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Von der Ringparabel zu Lenin

Aus den Jugendjahren eines Kommunisten: Arnold Reisberg zum Gedenken

  • Von Gerhard Oberkofler, Innsbruck
  • Lesedauer: 4 Min.

In der DDR erhielten 14-jährige Jugendliche von 1954 bis 1974 zur Jugendweihe den Sammelband »Weltall. Erde. Mensch«. Wissen sollte ihnen die Grundlage beim Aufbau einer neuen Welt sein. Ab der Auflage 1968 enthielt dieses Werk einen Beitrag von Arnold Reisberg über Wladimir Iljitsch Lenin, dessen Geburtstag sich im April dieses Jahres zum 150. Mal jährte. Mit viel Einfühlung wird dargestellt, wie Lenins Jugendjahre Symbol für geistige Reifung, Herausbildung revolutionärer Überzeugung und kommunistischer Moral sein können. Reisberg war wegen seiner in Österreich und der DDR unbekannt gebliebenen eigenen Biografie für eine solche Darstellung besonders geeignet.

Geboren am 17. Februar 1904 in Borislav (Galizien), kam Reisberg über Stationen in Wien, Prag und Moskau sowie ab 1937 im Gulag und über eine Strafansiedlung in Tassejewo nach dem Krieg im Februar 1959 nach Berlin. Dort hat er als Historiker bis zu seinem Tode am 20. Juli 1980 herausragende wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, darunter insbesondere eine Dokumentation über das Leben des Begründers der Sowjetunion.

Reisberg war Erstgeborener einer ostjüdischen Familie, hatte einen Bruder und zwei Schwestern. Sein Vater Berl Reisberg war Lehrer an jüdischen Baron-Moritz-Hirsch-Volksschulen, zuletzt in Horodenka und Kolomea. Haben die Reisbergs 1914 mit ihrer Flucht nach Wien ihre galizische Heimat verloren und eine neue gewonnen? 1941 bis 1944 waren jedenfalls auch Bürger Wiens wie andere Österreicher, die seit 1938 dem »Deutschen Reich« angegliedert worden sind, in großdeutscher Wehrmachtsuniform in und um Borislav so wie in ganz Polen als »Liquidatoren« der jüdischen Bevölkerung eingesetzt.

Für Arnold Reisberg war der Besuch der Synagoge ebenso Pflicht wie der Erwerb von Kenntnissen, um auf dem »Meer des Talmuds« zu fahren. 1922 legte er die Matura als Privatist ab. Im Fach Deutsch war er über den Inhalt der »Ringparabel« geprüft worden. Durch Zufall war dem Maturanten Reisberg das Protokoll des I. Kongresses der Kommunistischen Internationale (März 1919) in die Hände gekommen. Das Wort Freiheit erhielt für Reisberg einen humanen Inhalt: Es war nicht mehr die bürgerlich-liberale Freiheit, ein Ghetto möglichst auf dem Weg zum Friedhof zu verlassen, sondern eine Freiheit, die mit allen Menschen geteilt werden sollte, Freiheit von Unterdrückung und Würdelosigkeit jeder Art. So trat er 1923 dem Kommunistischen Jugendverband und 1924 der KPÖ bei, nicht als eskapistischer Idealist, sondern als Aktivist.

Zum Wintersemester 1922/23 inskribierte Reisberg an der Wiener Universität Geschichte und diverse andere Fächer - ohne irgendeine Aussicht auf Anstellung hernach. Die Universitätslosung »Hinaus mit den Juden!«, bald ergänzt mit »Hinaus mit den Marxisten«, war allgegenwärtig. In seinen eigenhändig ausgefüllten Nationalien gibt Reisberg »mosaisch« als Religionsbekenntnis an, Polnisch als Muttersprache und Staatsbürgerschaft sowie jüdisch als Volkszugehörigkeit. Von der Zahlung des Kollegiengeldes war Reisberg, dessen Vater als Schuhvertreter 1928 knapp vor einem Privatkonkurs stand, nicht befreit. Reisberg hörte in viele Vorlesungen hinein, im ersten Jahr vor allem bei dem in das Studium gut einführenden Historiker Wilhelm Bauer, der vorgab, Juden auf den ersten Blick zu erkennen.

Sein Lehrer Alfons Dopsch beauftragte Reisberg, der ihm aufgefallen war, herauszuarbeiten, welche Bedeutung der Deutsche Zollverein (1834) und das gemeinsame Postwesen (1850) für eine mögliche Wirtschaftsgemeinschaft von Österreich und Deutschland vor der Revolution 1848 hätte haben können. Es sollte eine Erweiterung zu den Intentionen des Buches von Heinrich Srbik über den ehemaligen österreichischen Außen- und Staatsminister Metternich werden. Sowohl Dopsch wie Srbik waren großdeutsch, Srbik dazu ein Propagandist der »Missionsidee des deutschen Volkes« und Gegner des »moskowitischen Semitismus«. 1927 reichte Reisberg seine Dissertation »Der wirtschaftliche Anschluss Österreichs an Deutschland« in den Jahren 1840 bis 1848 ein. Das Zusammenwachsen von Österreich und Deutschland im Vormärz wäre nur nützlich gewesen, die Geschichte Europas hätte einen anderen Verlauf genommen. Dopsch und Srbik approbierten die Doktorarbeit von Reisberg freundlich, und so konnte er am 23. Mai 1928 zum Dr. phil. promovieren. Kindheit und Jugend waren vorbei.

Arnold Reisberg blieb ein »unverbesserlicher« Kommunist, er gab mit seinem ganzen Leben Zeugnis für die Utopie einer neuen ökonomischen sozialen, politischen und kulturellen Ordnung der Welt.

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