 mit dem Rajapaksa-Klan eine neue Familiendynastie an der Macht. Doch deren Rhetorik und Praxis sind Erbe und konsequente Weiterentwicklung des Bandaranaike’schen Regierungsstils.

Nur wenige Monate vor ihrem Amtsantritt war die damals 44-Jährige Sirimavo zur Witwe geworden. Vor ihren Augen war ihr Ehemann Solomon Bandaranaike erschossen worden, Premier und Gründer der sich als sozialistisch und zugleich singhalesisch-nationalistisch verstehenden Sri Lanka Freedom Party (SLFP). Obwohl die Familie schon damals für eine radikal singhalesisch-buddhistische Politik stand, war es ausgerechnet ein nationalistischer Mönch, der Solomon tötete. Mit Sirimavos Entscheidung, nun selbst als Regierungschefin zu kandidieren und damit die SLFP vor dem Untergang zu retten, legte sie den Grundstein für eine politische Tradition, die bis heute prägend für die postkoloniale sri-lankische Geschichte ist: die Vorherrschaft elitärer singhalesisch-buddhistischer Familiendynastien vermittels einem identitätspolitisch begründetem Mehrheitsnationalismus - als vermeintlich sozialistische Antwort auf gesellschaftliche Missstände.

Sirimavos Biographie ist dabei aufs Engste verstrickt mit der Kolonialgeschichte des Landes. Als das damalige Ceylon 1948 seine Unabhängigkeit erlangte und über 400 Jahre Kolonialvergangenheit hinter sich ließ, gehörte Sirmavos Hochadelsfamilie zur Seite der Profiteure. Der Besitz von Plantagenfeldern machte sie zu einer der wohlhabendsten Familien des Landes. Ihre ökonomische und später politische Erfolgsgeschichte ist damit typisch für die singhalesische Elite. Denn die Brit*innen agierten strategisch: Zum einen erhielten singhalesische Adelige Großländereien und stellten damit die wirtschaftliche Spitze dar. Die hohe Dichte an englischsprachigen Missionarsschulen im Norden förderte hingegen eine kulturelle Elite an Tamil*innen. Dass diese mit ihrer hohen Bildung die angesehenen Beamtenposten in der britischen Verwaltung bekamen, führte schon zum Ende der Kolonialzeit zu Spaltungen. Die Konflikte legitimierten geschickt nicht nur die Präsenz der Brit*innen als notwendige »neutrale Schlichter*innen«. Auch manifestierten koloniale Ideologien von rassischen Differenzen das Bild einer entlang ethnisch-religiöser Kategorien hierarchisch gegliederten Welt. Als erstmalig die gesamte Insel zu einer Nation, Ceylon, zusammengeführt und schließlich 1930 das parlamentarische Mehrheitswahlrecht eingeführt wurde, ist der Grundbaustein für die lange Unterdrückungsgeschichte der Tamil*innen gelegt: mit nur knapp einem Viertel der Bevölkerung verfiel die Minderheit in die politische Ohnmacht und die singhalesischen Parteien übertrumpften sich im kolonial geprägten Nationalismus.

Entsprechend folgten mit der Dekolonisation politische Prozesse, die der ärmeren singhalesischen Bevölkerung sozialen Aufstieg versprach und gleichzeitig entschieden Minderheiten exkludierte. Die Bandaranaikes trugen hierzu maßgeblich bei: Solomon etablierte den buddhistischen Begriff »Sri Lanka« statt dem kolonialen, aber ethnisch neutralen Ceylon. Seine Frau ließ später den Staat verfassungsrechtlich umbenennen, wenngleich die Minderheiten die Verwendung bis heute strikt meiden. In ähnlicher Weise machte Solomons »Sinhala Only Act« Singhalesisch zur alleinigen Amtssprache und der Buddhismus gilt bis heute als vorrangige Religion des Landes. Sirimavo unterzeichnete zudem die Abschiebung von 600 000 indisch-tamilischen Plantagenarbeitenden und förderte die systematische Ansiedlung von Singhales*innen im tamilischen Norden. Ebenso sorgten Begrenzungsquoten für Tamil*innen an Universitäten für erschwerten Bildungszugang. Nicht durch Zufall ereigneten sich die ersten vier anti-tamilischen Pogrome exakt in den Amtszeiten von Solomon und Sirimavo Bandaranaike: Ihre gesamte politische Praxis war von Unterdrückung und rechter Hetze geprägt.

Dies erzeugte allerdings auch tamilischen Widerstand, der sich von 1983 an in militanter Form zeigte und durch die Rebell*innen der Liberation Tigers of Tamil Eelam ausgetragen wurde. Der lange undenkbare Sieg über die Tamil Tigers im Jahr 2009 ist auch ein Produkt dessen, dass Chandrika, Sirimavos Tochter, als Präsidentin politisch versagte und damit 2005 dem autoritären und extrem militärisch-orientierten Mahinda Rajapaksa zum Wahlsieg verhalf. Von nun an regierte der Rajapaksa-Klan als singhalesisch-nationalistische Familiendynastie und ordnete sich damit in der postkolonialen Tradition Sri Lankas ein. Nach einer kurzen Phase der scheinbaren Demokratisierung wurde Ende 2019 Mahindas Bruder Gothabaya Rajapaksa zum Präsidenten gewählt. Der Inhalt seiner erfolgreichen Wahlkampagne ist als zeitgenössisch entsprechende Weiterentwicklung von Familie Bandaranaikes Politikstil zu verstehen: eine anti-muslimische (und anti-tamilische) Sicherheitsrhetorik sowie die identitätspolitisch begründete Vormachtstellung von Singhales*innen. Die Prognosen der im August anstehenden Parlamentswahlen lassen allen Grund zur Besorgnis: Bei einer nicht unwahrscheinlichen Zweidrittelmehrheit ihrer Partei werden die Rajapaksas auf unabsehbare Zeit bestimmend für die politische Entwicklung des Landes sein.

Sowmya Maheswaran ist Ethnologin und spezialisiert auf Konflikte in Südasien mit besonderem Fokus auf Sri Lanka.

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