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Die stigmatisierten Toten

Aktivisten fordern Entkriminalisierung und Umdenken in der Drogenpolitik

  • Von Lola Zeller
  • Lesedauer: 4 Min.

Konsumenten von Opiaten sind einem hohen Sterberisiko ausgesetzt. Allein im vergangenen Jahr starben deutschlandweit 1398 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums, wie aus dem jährlichen Suchthilfebericht hervorgeht. Um diesen Menschen zu gedenken und auf aktuelle drogenpolitische Probleme und Forderungen aufmerksam zu machen, finden jährlich am 21. Juli bundesweit und international Aktionen statt. In Berlin ist eine Kundgebung um 16 Uhr am Kottbusser Tor in Kreuzberg geplant.

»Hilfen müssen vor allem schnell und unbürokratisch geleistet werden«, sagt Marc Seilheimer, Sprecher des Bündnisses, das den Gedenktag vorbereitet. »Da spreche ich auch als Sozialarbeiter, der aus der akzeptierenden und offenen Drogenarbeit kommt.« Seilheimer arbeitet seit fünf Jahren in der Suchthilfe. Sein Arbeitsplatz ist in einer Kontaktstelle mit Drogenkonsumraum untergebracht. Menschen, die abhängig sind, die in der Krise sind, müsse es so einfach wie möglich gemacht werden, Hilfe anzunehmen. »Wenn dort erst bürokratische Verfahren, Kostenübernahmen, Anträge auf Ämtern gestellt werden müssen, dann ist es schwierig, dann Hilfe zu leisten, wenn die Person sie gerade benötigt«, berichtet er. Das Suchthilfesystem und Einrichtungen wie die Drogenkonsumräume und Spitzenvergaben seien in Berlin verhältnismäßig gut ausgestattet, aber auch hier gebe es Menschen, die davon ausgeschlossen blieben, weiß der Sozialarbeiter. Zum Beispiel müsse auch in den Gefängnissen eine Spritzenvergabe ermöglicht werden, fordert Seilheimer. »Auch migrantische Drogengebrauchende, die nicht krankenversichert sind, werden ausgegrenzt und haben keinen Zugang zu Substitution.«

Als Substitution wird das medizinische Verfahren bezeichnet, in dem Opiatabhängigen Ersatzstoffe bekommen, um ihre Sucht zu behandeln. »Da müssen Zugänge zum Gesundheitssystem geschaffen werden, sowohl für Menschen, die in Haft sind, als auch für Menschen, die aus rassistischen Gründen benachteiligt oder ausgegrenzt werden«, so Seilheimer.

Der Sozialarbeiter bereitet die Gedenkkundgebung eng zusammen mit der Selbsthilfegruppe JES, »Junkies, Ehemalige, Substituierte«, vor. Das Projekt organisiert seit 20 Jahren den Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende. Andreas Kramer ist Teil der Berliner JES-Gruppe. Er ist ebenfalls in die Vorbereitungen für die Gedenkaktion einbezogen. JES, so erzählt er, sei nicht bloß eine Gruppe zur gegenseitigen Selbsthilfe, auch wenn das ein wichtiger Teil sei. »Im Vordergrund steht, dass wir irgendwas machen, wir engagieren uns, wir machen politische Arbeit«, sagt Kramer. Er selbst habe langjährige Erfahrung im Drogenkonsum und hält vor allem die aktuelle Gesetzeslage für das größte Problem der Drogenpolitik. »Durch das Betäubungsmittelgesetz wird die Droge kriminalisiert und dadurch auch der Konsum«, sagt Kramer. Selbst kleine Dealer würden hartnäckig verfolgt, das sehe man zum Beispiel ständig am Kottbusser Tor in Kreuzberg. »Selbst für die Beschaffung muss ich in die Illegalität gehen und bin immer mit einem Fuß im Gefängnis oder habe die Polizei am Hals«, kritisiert Kramer.

Gegenstand der Gedenkkundgebung wird in diesem Jahr auch die aktuelle Situation durch die Corona-Pandemie sein. Kramer beschreibt die Schwierigkeiten für Drogenkonsumenten: »In der Pandemie ist die Angst vor Mitmenschen größer.« Und: »Wenn die Menschen eh schon Vorurteile haben, verschärft sich das, es wird egoistischer und brutaler.« Außerdem sei es für Menschen, die täglich ihre Drogen brauchen, schwieriger, das dafür nötige Geld zu verdienen. Gängige Einnahmemöglichkeiten fallen weg. »Betteln in geschlossenen Läden, Zeitungsverkauf, selbst Prostitution, das läuft alles schlecht gerade«, so Kramer.

Es habe aber auch positive Entwicklungen durch die Pandemie gegeben, sagt Marc Seilheimer. So konnten beispielsweise viele aufwendige bürokratische Probleme schnell gelöst werden. »Substitutionspraxen durften ihre Kapazitäten überschreiten, das heißt, sie durften mehr Leute aufnehmen«, sagt Seilheimer. Außerdem seien dort auch Regeln gelockert worden, so konnten sich Menschen einfacher ihre Substitutionsmittel über einen längeren Zeitraum verschreiben lassen, ohne jeden Tag in die dafür zuständige Praxis gehen zu müssen, wo in Zeiten der Pandemie eine erhöhte Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus besteht.

Eine weitere positive Folge der Coronakrise: Nichtversicherte, migrantische Menschen, die Drogen konsumieren und sonst keinen Zugang zum Hilfesystem haben, seien unbürokratisch in die Substitution vermittelt worden, so Seilheimer. Jetzt sei es wichtig, diese sozialpolitischen Fortschritte auch über die Pandemie hinaus zu erhalten. »Wir sagen: Kein Schritt zurück! Das, was es an Verbesserungen gegeben hat, muss weiter ausgebaut werden«, sagt der Sozialarbeiter. Um dies zu erreichen, brauche es laut Seilheimer nicht nur den guten Willen der politischen Entscheidungstragenden: »Es muss sich auch auf gesellschaftlicher Ebene etwas verändern.«

Auch die Deutsche Aidshilfe ruft Bund, Länder und Kommunen auf, Drogenabhängigen den Zugang zur medizinischen Versorgung zu erleichtern.

Die Gedenkkundgebung selbst wird in einem kleineren Rahmen als in den vergangenen Jahren stattfinden. Es soll Musik- und Redebeiträge und eine Gedenkminute geben. Unter Berücksichtigung des Infektionsrisikos durch Corona und des Anlasses wolle man keine große Menschenansammlung. Marc Seilheimer sagt: »Aber jeder, der Solidarität zeigen möchte und den Verstorbenen gedenken möchte, ist herzlich eingeladen.«

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