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Willkommen im Havel Valley

Technische Hochschule Brandenburg führt Innovation und Produktion zusammen

  • Von Wilfried Neiße, Brandenburg/Havel
  • Lesedauer: 4 Min.

Von der Dachterrasse der Technischen Hochschule Brandenburg (THB) blickt man auf einen leeren Campus. Hier und da steht ein Campingstuhl in der Gegend rum, die Bespannung schimmert hoffnungsvoll hellgrün. »Dein Studienplatz« ist darauf geschrieben.

»Jetzt sind nur noch Prüfungen, Ende September geht es dann wieder richtig los«, erklärt Diana Rosenthal, Leiterin des Zentrums für Gründung und Transfer an der Einrichtung. Rund 2700 Studierende sind an der Technischen Hochschule eingeschrieben. »Wir sind eine kleine Hochschule, die viel zu bieten hat«, sagt Andreas Wilms, seit gut einem Jahr ihr Präsident, der jüngste bundesweit. Für Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) ist der Vor-Ort-Termin am Donnerstag eine Art Antrittsbesuch auf dem Campus. Mit von der Partie ist Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). Gleich zu Beginn erinnert Schüle den THB-Chef an dessen Versprechen, »diese Hochschule zur Gründungs-Hochschule der Republik« zu entwickeln.

In die einstigen Husaren-Kasernen, in denen die DDR-Volksarmee bis 1990 Hubschrauberpiloten ausbilden ließ, ist 1992 die nach der Wende gegründete Fachhochschule eingezogen. Die Landesregierung nahm dabei viel Geld in die Hand - in der Hoffnung auf technische Gründungen, die der wirtschaftlichen Entwicklung Brandenburgs Schwung geben. Schüle erinnert daran, dass die vorwiegend kleinen und mittleren Unternehmen des Landes nur 0,57 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung investieren, bundesweit liege der Schnitt bei 2,1 Prozent. Die Landespolitik müsse hier mit finanziellen Mitteln ausgleichend wirken. Die TH Brandenburg kann immerhin auf fünf bis sieben Firmengründungen pro Jahr verweisen.

Einer der Gründer ist der Student Marius Liefold, der den Gästen sein Projekt aus der Zahntechnik vorstellt. Gemeinsam mit einem Partner entwickelte er eine weltweit einmalige Methode, um den Stand von Ober- und Unterkiefer zueinander zu erfassen und abzuspeichern. Fehlstellungen verursachen hier bei vielen Menschen Kopfschmerzen, Migräne oder Unwohlsein. Oft würden Ärzte nicht erkennen, dass es die Zähne seien, die zu solchen Beschwerden führen, so Liefold. Von den Ministern nach den Hauptschwierigkeiten bei der Unternehmensgründung befragt, sagt er: Im entscheidenden Moment fehle das Geld, und mitunter komme halt eine gute Idee zum falschen Zeitpunkt.

Ministerin Schüle merkt an, dass fünf Jahre nach Gründung nur noch jedes dritte Start-up am Markt ist. Lars Schulze, der selbst aus Brandenburg/Havel stammt, hat schon 1996 seine erste kleine Firma gegründet hat. Nach deren erfolgreichen Verkauf hat er das mehrfach wiederholt. Er hat in Anspielung auf das US-Vorbild Silicon Valley den Begriff »Havel Valley« kreiert und gilt heute als wichtiger Ansprechpartner, wenn es um die Frage geht, wie man man ein Unternehmen richtig gründet. Sein Tipp: Der günstigste Zeitpunkt für einen solchen Start sei während des Studiums oder unmittelbar danach. Wer erst einmal Familie und eine Festanstellung habe, der bequeme sich nicht so rasch zu solch einem Schritt, der die ganze Person fordere. Zu viele Start-ups würden zudem Zeit damit vertrödeln, auf Förderung zu warten. Viele Schritte hin zum eigenen Unternehmen könne man auch allein gehen.

1990 hatte die Bundesregierung neben anderen Städten auch Brandenburg/Havel zur Modellstadt entwickeln wollen. Das ist schief gegangen - rund 20 Jahre lang war der Stahlstandort ein Sorgenkind der Landespolitik. Die Einwohnerzahl sank von fast 100 000 auf heute rund 72 000, vor allem die Jugend wanderte ab. Erst im Zuge der Bundesgartenschau von 2015 zeichnete sich ein Umschwung ab. Die Junggründer beteuern, dass sie gern hier leben, Brandenburg habe sich vom »hässlichen Entlein« zu einer attraktiven Stadt am Wasser gemausert. Angesichts der modernen Informationstechnik sei es aber letztlich egal, wo man wohne, weil man von jedem Platz der Welt aus arbeiten könne.

Die Hochschule will auch die Gäste mit einem vielseitigen, aktuellen Forschungsprofil überzeugen. Im Fachbereich Informatik und Medien simulierte Thomas Schrader am Bildschirm die Ausbreitung des Coronavirus. Bezogen auf die Annahme, eine Herden-Immunisierung würde der Ausbreitung Schranken setzen, warnt er: »Die Infektion verläuft viel zu schnell, als dass die Herden-Immunisierung funktionieren könnte«. Gemeinsam mit der Universität Magdeburg wird nebenan ein Gerät für ein Balance-Training für Demenzkranke entwickelt.

Im Fachbereich Technik führt Sven-Frithjof Goecke energiesparendes Laser-Schweißen von Dünnblechen vor. Gearbeitet wird hier auch an einer Meerwasserentsalzungsanlage, die ausschließlich mit Wind- und Sonnenenergie betrieben wird. Wirtschaftsminister Steinbach sieht in solchen Projekten, wie er betont, einen Beleg dafür, dass zwischen technischem und sozialem Engagement kein Widerspruch bestehen muss.

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