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Versammlung der Lobhudeler

Thomas Bach verkündet, dass er für weitere vier Jahre IOC-Präsident bleiben will. Das elitäre Wahlvolk huldigt ihm wie gwünscht

Das Bekenntnis von Präsident Thomas Bach zu einer weiteren Amtszeit und die anschließende Lobhudelei im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) haben im deutschen Sport heftige Kritik ausgelöst. »Was mich erschüttert hat, waren die im Anschluss an seine Entscheidung geäußerten devoten Ergebenheitsadressen«, teilte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, mit. »Die erinnern mich an das Gebaren von politischen Systemen, in denen überzeugte Demokraten eher nicht leben wollen«, ergänzte die SPD-Politikerin.

Bach hatte am Freitag auf der 136. Session des IOC bekanntgegeben, dass er im kommenden Jahr zur Wahl für eine zweite Amtszeit bis 2025 zur Verfügung stehe. Zahlreiche Mitglieder bejubelten anschließend die Entscheidung über eine Stunde lang und riefen Sätze wie: »Wir brauchen Sie«, »Keiner kann es besser« und »Bitte machen Sie weiter!« Meistens wurden die Worte abgelesen, so dass schnell klar wurde, dass die Entscheidung Bachs niemanden im IOC überrascht hatte. Kritik gab es keine einzige.

Neben Dagmar Freitag zeigten sich auch die deutschen Athleten im Anschluss an die IOC-Versammlung unzufrieden. Sie fordern für den Prozess der Präsidentschaftswahl mehr Mitbestimmung bis hin zu einem direkten Wahlrecht für Spitzensportler. »Das höchste Amt im IOC sollte vor allem für Athletinnen und Athleten da sein. Bei der Wahl haben sie aber noch nicht genug Mitbestimmungsrechte«, teilte der Verein Athleten Deutschland am Sonntag mit.

Bislang wird der Präsident im IOC von allen anwesenden der etwas mehr als 100 derzeitigen Mitgliedern in der Vollversammlung gewählt. In der sind auch die Mitglieder der IOC-Athletenkommission vertreten. Das ist dem Verein Athleten Deutschland aber zu wenig, denn mehr als 15 aktive Sportler dürfen nicht gleichzeitig im IOC mitbestimmen. Kandidaten sollten sich aber »direkt im demokratischen Wettstreit der Ideen bei den Athleten bewerben« und »sich einer fairen und demokratischen Wahl stellen«, hieß es.

Dieses Demokratieverständnis ist offenbar nicht im Sinne Bachs und der anderen Mitglieder. Die kann der ehemalige Fechter relativ einfach kontrollieren. Wie erfolgreich ihm das gelingt, wurde am Freitag bei den vielen Lobpreisungen deutlich. Der erste deutsche IOC-Präsident kann somit fest davon ausgehen, dass er im kommenden Jahr in seinem Amt bestätigt wird. Eventuell sogar per Akklamation und ziemlich sicher ohne Gegenkandidaten. Mit Ausnahme des in Misskredit geratenen Wu Ching-kuo, kamen alle 2013 angetretenen Kontrahenten um den IOC-Vorsitz nun zu Wort und stellten sich hinter Bach. Das tat auch die umstrittene Athletenvertreterin Kirsty Coventry aus Simbabwe: Sie sei »begeistert, dass Sie uns auch die nächsten vier Jahre anführen werden«, sagte sie zu Bach, ganz so als sei dessen Wiederwahl schon geschehen.

Während das IOC für diese Huldigungen viel Kritik einstecken musste, wurden Fortschritte auf anderen Ebenen gelobt. So ist die Verringerung von Bewerbungskosten für Spiele um 80 Prozent als Erfolg zu verbuchen. Ebenso, dass die Organisatoren der verlegten Olympischen Spiele von Tokio trotz der wegen Corona schwierigen Lage nun bestätigten, dass die Verträge mit den Betreibern von allen 42 Wettkampfstätten, des Olympischen Dorfs sowie des Convention Centers für die Medienzentren nun auch für eine Austragung im Sommer 2021 gesichert worden seien.

»Endlich haben wir Licht am Ende des Tunnels«, sagte Ingo Weiss. Der Sprecher der deutschen Spitzenverbände und Präsident des Deutschen Basketball-Bundes betonte die Planungssicherheit, die man nun habe. Nicht ganz so euphorisch reagierte Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes. »Für uns ist das zunächst ein Bekenntnis, dass die Spiele stattfinden sollen. Das ist beruhigend«, sagte Weikert. Wie es dann aber um die Pandmie steht und ob vor Zuschauern Sport getrieben wird, ist völlig unklar.

Einer neuen Umfrage zufolge sprechen sich wegen der Pandemie 70 Prozent der Japaner für eine neuerliche Verschiebung oder sogar für eine Absage der Spiele in Tokio aus Darüber wurde bei der virtuell abgehaltenen IOC-Versammlung jedoch nicht debattiert. Am Termin Sommer 2021 wird erst mal festgehalten.Agenturen/nd

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