Corona als Geschäftschance

Italiens Anti-Mafia-Behörde warnt vor Machtzuwachs des organisierten Verbrechens

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 3 Min.

In Italien spricht man derzeit viel vom »zweiten Virus«. Damit ist nicht eine zweite Covid-19-Infektionswelle gemeint, sondern die Gefahr, dass nach dem Ausbruch der Coronapandemie die Mafia noch mehr Einfluss in der Bevölkerung erlangen und sich noch mehr bereichern könnte.

Eine erste Analyse dieses »zweiten Virus« versucht jetzt die Leitung der Anti-Mafia-Untersuchungsbehörden (DIA), eine dem italienischen Innenministerium untergeordnete Polizeibehörde, die die Bekämpfung der organisierten Kriminalität nationalweit koordiniert. In ihren aktuellen Halbjahresbericht für 2019, der Ende der Woche in Rom vorgestellt wurde, gibt es ein Sonderkapitel, das sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf die Mafia beschäftigt.

Darin heißt es, dass die Lähmung der Wirtschaft, die durch Corona hervorgerufen wurde, den verschiedenen Mafiaorganisationen »Perspektiven an Bereicherung und Ausdehnung eröffnen kann, die nur ein Nachkriegsszenarium bieten kann«. Der Schock, der vom Virus hervorgerufen wurde, schreiben die Analysten der DIA, habe direkte Auswirkungen auf ein Wirtschaftssystem, dass schon vorher in Schwierigkeiten steckte und jetzt dringend neue finanzielle Liquidität benötige. Das könnte folgendermaßen aussehen: Die kriminellen Organisationen »wollen ihren sozialen Konsens konsolidieren«, indem sie den Bürgern alternative Hilfen anbieten, sei es durch Lebensmittelpakete oder durch Bargeld, dass sie »großzügig« verteilen. Dadurch bieten sie sich als funktionierende Alternative zu einem Zentralstaat an, der in vielen Landesteilen gar nicht oder zu spät eingreift. Kurzfristig würde das der organisierten Kriminalität zugutekommen, etwa bei den kommenden Wahlen, weil von ihnen unterstützte Kandidaten (in praktisch allen Parteien) große Chancen hätten - auf die auch die Parteien selbst nicht gerne verzichten möchten. In einer zweiten Phase könnte sich die Mafia dann immer mehr als »Global Player« auch auf internationaler Ebene hervortun.

Schließlich braucht die internationale Wirtschaft dringend Geld, um die Folgen der Coronakrise aufzufangen. »Es ist nicht unwahrscheinlich«, heißt es in dem Bericht der DIA, »dass mittlere und große Betriebe die allgemeinen Schwierigkeiten ausnutzen, um Konkurrenten, die derzeit weniger konkurrenzfähig sind, vom Markt zu drängen«. Das könnte ihnen mit Mafiakapital gelingen. Es wäre ebenso gut möglich, »dass Betriebe, die sich in Schwierigkeiten befinden, Schulden bei Mafiaorganisationen aufnehmen«. Dadurch würde unser gesamtes Wirtschaftsgefüge - nicht nur in Italien - verzerrt werden.

Die DIA erklärt auch, welche Bereiche am stärksten von so einer Entwicklung gefährdet sind. Ganz oben steht die Gesundheitsbranche, in die augenblicklich überall viel Geld gepumpt wird und die außerdem die soziale Kontrolle durch die Mafia verstärken könnte. Es folgen der Tourismus- und der Restaurantsektor, die ja besonders unter der Pandemie leiden und in Ermangelung staatlicher Hilfen auch auf den illegalen Geldverleih zurückgreifen.

Ganz wichtig - so die Anti-Mafia-Behörde - wäre, dass die Staaten gerade jetzt, wo viel Geld in die Infrastruktur oder auch in die Green Economy fließe, ihre Kontrollfunktion nicht vergessen und bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen ganz genau hinsehen, wer diese Gelder einsteckt. Eine schlankere Bürokratie, wie sie überall gefordert wird, darf, so die DIA, auf keinen Fall auf Kosten der Legalität eingeführt werden!

Ein besonderes Kapitel ist dem Glückspiel gewidmet: »Im ›Warenkorb‹ der kriminellen Investitionen«, heißt es da, »stellt das Glückspiel ein wunderbares Instrument dar, weil es einerseits hervorragend für die Geldwäsche geeignet ist und andererseits enorme Profite verspricht. Nach dem Drogenhandel ist dies wohl der Sektor, der in Bezug auf die anfänglichen Investitionen den höchsten Gewinn ausspuckt und gleichzeitig wenig riskant ist.« Diese Gewinne seien, besonders bei Onlinewetten, schnell international versteckt und gewaschen. Deshalb fordert die DIA eine europaweite Initiative zur Eindämmung des illegalen Glückspiel- und Wettsektors.

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